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Karstadt, Quelle und Thomas Cook Arcandor-Pleite und die Folgen

Arcandor ist pleite. Mitarbeiter bangen um ihre Jobs, Kunden fürchten um Garantieleitungen, Firmen verlieren Aufträge. wiwo.de zeigt was die Insolvenz für alle bedeutet.

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Der Kunde

Was bedeutet die Quelle: dpa

Für Kunden soll es keine Einschränkungen geben. “Alle Geschäfte laufen ungehindert weiter“, sagte Arcandor-Sprecher Gerd Koslowski. Garantien, Anzahlungen oder Rückgaberechte würden nicht angetastet. Die gesetzlich garantierte Gewährleistungspflicht gilt gegenüber dem Händler und erlischt, wenn dieser wirklich dicht macht, sagt Evelyn Keßler von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Durch den Gewährleistungsanspruch kann sich der Kunde eventuelle Mängel an seiner Ware kostenlos beseitigen lassen.

Insolvenz macht Kundenrechte löchrig

Zwar können Kunden ihre Ansprüche im Fall einer Insolvenz theoretisch auch beim Insolvenzverwalter geltend machen, „aber das Problem ist meist, dass diese Forderungen erst weit hinter denen der großen Gläubigern anstehen“, erklärt die Expertin. Anders sieht die Situation bei den Herstellergarantien aus. Sie bleiben laut Verbraucherzentrale von einer Insolvenz unberührt, weil sich der Kunde in diesem Fall direkt an den Hersteller und nicht an den Verkäufer wenden muss. Anders als bei der Gewährleistung müssen Kunden bei dieser freiwilligen Leistung jedoch damit rechnen, etwa für Versandkosten selbst aufkommen zu müssen.

Weiterhin gilt: Umtausch und Gutscheineinlösung ist rechtlich abgesichert nur solange möglich, wenn die Händler weiterhin existieren. Auch Vorauszahlungen könnten Kunden im schlimmsten Fall verlieren. Nachkauf-Garantien bei Möbeln oder Porzellan sind ebenfalls nichtig.

Auf einige Unternehmen hat die Arcandor-Pleite sogar keine Auswirkung:

Thomas Cook

: Der Reisekonzern Thomas Cook sieht sich von der Insolvenz seiner Mutter Arcandor nicht betroffen. Die Pleite von Arcandor werde keinen Einfluss auf die Kunden und Verträge von Cook haben, teilte das Unternehmen am Dienstag mit. Cook fungiere als eigenständige Firma, daher seien die ausstehenden Forderungen zwischen beiden Unternehmen minimal.KarstadtQuelle-Bank: Die gut eine Million Kunden der KarstadtQuelle-Bank müssen sich keine Sorgen über den Einsatz ihrer Kreditkarte im bevorstehenden Urlaub oder um ihr Guthaben machen. Ihr Finanzdienstleister gehört offiziell seit gut neun Wochen nicht mehr zur Arcandor AG. Seit 1. April dieses Jahres ist die KarstadtQuelle-Bank ein Tochterunternehmen der Valovis Bank in Essen. Nur der Name ist noch der Alte.

KarstadtQuelle-Versicherung

: "Versicherungsnehmer der KarstadtQuelle Versicherungen müssen sich keine Sorgen machen", beruhigt Andrea Hoffmann, Versicherungsexpertin der Verbraucherzentrale Sachsen. "Selbst bei einer Insolvenz des Konzerns Arcandor, des Kaufhausunternehmens Karstadt oder des Versandhauses Quelle, hat dies keine Auswirkung auf ihre Versicherungsverträge." Von den Schwierigkeiten des Arcandor Konzerns sind die drei KarstadtQuelle-Versicherer deshalb nicht betroffen, weil sie dort nicht eingegliedert sind. Seit Januar 2009 gehören sie zu 100 Prozent zu dem ERGO-Versicherungskonzern, der wiederum mehrheitlich zu der Münchner Rückversicherung gehört.

Die Mitarbeiter

Geschockt reagierten die Arcandor-Mitarbeiter auf die Insolvenz. Und in der Tat: Mit einem Schlag ändern sich viele Rahmenbedingungen. Das sogenannte Insolvenzgeld wird zum Beispiel für die kommenden drei Monate vom Bund bezahlt, sollte Arcandor nicht mehr in der Lage sein, Löhne zu begleichen. Dieses bemisst sich an dem Nettogehalt.

 „Sofern Arcandor keinen Lohn zahlt, springen wir mit dem Insolvenzgeld ein“, so eine Sprecherin der Bundesagentur für Arbeit.  Zum Gesamtvolumen sagte sie nichts. Die Behörde zahlt aber erst, wenn das Insolvenzverfahren eröffnet ist - und dann für die drei zurückliegenden Monate. Wenn das Verfahren also zum 1. September eröffnet wird, zahlt die BA rückwirkend für Juni bis August ausstehende Löhne und Gehälter. Die BA kann das Insolvenzgeld unter bestimmten Voraussetzungen aber auch als Vorschuss zahlen, wenn relativ sicher ist, dass das Insolvenzverfahren wirklich eröffnet wird.

Schließlich sollen die Beschäftigten nicht drei Monate lang ohne Geld dastehen. Sie zahlt dabei das volle Gehalt bis zur Beitragsbemessungsgrenze der Arbeitslosenversicherung (im Westen 5400 Euro im Monat, im Osten 4550 Euro). Die Ausgaben für das Insolvenzgeld belasten nicht den Etat der Arbeitsagentur und die Arbeitslosenversicherung. Es wird über eine Umlage der Arbeitgeber finanziert, die derzeit 0,1 Prozent der Lohnsumme ausmacht.

Die Unternehmen

Über die Deutsche Post wurde bereits bekannt, dass sie als Dienstleister von einer Arcandor-Pleite direkt in Mitleidenschaft gezogen wird. Die Bonner erledigen für Arcandor vor allem Dienstleistungen im Logistik- sowie im Paket- und Briefgeschäft. 4000 Mitarbeiter sind mit Arcandor-Aufträgen beschäftigt.

Sofern das Geschäft bei Quelle eingestellt würde, wären auch hier Zulieferer betroffen - zum Beispiel der Küchen-Fabrikant Max Kempfle aus dem oberbayerischen Neuburg/Donau. Fast 90 Prozent seines Umsatzes erzielt er mit Quelle. Sollte er diesen Kunden verlieren, dann - so machte er kürzlich auf einer Kundgebung in Nürnberg deutlich - müsste er seine Firma schließen. Weitere 100 Menschen stünden auf der Straße.

Insgesamt spricht Arcandor von 20.000 Arbeitsplätzen bei Zulieferern, vor allem bei mittelständischen Unternehmen, die betroffen sein könnten. Ein Insolvenzverwalter kann generell Verträge mit Lieferanten schneller und einfacher kündigen, um günstigere Vereinbarungen zu erreichen.

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