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Konjunktur Deutschlands neues Wirtschaftswunder

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Kurzarbeit

Denn Anzeichen für einen möglichen Abschwung und ein Ende des deutschen XL-Aufschwungs der vergangenen zwei Monate gibt es zahlreiche. Der Deutsche Aktienindex Dax verlor im August rund ein Fünftel. Das Wachstum lahmt. Von April bis Juni legte Deutschlands Wirtschaft gerade einmal um ein mageres Zehntelprozent zu. Die wichtigen Frühindikatoren zeigen nach unten. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble erwartet sieben schwache Jahre für die globale Konjunktur. Und Tim Moore, Deutschland-Analyst beim Londoner Research-Unternehmen Markit, befürchtet ein „anämisches Wachstum“ für Deutschlands Wirtschaft in den kommenden Monaten.

Doch die Furcht vor der Blutarmut hält sich auffällig in Grenzen. „German Angst“ war einmal. Konsumtempel wie das Berliner Einkaufscenter Alexa am Alexanderplatz bersten fast vor Besuchern. Durch den MediaMarkt schieben sich die Massen, in den Schuhgeschäften reichen die Sitzplätze für die Anprobe nicht. „Bei unseren Kunden herrscht definitiv Shoppinglaune“, sagt Thomas Binder, Deutschland-Chef des portugiesischen Centerbetreibers Sonae Sierra, der das Alexa managt, „von gedämpften Konjunkturerwartungen spüren wir hier nichts.“ Im August hat die ohnehin hohe Anschaffungsneigung der Deutschen, so der Nürnberger Marktforscher GfK, sogar noch noch einmal um 2,8 Punkte zugelegt und weist nun 36,9 Zählern auf – neun mehr als vor zwölf Monaten.

Die Zuversicht in den Unternehmen resultiert aber weniger aus der Konsumlaune der Deutschen, sondern aus der erfolgreichen Bewältigung der Krise 2008/09 - und den daraus gewonnenen Lehren und Erfahrungen.

Rettungsring Kurzarbeit

Die Möglichkeit, Beschäftigte weniger arbeiten und Teile des Lohns vom Arbeitsamt zahlen zu lassen, gibt es zwar seit über hundert Jahren. Doch mit Ausnahme des Zusammenbruchs der ostdeutschen Wirtschaft nach der Wiedervereinigung nahmen bis 2008 nur wenige Branchen wie Bau und Bergbau das Instrument systematisch in Anspruch. Erst mit der Finanzkrise verbreitete sich die Kurzarbeit durch Gesetze und Vereinbarungen der Tarifpartner flächendeckend fast über alle Branchen. Sogar der Luxusuhrenhersteller Lange & Söhne meldete im März 2009 Kurzarbeit an, um seine Mitarbeiter im Unternehmen halten zu können. Der Gesetzgeber hatte kurz zuvor in einer Blitzaktion die Möglichkeiten für Kurzarbeit ausgeweitet und erlaubt, dass Beschäftigte bis zu 24 Monate kurzarbeiten dürfen.

Vor allem der Maschinenbau konnte dadurch bis zum Aufschwung überwintern. Rund die Hälfte der Unternehmen nutzte die Kurzarbeit. Der schwäbische Lasermaschinenbauer Trumpf schickte an fast allen deutschen Standorten seine Mitarbeiter in Kurzarbeit, zum Teil bis zu 20 Monate. Der Werkzeugmaschinenbauer Gildemeister ließ 1000 seiner fast 6000 Mitarbeiter kurzarbeiten, der Schweizer Maschinenbauer Oerlikon beinahe 2500 - mehr als die Hälfte der in Deutschland Beschäftigten. Aber auch die Deutsche Lufthansa bediente sich bei rund 3500 Mitarbeitern der Kostenreduzierung durch die Bundesagentur für Arbeit. „Vor allem bei der Luftfracht haben wir gute Erfahrungen mit der Kurzarbeit gemacht“, sagt Lufthansa-Chef Christoph Franz.

Darauf können die Unternehmen vermutlich wieder bauen. Käme es erneut zu einem Konjunktureinbruch, würde die Regierung – egal welcher Couleur – wohl wieder den Rettungsring Kurzarbeit auswerfen. Per Verordnung könnte wie 2009 und 2010 geregelt werden, dass Unternehmen nicht wie zurzeit maximal sechs, sondern zwölf, 18, oder gar 24 Monate konjunkturbedingt kurzarbeiten könnten.

Für andere bewährte Maßnahmen müsste Berlin erneut Gesetze beschließen oder einem aktuellen Vorstoß der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) folgen. Die fordert, die Kurzarbeits-Liberalisierungen von 2009 künftig nicht mehr aufwändig per Gesetz, sondern bei Bedarf mit einer Anordnung des Bundesarbeitsministeriums in Kraft zu setzen. Denn viele der 2009 und 2010 erstmals genutzten Kurzarbeitsregeln wurden im damaligen Konjunkturpaket II bis Ende März 2012 gesetzlich befristet. Ausgesetzt ist etwa die alte Vorgabe des Sozialgesetzbuchs, wonach ein Drittel der Beschäftigten eines Betriebs konjunkturbedingt von Arbeitsausfall betroffen sein muss.

Heute können die Unternehmen schon für einen einzigen Mitarbeiter mit monatlich mindestens zehn Prozent Arbeitsausfall Kurzarbeit beantragen. Neu war 2009 auch, dass Arbeitszeitguthaben nicht aufgebraucht werden müssen, bevor ein Betrieb kurzarbeiten darf - Experten sehen darin eine weitere wichtige Stütze für den möglichen Ernstfall.

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