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Joschka Fischer Dick im Geschäft

Der ehemalige Straßenkämpfer, grüne Außenminister und Vizekanzler Joschka Fischer hat sein früheres Leben abgestreift. Als Mehrheitsgesellschafter der Berliner Beratungsfirma JF&C steht er nun im Unternehmerlager und macht Millionen mit Siemens, RWE, BMW und Rewe. Dabei hilft ihm ein Netzwerk rund um den Globus.

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Der ehemalige Quelle: dapd

Irgendwann ist es dann doch so weit. Joschka Fischer, 62, Bundesaußenminister a.D., will persönlich mit der WirtschaftsWoche sprechen. Ein Elder Statesman wie er gibt nicht eben mal ein Interview, schon gar nicht unter vier Augen.

Der Ort des Ereignisses misst 210 Quadratmeter und ist eine Büroetage im zweiten Stock der Berliner Markgrafenstraße, direkt am Gendarmenmarkt. Das Gebäude in prominenter Lage beherbergt viele Mieter, zum Beispiel die Burn-out-Beratung eines „Theodor-Fliedner-Psychologie-Instituts“, aber auch die Firma Joschka Fischer Consulting, kurz: JF&C.

Der Herr über das Etablissement mit dem kryptischen Kürzel wirkt etwas abgehetzt heute, vom Berliner Straßenverkehr. Er hatte sich für 11 Uhr angekündigt an diesem spätwinterlichen Montag. Früher habe er nicht gekonnt, sagt er. Als er eintrifft, ist es 11.20 Uhr. Er scheucht eine seiner Mitarbeiterinnen, die gerade einen Kaffee trinkt, aus der Sitzecke seines großzügigen Büros mit Blick auf Deutschen und Französischen Dom, schimpft, nörgelt, grummelt, schimpft.

Pensionär mit Adressbuch

Irgendwann fängt sich der Verspätete dann aber doch. Er sagt, „Sorry, ich saß im Stau“, lässt sich in seine Sofaecke plumpsen – und wird endlich, wie er wirken will: die Beine weit von sich gestreckt, das karierte Hemd am Kragen weit offen, bemüht freundlich und bemüht jovial, wie Menschen höheren Rangs sich gegenüber Subalternen eben gern leutselig geben.

Der hier spricht, ist ein Mann, der durch viele Ämter und Rollen gehärtet, abgeklärt und gelegentlich auch entrückt ist. Er war schon viel: Fotografenlehrling ohne Abschluss, Teilzeitstudent, Buchhändler, Straßenkämpfer, Wahlkampflokomotive der Grünen, hessischer Umweltminister vereidigt in Turnschuhen, Bundestagsabgeordneter, Bundesaußenminister, Vizekanzler, das Amt des europäischen Außenministers blieb ihm am Ende verwehrt.

Nun ist er Unternehmer in Berlin mit acht Angestellten. Unternehmensberater, nennt er sich, einer, der mit den Konzernchefs dieser Welt parliert, als ob er selber einer wäre. Die Beratung von Großunternehmen auf dem Feld der „Nachhaltigkeit“ sei der Geschäftszweck seiner Firma, erklärt er. „Nachhaltigkeit“, das muss ihm keiner sagen, kommt aus der Ökobewegung und bedeutet eine Form des Wirtschaftens, die sich langfristig nicht ihrer eigenen Grundlagen beraubt – nicht der Umwelt, nicht der Mitarbeiter, nicht der Kunden, nicht der Ressourcen.

Politnetzwerker mit prallem Adress- und Telefonbuch

Das klingt gut, immer und überall, und ist wie geschaffen für einen, der in seinem Leben so viele politische und ideologische Volten schlug – und endlich irgendwo ankommen will. Da hilft der inzwischen oft zur Bedeutungslosigkeit entleerte Begriff hervorragend, sich mit mehr Politur zu präsentieren als manch anderer Ex-Politiker. Fischer will mehr hermachen als simple Politnetzwerker mit prallem Adress- und Telefonbuch. „Nachhaltigkeit“ übertüncht optimal, dass auch er eigentlich nur Drähte zieht, Türen öffnet und Termine auf höchsten Ebenen eintütet.

Es gibt Politpensionäre, die als Berater schon froh sind, gelegentlich eine Sparkasse, ein Stadtwerk oder eine Stiftung als Redner zu beehren. Bei Fischer sieht die Kundenliste anders aus. Siemens, BMW, der Energiekonzern RWE und die Supermarktkette Rewe haben ihn auf ihrer Pay Roll. Bis vor wenigen Jahren standen solche Adressen noch für Nachhaltigkeit wie der Vatikan für den Zölibat: RWE, der Braunkohleverstromer, CO2-Luftverpester und Atomkraftwerk-Riese; Siemens, über Jahre eines der korruptesten deutschen Unternehmen; BMW, bis vor Kurzem noch Synonym für PS ohne Grenzen.

Heute sieht der einstige Obergrüne in solchen Adressen in erster Linie zahlungskräftige Kunden. Was er ihnen bieten kann, hat er als Geschäftszweck seiner Firma unter Nr. HRB 120879 B ins Berliner Handelsregister eintragen lassen: Die „Erbringung von Beratungsleistungen mit den Schwerpunkten strategischer Beratung zur Flankierung unternehmerischer und politischer Entscheidungsprozesse, PR- und Imageberatung“.

Joschka Fischer_2 Quelle: picture-alliance/dpa

Natürlich weiß Unternehmer Fischer, dass er mit solchem Geschwurbel nirgendwo landen kann. Deshalb hat er sich etwas ausgedacht, womit er sich von den vielen anderen Kontaktschmieden ehemaliger Politiker unterscheiden könnte, eine Unique Selling Position, wie Marketingexperten sagen. Er betreibe seine JF&C nämlich mit der ehemaligen US-Außenministerin Madeleine Albright zusammen, betont er und schlägt mit den Wimpern. „Mit Madeleine bieten wir global an, das macht sonst keiner.“

Fischer hat rigoros mit allem gebrochen, was nur im Entferntesten nach Ökopaxe und Basisdemokratie riecht. „Nein, nein, so was machen wir nicht“ – „das stellen Sie sich zu einfach vor“, wehrt er Vermutungen ab, er könnte mit Sympathisanten aus alter Zeit, etwa mit Nichtregierungsorganisationen wie WWF oder Greenpeace, zusammenarbeiten. Auch wenn die selbst bei Konzernlenkern langsam hoffähig werden, für Fischer sind das Krethi und Plethi von der Straßendemo, von denen er nichts mehr wissen will. Er will ja Geld verdienen, das ist legitim, will in den Top-Etagen nicht mehr als Realo, sondern als Respektsperson gelten.

Pension reicht nicht

„Man darf in der Beratung nicht zu politisch werden“, doziert er. „Man muss entpolitisieren, sonst gibt es zu viel Widerstände für ein Unternehmen.“ Und dann kommt das volle Pfund zum Mitschreiben: „Meine Beratung hier ist die Fortsetzung der Außenpolitik mit anderen Mitteln.“

Vier Jahre nach dem Ende von Rot-Grün, am 2. Juli 2009, gründet Fischer seine Firma zusammen mit dem langjährigen Pressesprecher der Grünen im Bundestag, Dietmar Huber. Fischer hält 51 Prozent, Huber 49 Prozent. Das Stammkapital beträgt 25 000 Euro. Das erste Geschäftsjahr ist im Bundesanzeiger veröffentlicht, es ist ein Rumpfgeschäftsjahr, denn es begann ja erst in der Mitte des Jahres. 209 000 Euro Gewinn machte JF&C 2009 offiziell, dem standen 172 000 Euro Verbindlichkeiten gegenüber – Designermöbel sind teuer. Für 2010 gibt es noch keine Bilanz. Das Zehnfache an Gewinn, grob zwei Millionen Euro, wird erwartet.

Fischer reicht seine Pension als Außenminister a. D. nicht. Die 11.000 Euro im Monat, für die meisten seiner alten Parteifreunde und Bundesbürger ein toller Betrag, wirken läppisch für diejenigen, die er berät und denen er sich zugehörig fühlt. BMW-Chef Norbert Reithofer, Siemens-Lenker Peter Löscher kommen auf das 20-Fache, RWE-Chef Grossmann hat seit seinem 32. Lebensjahr nicht mehr so wenig verdient, ist heute auch noch Stahlunternehmer und 100-facher Millionär. Wer zu Gast bei seinen Hummerpartys auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos ist, spürt den gar nicht so feinen Unterschied.

Kein „Hallo Joschka“ mehr

Und trotzdem ist Fischers eigentliche Benchmark jemand anderes. Sein inneres Auge ruht auf Zug in der Schweiz, dem Sitz der Nordstream Pipelinegesellschaft. Dort residiert „der Altkanzler“, wie Fischer seinen ehemaligen Koalitionspartner und Regierungschef nur noch nennt. Schröder ist Aufsichtsratschef des Unternehmens, das gerade die Gaspipeline zwischen Russland und Deutschland durch die Ostsee verlegt. In dieser Funktion verdient er 250.000 Euro im Jahr. Der Job ist locker, nicht sehr zeitaufwendig. Entscheidungen bei Nordstream treffen sowieso die Teilhaber, darunter der russische Gaskonzern Gazprom, Gaz de France und E.On aus Düsseldorf.

Fischer muss im Vergleich zu Schröder deutlich mehr ackern. Er präsidiert nicht, die großen Wirtschaftsbosse, die er bedient, wollen Leistung und Präsenz. Deshalb verspricht Fischer seinen Kunden eine Mischung aus Personality-Show, Netzwerk und einem kräftigen Spritzer Nachhaltigkeit.

Was Fischer bringen muss, zeigten die Manager des Lebensmittelhandelskonzerns Rewe im Spätherbst vergangenen Jahres. Auf einer großen Party zur Verleihung des Nachhaltigkeitspreises im Düsseldorfer Maritim-Hotel gab Rewe-Berater Fischer den herausragenden Stargast. 1000 Gäste applaudierten einer Show, die er dem Einsatz für Gesundheit und Umwelt widmete. Mit Rewe-Chef Caparros verbindet Fischer an diesem Abend herzliches Schulterklopfen. Die ausgestreckte Hand von Ernst Ulrich von Weizsäcker hingegen, dem ehemaligen Chef des Wuppertaler Instituts für Umwelt und Energie, lässt er unberührt und geht weiter. Mit „Hallo Joschka“ will Unternehmer Fischer nicht angesprochen werden. Wenige Meter von der Bühne entfernt paffen die Gäste in der Rewe-Raucherlounge, wo Reemtsma kostenlos Zigaretten und Zigarren feilbietet.

Der Ex-Bundesaußenminister weiß, was gefragt ist bei seinen Gegnern aus Straßenkampfzeiten und was Geld bringt. Beratungsunternehmen wie McKinsey, Accenture oder Kienbaum zücken gewaltige Präsentationen, wenn sie Konzernen Konzepte für Nachhaltigkeit verkaufen wollen. Siemens beschäftigt seine Einkaufschefin Barbara Kux zugleich auch als Nachhaltigkeits-Beauftragte. BMW-Chef Reithofer und sein Rewe-Kollege Alain Caparros organisieren Feten und Workshops für Lieferanten, Hauptsache, der Kaffee dabei kommt aus fairem Anbau, und der Broccoli wurde nicht von allzu armen Erntehelfern gepflückt.

Der Berliner Unternehmensberater Peter Paschek, der mit der amerikanischen Marketing-Ikone Peter Drucker ein Buch über die Kardinaltugenden effektiver Führung herausgab, sekundiert Fischer und seiner Geschäftsidee vehement. Es sei inzwischen so, dass „der Nachweis, dass ein Unternehmen nachhaltig wirtschaftet, heute in den USA zur Grundvoraussetzung gehört, mit Kunden überhaupt in Kontakt zu kommen“. Wer nicht nachweise, dass er mit Rücksicht auf Natur und Gesundheit wirtschafte, „fliegt aus den Lieferantenlisten“.

Und deshalb fliegt Fischer genau darauf. Sein Vorbild ist Ex-US-Außenministerin Albright. Dass BMW ihn im Juli 2009 – zunächst in einem recht losen Beratungsverhältnis – anheuerte, verdankt Fischer der Freundschaft zu der mittlerweile 74-Jährigen. Die Demokratin diente von 1997 bis 2001 im Außenamt unter Präsident Bill Clinton. Ihr seitheriger Weg wirkt wie eine Art Road Map, ein Marschweg, für Fischer.

Einstieg in ein neues Leben

Albright gründete bald nach ihrem Ausscheiden im Jahr 2002 in New York eine Consultingfirma für politische und strategische Beratung, die Albright-Group. Vor allem amerikanische Unternehmen, die in Schwellen- und Entwicklungsländer expandieren wollten, suchten ihren Rat. Dazu gehörte zum Beispiel der Lebensmittelkonzern Kraft Foods, der in Asien stärker Fuß fassen möchte. Albright ist es, die Fischer an die Hand und die ihn mit nimmt an die Tröge der Konzerne. 2005, kurz nach der Abwahl von Rot-Grün, damals noch schlanker Langstreckenläufer, wird Fischer von der befreundeten Lady angesprochen, ob er eine Niederlassung ihrer Beratungsfirma in Deutschland gründen wolle.

Anlass war ein sich abzeichnender Beratungsvertrag Albrights mit BMW. Der Münchner Autobauer wollte von der Amerikanerin Hilfe, wie er weltweit als Konzern erscheinen könne, der sich der Nachhaltigkeit verpflichtet fühle, und wie er das Verhältnis zu den politischen Klassen in den Schwellenländern verbessern könne. BMW galt in manchen dieser Regionen als arrogante, typisch deutsche Aufsteigermarke. Zugleich suchten die Bayern Zugang zum liberalen amerikanischen Establishment, wo Themen wie Frauenquote und innerbetriebliche kulturelle Vielfalt gerade den Weg aus der Nische in die Konzernführungen fanden. Darin sah die BMW-Spitze, die Norbert Reithofer seit September 2006 verkörpert, eine gute Möglichkeit, das Image zu verbessern.

Für Fischer war das der Einstieg in sein neues Leben. Er wurde 2006 eine Art freier Mitarbeiter, der im Auftrag Albrights mit BMW Kontakt aufnahm. Als „Senior Strategic Counsel“ blickte er ernst von Albrights Internet-Seite. Fischer besuchte häufig den damaligen Albright-Firmensitz an der teuren Fifth Avenue in New York, fuhr mit dem Fahrstuhl in den neunten Stock und beriet mit der Chefin und ihrem Stab über Auftraggeber in Europa.

Kein Platz mehr

Doch bald merkte der Lehrling aus Germany, dass Albrights erhoffter Auftrag von BMW eigentlich auch etwas für ihn war. Zu einem besseren Ruf in Brasilien, einem kürzeren Draht zu den Mächtigen Chinas, zu Einblicken in staatliche Verkehrskonzepte der Megacitys – dazu konnte gewiss auch er dem weißblauen Autokonzern verhelfen. Ein „Counsel“, der er für Albright sein sollte, ist eine Art höherer Sachbearbeiter, weit unter den Partnern. Damit kann sich ein Egomane wie er nicht zufriedengeben.

Den entscheidenden Schritt in Richtung Selbstständigkeit unternimmt Fischer, als Albright ihre Firma 2009 mit der US-Beratungsgesellschaft Stonebridge International in Washington fusioniert. In dieser Liason ist kein Platz mehr für Fischer als gleichberechtigten Partner. Gleichwohl erkennt er, dass das neue Unternehmen jenseits des Atlantiks ein Netzwerk bildet, in dem es nur so von außen- und sicherheitspolitischen Experten der früheren US-Regierung unter Bill Clinton wimmelt.

Zu der Kontaktschmiede gehört zum Beispiel James C. O’Brien, der im State Department unter Albright der Planungsabteilung angehörte und während des politisch heiklen Kriegs im Kosovo mit Fischer zusammenarbeitete. Auch Suzanne George, die in vielen Verbänden in den USA für eine Frauenquote in Konzernen eintritt und früher Mitglied im Wahlkampfteam von Albright war, ist Teil des neuen Beziehungsreservoirs. Fischer bedient sich der Amerikanerin heute, wenn er den Siemens-Konzern berät, dessen Vorstandschef Peter Löscher sich umfangreiche Karriereförderungsprogramme für Frauen auf die Fahnen geschrieben hat.

Ganz besonders wertvoll ist für Fischer der Kontakt zu Sandy Sherman, der ehemaligen Krisenberaterin im US-Außenministerium, die exzellente Kontakte in die chinesische Parteispitze unterhält.

Mit BMW, Siemens und der Einzelhandelskette Rewe hat JF&C Jahresverträge abgeschlossen, abgerechnet wird monatlich. Bei Bedarf sehen die Verträge einen „Prominentenauftritt“ vor, der extra honoriert wird – zum Beispiel bei Rewe und BMW. Dazu muss Fischer vor Mitarbeitern oder Gästen auftreten. Im Januar erschien er im Münchner „Club für moderne Marktmethoden“, einer Vereinigung von Marketingmanagern der Lebensmittelindustrie, im Auftrag von Rewe als Gast. Ständige Gäste sind Wurst- und Käsehersteller, so auch der Chef von Rügenwalder Teewurst. Am 24. Februar soll Fischer sich nach seinem Vorredner Wolfgang Burgard, dem Chef der Hamburger Holsten-Brauerei, bei einem Treff der Getränkebranche über Nachhaltigkeit ausbreiten – als Gesandter von Rewe.

Abwerbungen vom BDI

Eine echte Extrawurst ist für Fischer der Vertrag mit dem Essener Energiekonzern RWE. Den hat er nicht über seine Firma JF&C, sondern direkt mit dem RWE-Vorstand abgeschlossen. Dabei geht es um außenpolitische Beratung beim Erdgaspipeline-Projekt Nabucco, an dem RWE beteiligt ist. Über die Höhe der Vergütung wurde bereits viel spekuliert. Genaue Angaben macht keine der beiden Seiten. Fischers Honorar, schätzt ein Ex-RWE-Manager, dürfte aber „eine Million im Jahr nicht wesentlich unterschreiten“.

Für Minderheitsgesellschafter Huber und seine Mitarbeiter ist es ein echter Jammer, dass dieser Betrag nicht über die Firmenbücher läuft und die Gehälter der Mitarbeiter finanzieren hilft, sondern in Fischers Privatschatulle landet.

Fischer, der Metzgersohn aus dem württembergischen Dorf Gerabronn, sucht zeit seines Lebens die ganz großen Zusammenhänge, auch und gerade in seiner neuen Rolle als Unternehmer. Den Kleinkram des Gründers, von der Anmietung der Räume bis zur Einstellung von Mitarbeitern, überlässt er seinem Mitgesellschafter Huber.

Bei der Suche nach Fachleuten, die für seinen alten und neuen großen Vorsitzenden arbeiten, kennt Huber weder Respekt noch Berührungsängste. Er warb beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), der nur fünf Gehminuten von Fischers Büro residiert, zwei Expertinnen für Nachhaltigkeitsmanagement ab. Die Damen arbeiten nun vor allem für die Projekte mit BMW und Siemens und bereiten die Gespräche zwischen Fischer und Löscher sowie Reithofer vor. Ein Kernpunkt solcher Zusammentreffen, bei denen Fischer erst die außenpolitische Weltlage darlegt, ist die Zukunft des Elektroautos – und welche Erwartungen chinesische, indische und brasilianische Wirtschaftspolitiker daran knüpfen.

Spaß an der Arbeit

Internationalität repräsentiert bei JF&C eigentlich nur Fischer. Stolz verweist sein Mitgesellschafter Huber auf eine Kanadierin, die englisch und französisch gleichermaßen fließend spreche. Er selber neigt dazu, auch mal einen alten Freund einzustellen. Markus Kamrad, Mitglied der Hamburger Grünen, ist so einer. Er war stellvertretender Pressesprecher des schwarz-grünen Senats und suchte noch schnell vor den Wahlen von Sonntag das rettende Ufer bei Fischer.

Fischer selbst hat offenkundig Spaß an seiner Arbeit, vor allem wenn er ihr außerhalb der Zentrale am Berliner Gendarmenmarkt nachgeht. Längst schmeckt es ihm wieder. Dass er inzwischen weit mehr wiegen dürfte als Deutschlands Wirtschaftskanzler Ludwig Erhard, ist unübersehbar.

Sein Faible für sportliche Motorräder hat Fischer deswegen nicht verloren. Während einer Betriebsbesichtigung des Berliner Motorradwerkes im Herbst 2009 konnte er anfassen, was PS-starke Wirtschaftsleistung ist. Im Leipziger BMW-Werk trat er bei einer Unternehmensshow und in Landshut bei einer Mitarbeitertagung auf. Solche Veranstaltungen besitzen stets einen großen Unterhaltungswert und bieten Fischer die Möglichkeit, sein rhetorisches Talent voll auszuspielen. Nebenbei bringen die Live-Auftritte bei BMW Geld, von dem JF&C nichts an die US-Partner abführen muss.

Im Augenblick müssen die Promi-Einlagen allerdings hintanstehen. Fischer ist bei BMW demnächst gefordert wie noch nie. Denn der Ernstfall ist eingetreten. In Indien, dem wichtigen Zukunftsmarkt der Bayern, ließ Umweltminister Jairam Ramesh erst im November eine verbale Bombe hochgehen. „Die Nutzung von Fahrzeugen wie BMW in Ländern wie Indien ist kriminell“, sagte der Inder und legte nach: Er halte BMW-Fahrer für Rabauken, mit BMW-Autos würde der Ausstoß von Treibhausgasen in Indien zunehmen.

Fischer muss jetzt zeigen, was er in seinen sechs Jahren als deutscher Außenminister gelernt hat. Noch im Februar wollte er eigentlich nach Dehli fliegen, um sich bei Ramesh genau anzuhören, warum der Inder es so sehr auf die Bayern abgesehen habe und wie sich das Verhältnis wieder kitten lasse. Dass sich ein Fischer aber inzwischen auch mal etwas weiter hinten anstellen muss, zeigte die bedauernde Note von Ramesh von Anfang des Jahres. Das Treffen könne aus Termingründen nun doch leider nicht stattfinden. Ausweichtermin: im Herbst, noch undatiert. Näheres regelt das Ramesh-Vorzimmer.

So offenkundig Fischer sich weiterhin als verkappter Außenpolitiker betätigt, so sehr wähnt er sich mittlerweile gleichzeitig im Lager der Unternehmer und Konzernlenker angekommen. Er lehnt sich zurück in der Sitzecke seines Büros, macht eine Sprechpause und erzählt von seinen neuen Freunden.

Feine Treffen am Genfer See

„Der Cromme ist ein sehr politisch denkender Mensch“, urteilt er zum Beispiel über Gerhard Cromme, den Aufsichtsratsvorsitzenden von ThyssenKrupp und Siemens. Einmal im Jahr treffen sich beide in Evian am Genfer See zu einem deutsch-französischen Manager- und Politikertreffen im Hotel Royal Palace. Siemens-Chef Löscher geht auch gerne hin – Fischer hielt dort vor zwei Jahren einen Vortrag über das deutsch-französische Verhältnis. Gründer des Zirkels ist der frühere Daimler-Chef Edzard Reuter. Allerdings dämpft der die Bedeutung Fischers im Evian-Kreis: „Ulli Wickert von den Tagesthemen war ja seinerzeit auch bei uns.“

Cromme will sich gar nicht über Fischer äußern. Für ihn, der sich selbst am liebsten zur Statue meißeln ließe, ist die Nähe zu Fischer eher ungut. Crommes Rolle als distinguierter Chefkontrolleur verträgt sich nur schwer mit dem lebensprallen, urtümlichen und auch schroffen Ex-Politiker. Und trotzdem braucht Cromme Fischer, weil ihn und und den Siemens-Chef umtreiben, was der amerikanische Erzrivale General Electric wohl im Schilde führt. Um dies herausfinden, beauftragte der Siemens-Vorstand Fischer und Albright, sie mögen bitte die wirtschaftlichen Konsequenzen der Zusammenarbeit zwischen China und den USA für die Münchner ausloten. Im Kern geht es dabei um die Frage, ob Siemens davon profitiert und inwiefern ein wirtschaftlicher Schulterschluss der beiden Supermächte eher dem Erzrivalen General Electric hilft.

Siemens bestätigt diese Anliegen nicht, sondern erklärt nur: „Wir haben Fischer und Albright dazu beauftragt, die Entwicklung auch der Megacitys in China zu analysieren.“ Fischer selbst und seine amerikanischen Freunde organisieren für Löscher und Siemens-Vorstände wie die Einkaufschefin Kux Treffen mit Kongressabgeordneten. Zudem trafen sich Fischer, Löscher und andere Siemens-Top-Manager am 26. November 2010 in den Geschäftsräumen von Albright, um die USA-Strategie abzustecken.

Dass er mehr produziert als warme Worte, muss Fischer wohl am nachhaltigsten bei RWE beweisen. Den Beratervertrag verdankt er Konzernchef Großmann, der sich am Bau der Nabucco-Gaspipeline beteiligt. Die geplante Röhre ist politisch viel riskanter und brisanter als die Gasleitung Nordstream durch die Ostsee, die Fischers Gegenspieler Ex-Kanzler Schröder beaufsichtigt. Nabucco soll Europa unabhängiger von Russland machen und durch vier verschiedene Länder von Aserbaidschan über die Türkei führen.

Ob es je dazu kommt, ist völlig offen. Denn die Regierungen der beteiligten Länder fürchten, dass Russland sich an ihnen rächen könnte, wenn sie Europa unter Umgehung des Putin-Reiches mit Gas versorgen. Fischer ist schon aktiv geworden, aber auch nach Jahren der Sondierung, sogar im Nordirak, wo theoretisch große Gasvorkommen für Nabucco liegen, hat er keinen Erfolg erzielt. Es muss Fischer wurmen, dass er noch keinen einzigen Fördervertrag zustande gebracht hat, während „der Altkanzler“ die Ostsee-Pipeline bereits in einem Jahr feierlich eröffnen dürfte.

Dem Juniorpartner in der einstigen rotgrünen Bundesregierung bleibt deshalb nur, es mit Galgenhumor zu nehmen. Das riskante Pipeline-Projekt, für das er nun schon so lange erfolglos antichambriert, hatte einst den Namen Nabucco erhalten, weil die gleichnamige Verdi-Oper gerade in Wien aufgeführt wurde, sagt er und setzt das breitest mögliche Grinsen auf: „Ich bin ja schon froh, dass nicht gerade Wagners Götterdämmerung gespielt wurde.“

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