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JP Morgan Chase Der letzte Held der US-Banken

Jamie Dimon ist der einzige verbliebene Superstar unter den US-Bankern. Wie der CEO von JP Morgan Chase, als bisher einziger Chef einer US-Großbank unbeschädigt durch die Finanzkrise gekommen ist.

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Jamie Dimon, CEO von JP Morgan Quelle: AP

Wenn Jamie Dimon nach seinem wichtigsten Management-Werkzeug gefragt wird, greift er zur Brusttasche seines Hemdes und zieht ein mehrfach gefaltetes, oft zerknittertes Blatt Papier hervor – „seine Liste“, wie es bei seinen Mitarbeitern fast andächtig heißt. „Die trage ich immer bei mir“, sagt Dimon, der die nach Börsenwert größte US-Bank JP Morgan Chase seit Ende 2005 leitet. Es ist seine voll gekritzelte Follow-up-Liste, praktisch unleserlich für jeden anderen, „mit Sachen, die mir jemand schuldet oder die ich jemandem schulde. Wenn wir ein Meeting haben, dann schreibe ich sie mir auf, und ein paar Tage später rufe ich dann an“.

Meist sind die offenen Punkte dann erledigt oder zumindest gibt es einen Zwischenstand. Denn jeder Mitarbeiter, der bei Besprechungen mit Dimon am Tisch sitzt, kennt die Liste und verfolgt, wann sich der Chef Notizen macht. Jeder möchte gut präpariert sein, wenn Jamies Anruf kommt. Und niemand möchte allzu lange als unerledigte Schuld auf der Liste stehen – das könnte der Karriere schaden.

Der 53-jährige Dimon ist der letzte verbliebene Superstar der US-Banker, die sich ansonsten kollektiv die Wunden der Finanzkrise lecken. Ken Lewis von der Bank of America kämpft nach den umstrittenen Übernahmen des vor der Pleite stehenden Hypothekenfinanzierers Countrywide und der angeschlagenen Investmentbank Merrill Lynch um seinen Chefposten. Die Citigroup mit dem glücklosen Vikram Pandit als Chef ist fast verstaatlicht.

Auch bei John Mack von Morgan Stanley und Lloyd Blankfein von Goldman Sachs ist der Lack ab: Die Wall-Street-Ikonen mussten sich, von Spekulanten bedroht, von ihrem Sonderstatus als Investmentbank verabschieden und unter den Schutz flüchten, den eine stinknormale Bankholding bietet.

Dimon erhält öffentliches Lob von Obama

Statt um Staatshilfe betteln zu müssen, wurde Dimon dagegen zur wichtigen Anlaufstation für vom Finanzministerium und der Notenbank inszenierte Rettungsaktionen – vor allem beim Kollaps von Bear Stearns. Das brachte ihm sogar öffentliches Lob von US-Präsident Barack Obama ein, der ihm attestierte, einen „ziemlich guten Job beim Managen eines enormen Portfolios“ zu machen. JP Morgan Chase ist mit 140 Milliarden Dollar Börsenwert zur größten US-Bank aufgestiegen, die Bank erzielte selbst im Krisenjahr 2008 noch rund 5,6 Milliarden Dollar Nettogewinn.

Vor allem bei der Citigroup befällt einige lang gediente Mitarbeiter deshalb Wehmut, wenn sie an Dimon zurückdenken. Knapp 17 Jahre lang hatte der Harvard-Absolvent für seinen Mentor Sandy Weill gearbeitet, den legendären Macher, der durch zahlreiche Übernahmen und Fusionen die zu Beginn dieses Jahrtausends größte Bank der Welt geformt hatte. Zuletzt leitete Dimon in der Citigroup das wichtige Broker- und Vermögensverwaltungsgeschäft.

Doch dann feuerte Weill seinen Ziehsohn im November 1998. Zuvor hatte es auf einer Abendveranstaltung für die Führungskräfte bei reichlich Alkohol offenbar Handgreiflichkeiten zwischen Dimon und einem internen Rivalen gegeben – so erinnert sich zumindest Weill. „Ein Schock“ sei der Rauswurf für ihn gewesen, gab Dimon später zu.

Bei Citigroup erst gefeuert, später vermisst

Über die wahren Gründe für den Rauswurf spekulierte die ganze Wall Street: Weill und Dimon hätten sich auseinandergelebt. Es hätte zwischen den beiden Streit um die Beförderung von Weills Tochter innerhalb der Bank gegeben. Der eitle Weill hätte es nicht verknusen können, dass ihm der junge Shootingstar, der bereits offen als sein Nachfolger gehandelt wurde, mehr und mehr die Schau gestohlen habe.

Stattdessen machte Weill 2003 den im Hardcore-Bankgeschäft eher rudimentär erfahrenen Juristen Chuck Prince zum Nachfolger. Prince rechtfertigte nach den ersten Milliardenverlusten die Exzesse auf den Kredit- und Derivatemärkten, bei denen die Citigroup unter seiner Führung kräftig mitgemischt hatte, man habe „mittanzen müssen, solange die Musik spielt“. 2007 musste Prince gehen, sein Nachfolger Pandit beweist kaum mehr Fortune. Größte Bank der Welt – das war einmal, Weills Imperium steht vor der Zerschlagung.

Mit Dimon an der Spitze wäre das nicht passiert, sagen Citigroup-Veteranen. Der Enkel eines griechischen Immigranten und Sohn eines Aktienhändlers, der in Jackson Heights im New Yorker Stadtteil Queens aufwuchs, habe eine andere Auffassung von Risikomanagement. Als konservativ bezeichnet er sich selbst, eine „Bilanz wie eine Festung“ erklärt er immer wieder als vorrangiges Ziel. Bei JP Morgan Chase ließen die Händler weitgehend die Finger von komplexen Finanzinnovationen wie den mit minderwertigen Hypothekendarlehen vollgestopften Collateralized Debt Obligationen (CDO), die sich heute das Attribut toxisch mehr als verdient haben und die etwa Merrill Lynch das Genick brachen.

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