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Kostenlos-Kultur Das Umsonst-Prinzip revolutioniert die Wirtschaft

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Das Konzept

Während sich Unternehmen in der Videospielbranche auf „Free“ stürzen, um das Wachstum zu beschleunigen, ist es in der Musikbranche der rettende Strohhalm, der den endgültigen Absturz verhindern soll. 

Der Erfolg der Musikgruppe Radiohead mit ihrem Zahl-was-du-für-richtig-hältst-Experiment für ihre Scheibe „In Rainbows“ ist legendär. Anstatt das siebte Album wie üblich über den Handel zu veröffentlichen, war es ausschließlich im Internet erhältlich, und jeder konnte selbst bestimmen, wie viel er dafür zahlen wollte. 

Manche entschieden sich, nichts dafür zu bezahlen, so wie ich (allerdings nicht, weil ich dachte, das Album wäre nichts wert, sondern weil ich wissen wollte, ob das tatsächlich zulässig war), andere legten freiwillig über 20 US-Dollar dafür hin. Im Durchschnitt wurde ein Verkaufspreis von 6 US-Dollar erzielt. 

Zahl-was-Du-für-richtig hältst

„In Rainbows“ wurde Radioheads kommerziell erfolgreichstes Album. In einer Zeit, in der die Verkaufszahlen in der gesamten Branche abstürzen, konnte Radiohead diese beneidenswerten Zahlen verzeichnen: Das Album hat sich insgesamt weltweit drei Millionen Mal verkauft – als Internet-Download, als CD, als Deluxe-Discbox mit dem regulären Album auf CD, einer Bonus-CD und zwei Schallplatten sowie über iTunes und andere digitale Einzelhändler. Die Deluxe-Discbox zum stolzen Preis von 80 US-Dollar wurde 100.000 Mal verkauft.

Bevor die physische CD auf den Markt kam, hat Radiohead über das Internet bereits mehr Geld mit „In Rainbows“ gemacht als mit dem Verkauf des vorherigen Albums in allen Formaten. Und die Tournee von Radiohead war mit 1,2 Millionen verkauften Tickets die erfolgreichste Tour der Band.

Es gibt haufenweise Künstler wie Radiohead, die es zu schätzen wissen, dass sie mit Free ein deutlich größeres Publikum erreichen, von dem einige eines schönen Tages zahlende Kunden werden, weil sie ihr Konzert besuchen, sich das T-Shirt der Band besorgen oder – man lese und staune – ihre Musik kaufen. 

Neue Möglichkeiten für die Buchindustrie

Die Plattenfirmen wissen nur allzu gut, dass sie immer mehr an Einfluss verlieren. Manche beschlossen, mit allen Mitteln um ihre Pfründe zu kämpfen, sprich, unerbittlich gegen Raubkopierer vorzugehen. Viele der kleineren Labels jedoch setzen erfolgreich innovative Konzepte um: RCRD LBL, ein Unternehmen, das vom Starblogger Pete Rojas gegründet wurde, bietet seinen Kunden kostenlose Musik gegen Werbung. Auch das Konzept „Bestimme-den-Preis-selbst“ setzt sich mehr und mehr durch. 

Zum Glück steht die Buchindustrie nicht kurz vor ihrem Zusammenbruch, doch für Hunderte von Autoren (und ein paar Verleger) ist das kein Grund, nicht ebenso mit Free zu experimentieren.

Steven Poole hat vor etwa fünf Jahren ein geniales Buch über die Kultur der Videospiele verfasst und in jüngerer Zeit – leider nur halbherzig – mit Free experimentiert. Nachdem sich sein Buch 2007 in den meisten Buchläden nicht mehr verkaufte, veröffentlichte er es als Datei in seinem Blog. Außerdem stellte er eine Art Spendenbüchse ins Netz, damit seine Leser ihm dafür auch Geld geben konnten. Doch das taten nur sehr wenige – gerade mal einer von 1750 Lesern. In seinen Augen war das Verschenken von Büchern der totale Reinfall.

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