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Joachim Gabor im Interview "Ich muss Schuhe riechen"

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Die Jedermann-Schuhe laufen nur anfangs gut, als die Deutschen froh sind, überhaupt etwas an den Füßen zu haben. Bald will sie niemand mehr. Die Brüder stehen vor der Entscheidung, die Schuhproduktion ganz aufzugeben. Da reist Bernhard 1951 in die USA und findet dort neue Ideen. Die Gabors produzieren den „California“, einen leichten Drei-Schnallenschuh, der ein neues Lebensgefühl vermittelt. „California“, das klingt nicht mehr wie „Jedermann“ nach Hunger und Heimatlosigkeit, sondern nach Sonne, Sand, Rock ’n’ Roll und neuer Freiheit. Der auch in mageren Zeiten erschwingliche Schuh wird den Gabors förmlich aus den Händen gerissen. Händler bieten Vorkasse, um mit dem Schnallenschuh beliefert zu werden. Ab 1955 setzt Joachim dann auf Ballerinas, obwohl der „California“ immer noch wie verrückt läuft. Wieder landet er einen Volltreffer. Dass er nie an Bewährtem festhält, wenn sich etwas anderes abzuzeichnen beginnt, sollte über die kommenden Jahrzehnte zu seinem Erfolgsrezept werden.

Mitte der Sechzigerjahre ist wieder so ein Zeitpunkt gekommen, an dem Gabor einen Strategiewechsel vollzieht. Die Aufbauphase der Fünfzigerjahre geht zu Ende, jetzt wird der Export wichtig. Das Unternehmen zieht 1966 von Barmstedt nach Rosenheim, um näher an den Lederfabrikanten in Italien und der Gabor-Fabrik in Österreich zu sein. Mit nach Bayern zieht ein Großteil der Beschäftigten, insgesamt 63 Familien – ein Exodus, den es in der Branche bisher nicht gegeben hatte. Im gleichen Jahr stirbt Bernhard Gabor. Das geniale Zusammenspiel der beiden Brüder ist jäh zerstört. Joachim, der Mann mit dem richtigen Instinkt für Schuhmode und bezahlbare Qualität, verliert den Tüftler mit dem sicheren Blick für technische Abläufe. Doch der jüngere der Gabor-Brüder wird dadurch nur noch stärker. Mit Hartnäckigkeit, Sinn für Ästhetik und Perfektion, Umsicht und Strenge führt er das Unternehmen ins neue Jahrtausend. Seine Umsicht und Strenge zugleich machen ihn zum Patriarch im besten Sinne. Und über allem steht ein konservativer Wert: die emotionale Bindung, die enge und unbedingte Identifikation jedes einzelnen Mitarbeiters mit der Firma Gabor.

Sie haben über viele Jahre ein Näschen für modische Trends bewiesen und ein Gespür dafür, Krisen vorauszuahnen und Gabor nahezu unbeschadet durch diese Tiefen zu steuern. Was raten Sie Ihrem Sohn Achim, der das Unternehmen seit 2005 führt, in der aktuellen Krise?

Er soll keine Schnellschüsse machen. Ich glaube aber, dass es in Deutschland keine großen Einbrüche in unserem Geschäft geben wird. Allerdings werden wir aufgrund unserer Auslandsaktivitäten die Auswirkungen in Osteuropa und Großbritannien deutlich spüren. Die Orders von dort haben spürbar nachgelassen. Aber Gabor ist gut aufgestellt, hat ein solides Polster für schwächere Zeiten und mir wird auch um die nächsten 60 Jahre nicht bange.

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