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Jürgen Hambrecht im Interview "Jetzt reicht's!“

BASF-Chef Jürgen Hambrecht wettert gegen China-Kritiker, Gentechnik-Gegner, die Energiepolitik – und droht mit Verlagerungen.

Jürgen Hambrecht, Quelle: AP

WirtschaftsWoche: Herr Hambrecht, Sie haben nach dem Tibet-Konflikt öffentlich Verständnis für China gezeigt. Fürchten Sie um die Milliardengeschäfte von BASF in China?

Jürgen Hambrecht: Mir macht etwas ganz anderes Sorgen: In Deutschland machen wir uns keine Vorstellungen von den Dimensionen der Probleme in China. Die chinesische Regierung muss 300 bis 400 Millionen Menschen in Arbeit bringen. Sie muss dafür sorgen, dass eine Milliarde Menschen genügend zu essen bekommt, dass die Bevölkerung gesund und gut ausgebildet ist. Das sind Probleme, die mit unseren nicht zu vergleichen sind.

Müssen Demokratie und Menschenrechte darunter wirklich zwangsläufig leiden?

Niemand kann doch ernsthaft erwarten, dass China jetzt schnell einen Sprung in die Demokratie macht, wofür wir Deutsche Jahrhunderte gebraucht haben. Was ich erwarte, ist Respekt vor der Leistung und der marktwirtschaftlichen Öffnung der Chinesen seit 1989. China ist sehr bemüht, Schritt für Schritt in die richtige Richtung zu gehen. Und auch über Menschenrechte wird in China diskutiert – als eines von vielen Themen, die zu bewältigen sind.

Spricht der BASF-Chef in China über Menschenrechte?

Ja, ich habe mit chinesischen Ministern und Geschäftspartnern über Menschenrechte gesprochen. Und mehr sage ich dazu nicht.

Sprechen Sie chinesische Geschäftsfreunde auf die Kritik aus Deutschland an?

Ja, und die haben kein Verständnis dafür, wie wir uns in Deutschland verhalten. Übrigens auch der chinesische Otto Normalverbraucher auf der Straße nicht. Und ich selber frage mich, was dabei herausgekommen wäre, wenn wir zu Zeiten der Mauer so mit unseren ostdeutschen Landsleuten umgegangen wären. Dann wäre die Mauer noch höher geworden. Nicht die ständige Kritik, sondern der ständige Dialog hat uns die Wiedervereinigung gebracht.

Und darauf hoffen Sie auch in China?

Durch den Dialog mit dem Westen hat sich doch schon viel in China verändert. Allein durch die Präsenz von Unternehmen wie der BASF. Wir gehen andere Wege als chinesische Betriebe. Wir informieren die Nachbarschaft, wenn wir dort neue Anlagen bauen. Das färbt natürlich auch auf die chinesischen Betriebe ab. Oder nehmen Sie das Beispiel Arbeitssicherheit: Als ich Mitte der Neunzigerjahre nach China kam, da haben Sie doch bei kaum einem Mitarbeiter eine Schutzbrille oder einen Sicherheitshelm gesehen. Wir dagegen haben beim Bau unseres Werkes in Nanjing für mehr als 100 000 Arbeiter Sicherheitstrainings durchgeführt. Wenn die später zu einem anderen Arbeitgeber wechseln, dann nehmen sie diese andere Einstellung mit.

„Jetzt reicht’s!“

Sie haben von 1995 bis 2003 für die BASF in China gearbeitet. Wie häufig mussten Sie sich auf korrupte Geschäfte einlassen?

Überhaupt nicht. Ich habe entsprechende Geschäfte abgelehnt. Punkt.

Eine Schmiergeldaffäre wie bei Siemens wäre bei der BASF undenkbar?

Wir haben hier einen Wertekanon und ein Grundverständnis. Es gibt Trainingsmaßnahmen, unangekündigte Kontrollen, eine Hotline und einen Chief Compliance Officer. Und dennoch kann ich nicht für jeden Mitarbeiter die Hand ins Feuer legen. Das BASF-Werk in Ludwigshafen mit seinen mehr als 32 000 Mitarbeitern zum Beispiel ist wie eine Stadt. Natürlich gibt es da hin und wieder unerwünschte Vorfälle. Wichtig erscheint mir jedoch, dass das Management die Werte vorlebt.

Und daran krankte es bei Siemens?

Ich rede hier über die BASF und nicht über andere Unternehmen.

Kürzlich hat die BASF eine Anzeigenkampagne gestartet, mit der Sie dagegen protestierten, dass die EU-Kommission eine genveränderte Kartoffel aus Ihrem Hause immer noch nicht zugelassen hat. Haben Sie schon Reaktionen von der EU?

Nein, es gibt noch keine Reaktion aus Brüssel. Es geht um eine genveränderte Kartoffel, die Stärke für die Papierindustrie liefern soll. Die verantwortliche europäische Behörde hat klar gesagt, dass es keine Bedenken gegen diese Kartoffel gibt; die Kartoffel ist auch nicht für den menschlichen Verzehr gedacht. Seit Juli 2007 steht jetzt die Genehmigung an. Die EU-Kommission hat über neun Monate lang keine Entscheidung getroffen. Da haben wir gesagt: Jetzt reicht’s!

Ist die Kartoffel ausreichend geprüft worden?

Wenn man will, kann man Prüfverfahren endlos lange fortsetzen. Wir können doch nicht aus ideologischen Gründen jedes auch nur theoretisch denkbare Risiko ausschließen. Dann wäre das Auto nicht erfunden worden, und Deutschland stünde nicht da, wo es heute steht. Zukunft braucht Mut – und nicht Behinderung durch totalen Risiko-Ausschluss. Vom Transrapid bis zur grünen Gentechnik: Wir haben ein Problem mit dieser Vollkasko-Einstellung.

Vielleicht wäre die Reaktion anders ausgefallen, wenn die BASF statt einer genveränderten Kartoffel, die lediglich der Papierindustrie nützt, einen dürreresistenten Reis anbieten würde, der hilft, den Hunger in der Welt zu bekämpfen?

Natürlich arbeiten wir mit unserem Partner Monsanto an solchen Projekten. Aber wir leisten uns in Deutschland gerade die unglaubliche Arroganz, diese Technologie auszuschließen. Die grüne Gentechnik muss in einer Region entwickelt werden, in der das Geld dafür da ist. Und es wird weitere Entwicklungen geben. Die grüne Gentechnik ist eine außerordentlich humane Technologie: Sie wird helfen, dass die 150 Millionen Menschen, die jedes Jahr weltweit neu geboren werden, bessere Chancen haben, gesund und ausreichend ernährt zu werden. Wir werden deshalb diese Technologie konsequent weiterentwickeln und zum Erfolg führen. Ich hoffe nach wie vor, dass das in Deutschland und Europa möglich sein wird.

Das ist nun eine subtile Drohung. Immerhin beschäftigen Sie in Deutschland einige Hundert Mitarbeiter in der Pflanzenbiotechnologie.

Es gibt keine konkreten Pläne für eine Abwanderung unserer Pflanzenbiotechnologie-Aktivitäten. Aber wir haben hohe Forschungsinvestitionen von 800, 900 Millionen Euro getätigt, die zu neuen, sinnvollen Produkten führen sollen und müssen.

Mit der EU-Kommission liegen Sie nicht nur in der grünen Gentechnik, sondern auch bei der Energiepolitik über Kreuz.

Wir wollen Politik aktiv mitgestalten, etwa in der Energiepolitik. Schließlich ist die chemische Industrie eine sehr energieintensive Branche: Wir haben Produkte in unserem Portfolio, bei denen die Stromkosten bis zu 60 Prozent der Endkosten ausmachen. Die Energiepolitik kann uns also nicht egal sein.

Um die Energieversorgung der BASF weiter zu sichern, wollten Sie eine neue Kohlevergasungsanlage bauen. Warum haben Sie Abstand davon genommen?

Weil wir keine Rechtssicherheit haben. Die EU-Kommission führt im Rahmen ihrer Klimaschutzpolitik 2012 für solche Anlagen den Handel mit Verschmutzungszertifikaten ein. Sie ist aber nicht bereit, vor 2011 über die Details des Zertifikatehandels zu reden. So lange können wir nicht warten. Wir brauchen in der Industrie jetzt möglichst schnell klare Rahmenbedingungen, damit es nicht zu einem Investitionsstopp kommt. Nach Berechnungen einer Reihe von Fachleuten könnten wir 2012 ein echtes Versorgungsproblem bekommen, wenn nicht genügend Kraftwerke gebaut werden. Die EU-Kommission hat den Handlungsbedarf erkannt. In dem Zusammenhang möchte ich auch EU-Industriekommissar Günter Verheugen einmal ausdrücklich loben.

BASF-Anlage in Ludwigshafen Quelle: dpa

Und wenn die Rahmenbedingungen nicht stimmen?

Dann besteht die Gefahr, dass eine Anzahl chemischer Produktionsanlagen in Europa nicht mehr wirtschaftlich arbeiten kann. Aber Deutschland kann doch kein reines Serviceland werden! Unsere Stärke in Europa ist die Produktion. Also muss die Politik auch ein Bekenntnis dazu abgeben. Ich habe den Eindruck, dass manche Politiker und Teile der Bevölkerung immer noch glauben, dass der Strom aus der Steckdose kommt, etwa wie der Sauerstoff aus der Luft zum Atmen. Mit diesem wichtigen Thema wird zu sorglos umgegangen.

Was muss passieren?

Wir brauchen eine integrierte Klimaschutz- und Energiepolitik. Es kann doch nicht sein, dass die Klimaschutzziele in Brüssel festgelegt werden und die nationalen Regierungen dann darüber entscheiden, wie die Ziele umgesetzt werden. Das kann nicht funktionieren. In Deutschland sollten wir unseren ausgewogenen Energiemix beibehalten. Dazu zählen Kernkraftwerke wie auch moderne Kohlekraftwerke. Und wir müssen mehr auf Energiesparen und Energieeffizienz setzen.

Sie fordern von anderen. Was tut BASF für den Klimaschutz?

Ludwigshafen ist der beste Chemiestandort der Welt, wenn es um Energieeffizienz geht. Und wir haben als erstes Unternehmen weltweit eine integrierte Kohlendioxid-Bilanz erstellt. Ergebnis: Mit den Produkten und Technologien aus unserem Hause, etwa dem Dämmmaterial, sparen Kunden und Endverbraucher schon heute dreimal mehr Treibhausgas-Emissionen ein als bei der Herstellung und Entsorgung aller BASF-Produkte emittiert werden. Die ganze Systematik der Untersuchung haben wir übrigens vom Freiburger Öko-Institut bestätigen lassen.

Die Chemie ist in besonderem Maße vom Öl abhängig. Wie wird sich der Ölpreis entwickeln, der derzeit klar über 100 Dollar pro Barrel liegt?

Wir rechnen in diesem Jahr mit einem durchschnittlichen Ölpreis von 90 Dollar je Barrel. Dazu kalkulieren wir im Jahresdurchschnitt mit einem Dollar-Kurs von 1,50 Euro. Der Ölpreis ist derzeit spekulativ sehr überhöht. Es wird zu viel Öl produziert. Wenn die Weltwirtschaft nachlässt und die Wachstumsraten geringer ausfallen, wird das dazu führen, dass der Ölpreis zurückgeht.

Wie lautet Ihre Konjunkturprognose?

Für unsere Branche erwarte ich, dass die Chemieindustrie weltweit um 2,8 Prozent wächst, was einer leichten Abschwächung gegenüber 2007 entspricht. Damit wächst die Chemiebranche in etwa so stark wie die Weltwirtschaft.

Was spürt die BASF von der Finanzkrise?

Wir spüren die Auswirkungen vor allem in Nordamerika, in der Automobil-, Bau- und Möbelindustrie. Also dort, wo es um größere Anschaffungen geht.

Verstehen Sie noch, wie die Banken gewirtschaftet haben?

Ich habe das Gefühl, dass wir bei der BASF unsere neuen Produkte besser kennen als die Banken ihre Finanzprodukte.

Bei Ihnen steigen Umsatz und Gewinn.

Die BASF ist heute nicht mehr so stark vom Auf und Ab der Weltwirtschaft abhängig. Unser Portfolio ist in den vergangenen Jahren deutlich konjunkturrobuster geworden, etwa durch Zukäufe wie das Katalysatorengeschäft von Engelhard. Wir werden auch im Tal eines Konjunkturzyklus unsere Kapitalkosten verdienen. Die BASF von 2001 hat mit der BASF 2008 nicht mehr so viel zu tun.

Welche Innovationen hat die BASF demnächst zu bieten?

Wir wünschen uns, dass mehr Menschen merken, wo überall BASF drinsteckt. Wenn irgendwo ein neues Produkt auf den Markt kommt, können Sie sicher sein, dass die Innovation dazu nur von der chemischen Industrie stammte. Wir haben etwa geholfen, einen Freischwingerstuhl zu entwickeln, der in einem Guss gespritzt wird. Wir entwickeln Materialien für den Küsten- und Deichschutz. Unsere Kunststoffe machen Autos leichter und energieeffizienter. Diesen Wertbeitrag der Chemie müssen wir noch besser rüberbringen.

Was unterscheidet die BASF von anderen Unternehmen?

Wir haben im Vergleich zu manchen Wettbewerbern eine langfristige Strategie. Wir sind nicht auf den Quartalserfolg aus. Wir lassen uns durch kurzfristige wirtschaftliche Abschwünge nicht von unserer Strategie ablenken. Während der Asienkrise haben wir in asiatischen Staaten investiert und Kapazitäten aufgebaut. Mit Erfolg: Die Hälfte des Chemiewachstums wird künftig in Asien generiert. Wir wollen 2010 20 Prozent unseres Chemieumsatzes in Asien machen. Da sind wir schon nahe dran. 1995 waren wir erst bei zehn Prozent.

Und dann kommt ein Staatsfonds oder ein Finanzinvestor und schnappt sich die BASF.

Für die Finanzinvestoren sind die Zeiten ja nicht so günstig. Aber, natürlich: Wir sind davor auch nicht gefeit. Die BASF-Aktien sind frei zugänglich und breit gestreut. Unser wichtigster Schutz ist: Wir müssen so gut sein, dass es keinen Besseren gibt. Bestimmte Investoren steigen doch ein, wenn es Missmanagement gibt. Wir müssen täglich unter Beweis stellen, dass es niemand besser kann.

Sie werden die BASF noch bis 2011 führen. Sie werben für Ihre Positionen in Brüssel und Berlin, sind politisch gut vernetzt, reden häufig mit der Kanzlerin und ihren Ministern, streiten sich mit der EU-Kommission. Träumen Sie danach von einer Karriere in der Politik?

Ich habe noch viele Träume, aber diesen nicht.

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