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Joachim Gabor im Interview "Ich muss Schuhe riechen"

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Weshalb gründeten Sie Ihre Firma nicht in Saalfeld, sondern Hunderte Kilometer nördlich in Barmstedt bei Hamburg, also in der Westzone?

Wir suchten per Anzeige in der Zeitschrift „ABC der Schuhtechnik“ Industrienähmaschinen. Daraufhin meldete sich ein Schuhfabrikant namens Erich Rickert aus Barmstedt, der eine Fabrikhalle und noch ein paar Maschinen hatte, die er an mich und meinen Bruder Bernhard vermieten wollte. Das war ein schöner Zufall, zumal uns Brüdern klar war, dass es für uns in der sowjetischen Besatzungszone keine Zukunft geben würde.

Wie schafften Sie es, anstelle von Rickert Schuhe zu produzieren? In dieser Zeit müssen sich die Leute doch um jedes Paar gerissen haben.

Rickert hatte einen Großteil seiner Maschinen im Krieg verloren. Mein Bruder hatte in Saalfeld bereits einige Maschinen. Zusammen mit Rickerts Exemplaren war der Maschinenpark für einen Neuanfang komplett. Allein hätte Rickert es nicht geschafft. Und wir auch nicht.

Wie ist es Ihnen gelungen, eine halbe Fabrik von Ost- nach Westdeutschland zu schaffen? 

Wir haben die Maschinen einfach in ihre Einzelteile zerlegt und nachts in Rucksäcken über die Zonengrenzen geschmuggelt, mal mit dem Fahrrad, mal zu Fuß. Manchmal halfen uns Verwandte oder Freunde, manchmal auch wildfremde Bauern mit ihren Pferdefuhrwerken – im Tausch gegen ein paar Zigaretten.

Nein, „Angst“ habe er nie gehabt, erinnert sich Joachim Gabor, obwohl überall Rotarmisten und Patrouillen der Volkspolizei lauerten. Wer erwischt wurde, dem drohten Knast und der Verlust des Personalausweises. Wenn, dann habe er „Hunger“ gehabt. Nach über 30 nächtlichen Aktionen haben es Bernhard und Joachim am 1. Februar 1949 geschafft. Die B. & J. Gabor Damenschuhfabrik nimmt in Barmstedt die Schuhproduktion auf. Für ihre erste Steppmaschine, eine Singer 34, geben die Brüder die goldene Springdeckeluhr ihres Vaters her. Entgegen nimmt sie Werner Otto, der Gründer des späteren Versandhandelsriesen Otto. Als Joachim 20 Jahre alt wird, ist er Unternehmer – wieder ein großer Einschnitt in seinem Leben.

Wie war das, 1949 Unternehmer zu werden?

Wir haben von früh bis spät geschuftet, unterstützt von einem guten Dutzend Mitarbeitern, ebenfalls fast alle Flüchtlinge aus dem Osten Deutschlands. Hergestellt haben wir den „Jedermann“-Schuh, der wie der Name schon sagt, nicht besonders individuell und modisch war, aber halt jedem irgendwie passte. 10 bis 15 Paar Schuhe haben wir pro Tag geschafft. Das hört sich wenig an, war es aber nicht, weil wir trotz Maschinen vieles per Hand fertigen mussten. Und dann hieß es ja auch noch die Schuhe verkaufen. Mit dem Fahrrad habe ich sie an Händler in der näheren Umgebung geliefert. Geschlafen haben wir auf dem Dachboden der Fabrik. Oft bin ich nachts alle zwei Stunden aufgestanden, um die fertigen Schuhe aus der Presse zu nehmen und neue einzustellen.

Wie haben Sie damals Ihre Mitarbeiter bezahlt?

Hin und wieder in D-Mark. Aber gängige Zahlungsmittel waren auch Würste, Mehl oder Zucker. Das wurde mit den Mitarbeitern geteilt.

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