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Korruptionsaffäre Warum MAN Millionen von seinem Ex-Chef fordert

Der Nutzfahrzeughersteller MAN fordert von seinem früheren Vorstandschef Hakan Samuelsson und fünf weiteren Ex-Managern Schadenersatz in dreistelliger Millionenhöhe - pro Kopf. So extrem die Forderung als Summe erscheint, so begründet ist sie in der Sache.

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Hartes Durchgreifen: Der Quelle: dapd

Als Hakan Samuelsson  im November 2009 sein Amt als MAN-Vorstandschef aufgab, galt das als brutalstmöglicher Akt des Abservierens durch den MAN-Ausichtsratsvorsitzenden und Ober-Machiavellisten Ferdinand Piëch. Der kam mit Samuelssons Abgang seinem Ziel näher, die LKW-Hersteller Scania und MAN unterm VW-Dach enger zusammen zu binden, weil der damalige MAN-Chef seiner Strategie im Weg stand.Doch übersehen wurde bei dieser Erklärung, dass der in Medien und Fachkreisen anerkannte und respektierte Samuelsson, der stets wenig arrogant und selbstkritisch auftrat, tatsächlich für Fehler büßte. Er stürzte über den Angriffspunkt, den er Piëch bot: die Schmiergeldaffäre, die MAN massiv erschütterte und veränderte. Das Compliance-Programm, mit dem Samuelsson angeblich alles getan hatte, um die Mitarbeiter weltweit auf rechtmäßiges Verhalten zu verpflichten, war in Wahrheit löchrig wie ein Schweizer Käse.Gut wurde das am Umgang mit den illegalen Provisionen bei Bus- und LKW-Verkäufen. Früh hatte die Crew um Samuelsson das Provisionssystem als korruptionsanfällige Schwachstelle erkannt - lange bevor es ins Visier der Staatsanwälte geriet. Anstatt aber die Unsitte konsequent zu beenden, verfügte Samuelsson scheibchenweise und über Jahre hinweg Maßnahmen dagegen. Regeln wurden ab 2001 ständig verschärft, Rundschreiben immer umfangreicher. Verhindert hat das die fragwürdigen Zahlungen nicht.

Die Schwachstelle war der MAN-Spitze also, sieben Jahre bevor der Skandal öffentlich wurde, bekannt, offenbarten interne Unterlagen. Ein Rundschreiben der Geschäftsführung des Nutzfahrzeug-Vertriebs vom 22. Oktober 2002 an die Verkaufsmitarbeiter definierte Provisionsobergrenzen, die bis 2009 galten: Bei Fahrzeugen mit bis zu 15,9 Tonnen Gesamtgewicht durften maximal 1000 Euro, bei schwereren Fahrzeugen 1500 Euro Vermittlungsgebühr fließen. Es gehe um "ein Entgelt für tatsächlich geleistete Vermittlertätigkeit". Die Worte "tatsächlich geleistete" waren fett hervorgehoben. Trotzdem waberte so viel Unbehagen über die Interpretierbarkeit "tatsächlich geleisteter" Vermittlungstätigkeiten durch das Unternehmen, dass 2003 ein weiteres Schreiben zum Thema Provisionen folgte: Die Konzernführung verbot ihrem Vertrieb nun "ausdrücklich", Preisnachlässe "verdeckt in Form von Vermittlerprovisionen zu gewähren". 2006 legte das Management noch mal nach und hielt doch Hintertüren offen: "Provisionen an Gelegenheitsvermittler" seien "grundsätzlich zu vermeiden", hieß es - Ausnahmen aber in "begründeten Einzelfällen" möglich. Im selben Jahr wurde aus dem Vier-Augen- ein Sechs-Augen-Prinzip: Eine Provisionszahlung muss seitdem neben dem Abteilungsleiter auch der zuständige Geschäftsführer für Deutschland oder für die jeweilige Auslandsregion genehmigen. 2008 dann wurde daran erinnert, bei "Provisionen für verkaufsunterstützende Berater" sei ein von der Zentrale genehmigter Beratervertrag Voraussetzung - offenbar nicht immer gängige Praxis. Und Korruption im Auslandsgeschäft war dann ja auch der viel größere Part des MAN-Skandals.

MAN sah es 2009 als Erfolg, durch die Vorschriften das Volumen der gesamten Provisionszahlungen in Deutschland von rund zwei Millionen Euro pro Jahr auf einen sechsstelligen Betrag gedrosselt zu haben. Inzwischen wurde das Provisionunwesen ganz gestoppt. Das war es, was Samuelsson versäumt hatte. Er hätte viel schneller - und härter - durchgreifen müssen. Rund 20 von der internen Revision festgestellte Provisionsmissbrauchsfälle hat MAN selber geregelt und die Übeltäter entlassen. Nur ein Ex-Mitarbeiter wurde vom Unternehmen angezeigt und 2008 in Augsburg verurteilt: Wer ihm Wartungsaufträge gab, bekam als Dankeschön Kühlschränke, Fernseher und andere Elektrogeräte geschenkt. Samuelsson, der sich als Saubermann und Vorreiter in Sachen Compliance sah, wurde tragisch zum Opfer der alten Compliance-Unkultur - die Korruption, Kickback-Zahlungen, Kartellabsprachen und Steuerhinterziehung als lässliche Sünden sah. Dass er dafür nun so hart zur Rechenschaft gezogen wird wie kein Manager vor ihm, erscheint ungerecht. Denn mit der ruinösen 237-Millionen-Forderung wird ein Manager konfrontiert, der zu keinem Zeitpunkt im Verdacht stand, ein Schmiergeldsystem bewusst geduldet zu haben oder gar selber von verdeckten Zahlungen profitiert zu haben.

Ex-MAN-Chef wird extrem hart angefasst

Samuelsson hat "nur" versäumt, die maximalen Maßnahmen gegen Korruption und unfaire Wetbbewerbspraktiken zu ergreifen. Das passt auch zum verschärften Trend in der Anwendung des Strafrechts. So verurteilte der Bundesgerichtshof vor anderthalb Jahren den Revisionschef eines Unternehmens wegen Beihilfe zum Betrug nur deshalb, weil der nicht alles getan hatte, um eine Wirtschaftsstraftat zu verhindern, an der er selber aber nicht beteiligt war. Fazit: Was bei Samuelsson beschönigend politische Verantwortung genannt wird, ist schlicht Verantwortung. Trotzdem darf einem der fähige und sympathische Manager, der nun bei Siemens im Aufsichtsrat sitzt und mitansehen musste, wie der frühere Vorstandschef Heinrich von Pierer mit fünf Millionen Euro Schadenersatz für die dortige Korruptionsaffäre glimpflich davon kam, leid tun. Von Pierer hatte viel mehr als Samuelsson den Eindruck vermittelt, er verkörpere persönlich das Recht und stehe über den Paragraphen. Insofern liegt im Recht, das Piëch nun an Samuelsson anwenden will, auch ein Unrecht. Und hätte Piëch sich selbst so hart behandelt, wäre er bei Volkswagen nicht mehr im Amt. Dessen Konzern hat unter Piëchs Oberaufsicht immerhin die unvergessene VW-Affäre um bestochene Betriebsräte und Sex-Reisen auf Firmenkosten hervorgebracht, für die der damilge VW-Personalchef Peter Hartz verurteilt wurde. Für den Skandal hätte Piëch nach dem Maßstab, den er nun an Samuelsson anlegt, auch selber büßen müssen.

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