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Korruption und Spionage In der Krise steigt die Wirtschaftskriminalität

Rund 70 Prozent der Geheimnisverräter kommen aus dem eigenen Unternehmen. Besonders, wenn Mitarbeiter Existenzängste plagen, sinkt die Hemmschwelle für Wirtschaftskriminalität. Wo Risiken lauern und wie Delikte verhindert werden können.

Russische und chinesische Quelle: dpa

In der Mittagspause im Café um die Ecke diskutieren Mitarbeiter lautstark die neusten Personalentscheidungen, Manager gehen im Zug oder Flugzeug an ihren Laptops wichtige Strategiepapiere durch und auf Kopierern werden Verträge oder Pläne vergessen.

Da sind die Ergebnisse neuester Studien zur Wirtschaftskriminalität in Unternehmen nicht verwunderlich: 70 Prozent aller Geheimnisverräter kommen aus dem eigenen Betrieb, stellte das Steinbeis-Institut in einer jüngsten Studie fest. Dabei geben viele Mitarbeiter vertrauliche Informationen nicht unbedingt bewußt weiter, vielfach ist es einfach mangelnde Vorsicht. Kommt dann zur Leichtsinnigkeit der Mitarbeiter noch professionelle Spionage von Konkurrenten oder Geheimdiensten dazu, dann drohen Unternehmen empfindliche Schäden.

In vergangenen zwei Jahren sind immerhin 61 Prozent der deutschen Großunternehmen Opfer von Wirtschaftskriminalität geworden. Das ist das Ergebnis einer Umfrage unter 500 Unternehmen der Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers in Zusammenarbeit mit der Universität Halle-Wittenberg. Im Jahr  2007 waren es mit 49 Prozent noch deutlich weniger. Im Schnitt entstand durch jedes Delikt für die Unternehmen ein Schaden von 4,3 Millionen Euro. Zwei Jahre zuvor lag dieser Wert noch bei 1,6 Millionen Euro.

Druck auf Firmen und Mitarbeiter wächst

Die zunehmenden Fälle von Wirtschaftskriminalität sind auch bedingt durch die Wirtschaftskrise.  „Die Wirtschaftskriminalität steigt, da der Druck auf Firmen und Mitarbeiter wächst“, so die Einschätzung von Udo Nagel.

Der ehemalige Innensenator aus Hamburg, der vorher Kriminaldirektor in München war, ist heute Vorstandsmitglied der privaten Sicherheitsberatung Prevent. „Je höher die Zielvorgaben und je größer die Existenzängste der Mitarbeiter werden, desto eher greifen sie zu unlauteren Methoden“, sagt Nagel. Da werden etwa Lieferanten bestochen, um Aufträge zu sichern oder wettbewerbswidrige Absprachen getroffen. Frustrierte Mitarbeiter plaudern sensible Informationen aus, andere werden mit Gefälligkeitsgeschenken erpresst. 

Spionage durch Konkurrenten und Geheimdienste

Hinzu kommt die anhaltende Gefahr durch Industrie- und Wirtschaftsspione.

Selbst Mittelständler sind davor nicht mehr gefeit, wie ein jüngstes Beispiel aus Bayern zeigt: In Kolbermoor bei Rosenheim wurde kürzlich ein 42-jähriger chinesischer Geschäftsführer ertappt, als er bei einer Werksführung in einer bayrischen Beton-Firma mit einer klitzekleinen Kamera am Gürtel Aufnahmen geheimer Herstellungsverfahren machte.

Die bayrische Firma wollte sich eigentlich mit dem Chinesen gemeinsam für einen Großauftrag in China bewerben. Doch die Chinesen wollten offensichtlich mit den Aufnahmen die deutsche Technik nachbauen und so den Auftrag allein an Land ziehen.

„Kleine Firmen wissen oft nicht, wie begehrt ihre Produkte sind“, erklärt Michael Feiler vom Bayerischen Landesamt für Verfassungsschutz.

Nicht jeder Konkurrent schickt seine eigenen Mitarbeiter als Spione los, es gibt mittlerweile private Anbieter, die Unternehmen gezielt aushorchen. Sie haben leichtes Spiel, wenn sie sich als Boten und Techniker verkleidet frei auf dem Firmengelände bewegen dürfen.

Auch ausländische Geheimdienste greifen nicht selten zu unlauteren Mitteln, um an bestimmte Wirtschaftsinformationen zu kommen. China und Russland zum Beispiel haben explizit die Aufgabe, die Wirtschaft zu unterstützen, indem sie für die Unternehmen ihres Heimatlandes Informationen beschaffen, die diesen sonst nicht oder nur mit erheblichem finanziellen Aufwand zugänglich wären. Der Verfassungsschutz warnte erst vor Kurzem, dass China seine Spione zunehmend in Form von hochqualifizierten Praktikanten in deutsche Unternehmen einschleust.

Laptops können abgefilmt Quelle: ZBSP

Das Bundeskriminalamt verfolgte im Jahr 2008 insgesamt 84550 Fälle von Wirtschaftskriminalität. Durch die Straftaten entstand der Wirtschaft in Deutschland ein Gesamtschaden von 3,4 Milliarden Euro. Das ist ein leichter Rückgang gegenüber dem Vorjahr. Aber die Dunkelziffer dürfte weiterhin um ein Vielfaches höher liegen. Denn die wenigsten Delikte werden zur Anzeige gebracht.

Der Grund: Jeder Skandal lässt die interne Revision schlecht dastehen. Und er belastet die Beziehungen zu Geschäftspartnern und Behörden, die Arbeitsmoral der Beschäftigten und bei großen Unternehmen möglicherweise sogar den Aktienkurs.

Risikofaktor Technik

Um so wichtiger sind Präventionsmaßnahmen. 

Grundsätzlich ist jedes IT-Gerät anfällig für Spionage. Sämtliche Firmencomputer müssen daher durch Firewalls geschützt und E-Mails nur verschlüsselt versendet werden. Mitarbeiter dürfen weder Programme herunterladen noch private Messengerdienste benutzen. 

Ein beliebter Trick, um an Informationen aus fremden Unternehmen zu kommen, sind USB-Sticks mit Hacker-Software, die als Werbegeschenke getarnt sind. Einmal verwendet, spähen sie jedes Gerät aus. Immer wieder bringen Putzkräfte oder Boten heimliche Spionagewerkzeuge an. Keylogger werden zwischen Tastatur und PC gesteckt und leiten alle Eingaben weiter. 

Gegen Wanzen helfen abhörsichere Räume. Zusätzlich sollten Handys und Smartphones bei vertraulichen Gesprächen immer ausgeschaltet werden.

Sogar Dokumente und Informationen auf Displays von Laptops oder Blackberrys können noch aus vielen Metern Entfernung gespiegelt und aufgenommen werden. Geschäftsinformationen sollten niemals in der Öffentlichkeit bearbeitet werden.  Und auf Reiselaptops sollten sowieso nur die allernötigsten Informationen mitgenommen werden.

Risikofaktor Mensch

Der typische Täter ist oft ein langjähriger Mitarbeiter, der die genauen Abläufe im jeweiligen Unternehmen kennt und sicher ist, nicht aufzufliegen. Das ergab eine Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Rölfs Partner. Doch bei einer genauen Kontrolle der Zahlungsströme fliegen Ungereimtheiten oft schon auf. Die beste Prävention sei daher, ein transparentes und effektives Controlling einzuführen, das potenziellen Tätern klar macht, dass sie in jedem Fall erwischt werden.

Dazu müssen Unternehmen eine kritische Risikoanalyse durchführen, die aufzeigt, wo externe und interne Quellen für Kriminalität liegen. Alle sensiblen Entscheidungsprozesse sollten nach dem Vier-Augen-Prinzip erfolgen.

Außerdem sollten Unternehmensrichtlinien eingeführt werden, die beispielsweise besagen dass grundsätzlich keine Bestechungsgelder gezahlt werden und dass Mitarbeiter keine Geschenke annehmen dürfen. An diesen Codex müssen sich alle halten, andernfalls müssen sie einheitlich bestraft werden – vom Pförtner bis zum Vorstand.

„Besonders die Chefetage muss solche Regeln vorleben“, betont Sicherheitsberater Nagel und kritisiert gleichzeitig die zu lasche Strafverfolgung. Laut PwC-Studie landen Betrugsfälle von Topmanagern seltener vor Gericht, nämlich nur in 33 Prozent der Fälle. Beim mittleren Management sind es immerhin 49 Prozent, andere Beschäftigte werden in 54 Prozent der Fälle angezeigt.

Die PwC-Studie ergab darüber hinaus, dass sieben von zehn Straftaten durch Tippgeber aufgedeckt werden. Um diese Zahl weiter zu erhöhen, sollten Unternehmen „Whistleblower“-Systeme einrichten, über die Mitarbeiter Auffälligkeiten auch im Verhalten von Vorgesetzten an einen unabhängigen Prüfer melden können.

Manchmal werden Mitarbeiter aber auch manipuliert, damit sie Informationen preisgeben. Beim sogenannten „Social Engineering“ bedienen sich Spione psychologischer Tricks: Da werden Ingenieure in Fachdiskussionen verwickelt bis sie Spezialwissen verkünden. Sekretärinnen werden nach der Familie und Hobbys des Chefs ausgefragt, um aus den Informationen Passwörter zusammen zu setzen. Oder einzelne Mitarbeiter werden mit Gefälligkeiten überhäuft bis sie erpressbar werden. Hier helfen nur Schulungen und die ständige Sensibilisierung der Angestellten und Führungskräfte.

Links

Hier eine Auswahl an weiterführenden Links zu Anbietern von Konzepten zur Bekämpfung von Wirtschaftskriminalität:

Private Risikomanager

Wirtschaftsprüfungsgesellschaften

Informationen von Behörden:

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