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Joschka Fischer Dick im Geschäft

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Der Ex-Bundesaußenminister weiß, was gefragt ist bei seinen Gegnern aus Straßenkampfzeiten und was Geld bringt. Beratungsunternehmen wie McKinsey, Accenture oder Kienbaum zücken gewaltige Präsentationen, wenn sie Konzernen Konzepte für Nachhaltigkeit verkaufen wollen. Siemens beschäftigt seine Einkaufschefin Barbara Kux zugleich auch als Nachhaltigkeits-Beauftragte. BMW-Chef Reithofer und sein Rewe-Kollege Alain Caparros organisieren Feten und Workshops für Lieferanten, Hauptsache, der Kaffee dabei kommt aus fairem Anbau, und der Broccoli wurde nicht von allzu armen Erntehelfern gepflückt.

Der Berliner Unternehmensberater Peter Paschek, der mit der amerikanischen Marketing-Ikone Peter Drucker ein Buch über die Kardinaltugenden effektiver Führung herausgab, sekundiert Fischer und seiner Geschäftsidee vehement. Es sei inzwischen so, dass „der Nachweis, dass ein Unternehmen nachhaltig wirtschaftet, heute in den USA zur Grundvoraussetzung gehört, mit Kunden überhaupt in Kontakt zu kommen“. Wer nicht nachweise, dass er mit Rücksicht auf Natur und Gesundheit wirtschafte, „fliegt aus den Lieferantenlisten“.

Und deshalb fliegt Fischer genau darauf. Sein Vorbild ist Ex-US-Außenministerin Albright. Dass BMW ihn im Juli 2009 – zunächst in einem recht losen Beratungsverhältnis – anheuerte, verdankt Fischer der Freundschaft zu der mittlerweile 74-Jährigen. Die Demokratin diente von 1997 bis 2001 im Außenamt unter Präsident Bill Clinton. Ihr seitheriger Weg wirkt wie eine Art Road Map, ein Marschweg, für Fischer.

Einstieg in ein neues Leben

Albright gründete bald nach ihrem Ausscheiden im Jahr 2002 in New York eine Consultingfirma für politische und strategische Beratung, die Albright-Group. Vor allem amerikanische Unternehmen, die in Schwellen- und Entwicklungsländer expandieren wollten, suchten ihren Rat. Dazu gehörte zum Beispiel der Lebensmittelkonzern Kraft Foods, der in Asien stärker Fuß fassen möchte. Albright ist es, die Fischer an die Hand und die ihn mit nimmt an die Tröge der Konzerne. 2005, kurz nach der Abwahl von Rot-Grün, damals noch schlanker Langstreckenläufer, wird Fischer von der befreundeten Lady angesprochen, ob er eine Niederlassung ihrer Beratungsfirma in Deutschland gründen wolle.

Anlass war ein sich abzeichnender Beratungsvertrag Albrights mit BMW. Der Münchner Autobauer wollte von der Amerikanerin Hilfe, wie er weltweit als Konzern erscheinen könne, der sich der Nachhaltigkeit verpflichtet fühle, und wie er das Verhältnis zu den politischen Klassen in den Schwellenländern verbessern könne. BMW galt in manchen dieser Regionen als arrogante, typisch deutsche Aufsteigermarke. Zugleich suchten die Bayern Zugang zum liberalen amerikanischen Establishment, wo Themen wie Frauenquote und innerbetriebliche kulturelle Vielfalt gerade den Weg aus der Nische in die Konzernführungen fanden. Darin sah die BMW-Spitze, die Norbert Reithofer seit September 2006 verkörpert, eine gute Möglichkeit, das Image zu verbessern.

Für Fischer war das der Einstieg in sein neues Leben. Er wurde 2006 eine Art freier Mitarbeiter, der im Auftrag Albrights mit BMW Kontakt aufnahm. Als „Senior Strategic Counsel“ blickte er ernst von Albrights Internet-Seite. Fischer besuchte häufig den damaligen Albright-Firmensitz an der teuren Fifth Avenue in New York, fuhr mit dem Fahrstuhl in den neunten Stock und beriet mit der Chefin und ihrem Stab über Auftraggeber in Europa.

Kein Platz mehr

Doch bald merkte der Lehrling aus Germany, dass Albrights erhoffter Auftrag von BMW eigentlich auch etwas für ihn war. Zu einem besseren Ruf in Brasilien, einem kürzeren Draht zu den Mächtigen Chinas, zu Einblicken in staatliche Verkehrskonzepte der Megacitys – dazu konnte gewiss auch er dem weißblauen Autokonzern verhelfen. Ein „Counsel“, der er für Albright sein sollte, ist eine Art höherer Sachbearbeiter, weit unter den Partnern. Damit kann sich ein Egomane wie er nicht zufriedengeben.

Den entscheidenden Schritt in Richtung Selbstständigkeit unternimmt Fischer, als Albright ihre Firma 2009 mit der US-Beratungsgesellschaft Stonebridge International in Washington fusioniert. In dieser Liason ist kein Platz mehr für Fischer als gleichberechtigten Partner. Gleichwohl erkennt er, dass das neue Unternehmen jenseits des Atlantiks ein Netzwerk bildet, in dem es nur so von außen- und sicherheitspolitischen Experten der früheren US-Regierung unter Bill Clinton wimmelt.

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