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Krankenversicherung Gesetzliche und private Krankenkassen loten heimlich Kooperationen aus

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Grafik: Einnahmen und Ausgaben der PKV und GKV

Denn die Regierung entscheidet demnächst über die Finanzierung einer geplanten Pflegezusatzversicherung. Auch dort fehlt auf lange Sicht Geld. Nun sollen alle Bürger wohl eine private Extra-Police abschließen müssen, die erstmals kapitalgedeckt finanziert werden soll. Dort sparte jeder für sich. Bei der Umlagefinanzierung geht stattdessen über einen Sammeltopf jeder Euro raus, kaum dass er reinkommt. Das künftige Pflegekonzept könnte zur Blaupause für das ganze System werden.

Für einen großen Wurf müsste das Rad aber nicht mal neu erfunden werden. Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) hat sich bereits bei seinem niederländischen Kollegen informiert, wie die Zeitenwende funktionieren kann.

2006 schaffte die Regierung das dortige Doppelsystem PKV und GKV ab, die Unternehmen gründeten Modelle, vergleichbar den deutschen Versicherungsvereinen auf Gegenseitigkeit. Sie arbeiten nicht gewinnorientiert, haben größere Vertragsfreiheiten und können die Beitragshöhe frei gestalten. Der Wettbewerb um Qualität und Preis steigt. Das System finanziert sich aus einer jährlichen Kopfpauschale von 1100 Euro je Beitragszahler plus einem einkommensabhängigen, arbeitgeberfinanzierten Zusatzbeitrag. Hinzu kommt eine Selbstbeteiligung der Versicherten. Geringverdiener bekommen einen staatlichen Zuschuss. Kinder werden steuerfinanziert.

Niederländischer Weg als Vorbild

Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass in 10 bis 15 Jahren in Deutschland vergleichbare Verhältnisse herrschen, im besten Fall ohne die Kinderkrankheiten des niederländischen. Doch der Weg ist steinig: Unterschiedliche Ideologien prallen aufeinander, Juristen müssten zwei gänzlich unterschiedliche Systeme zusammen-führen. „Aber wir sind schon weiter, als viele ahnen“, sagt der Hamburger Gesundheitsexperte und Unternehmensberater Heinz Lohmann. „Alle Bundesregierungen haben im Laufe der Jahre wesentliche Schritte eingeleitet, um beide Systeme zusammenzuführen.“

Die gesetzlichen Kassen dürfen ihre Angebote stärker als früher differenzieren. Der Staat hat ihnen größere Spielräume bewilligt, um Bürokratie abzubauen und guten Managern höhere Gehälter zahlen zu können. Im Gegenzug können die Kassen inzwischen aber auch pleitegehen. Im Ergebnis gleicht sich ihr Management dem der privaten Konkurrenz an.Aus 1200 gesetzlichen Kassen wurden binnen 20 Jahren 148, beschleunigt durch die Einführung des Zusatzbeitrags, den malade Kassen von ihren Kunden einfordern dürfen. Doch Fusionen allein bringen nichts, warnte gerade der Bundesrechnungshof. Nach Prüfung von 32 Zusammenschlüssen urteilt er: Fusionen binden zu viel zeitliche und personelle Ressourcen. Geringe Synergieeffekte stehen dauerhaften zusätzlichen Ausgaben gegenüber.

GKVs dürfen ihren Kunden Zusatzversicherungen für schönere Zähne oder ruhigere Krankenhauszimmer anbieten. Per Gesetz müssen die aber in Kooperation mit einer PKV organisiert sein. Die Feindlinie weicht auf, bereits 16 Millionen Kunden setzten auf mehr Luxus. Die Privaten sichern sich so den Zugang zu Millionen Kunden, die Gesetzlichen binden die eigenen enger an sich mit dem Versprechen, ihnen die Zusatzangebote günstiger zu vermitteln. Doch weniger Kunden als erhofft greifen zu.Zugleich bindet die Politik die Privaten bereits stärker in das System GKV ein: Sie sollen dieselben statt wie bisher höhere Preise für Medikamente zahlen können, teilen den Leistungsumfang in der Pflege oder Behandlungsleitlinien für Kranke. All das spart den Privaten jährlich Millionen.

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