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Krankenversicherung Gesetzliche und private Krankenkassen loten heimlich Kooperationen aus

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Grafik: Mitglieder/Kooperationen gesetzlicher Kassen

„Das sind alles schon Angleichungsbemühungen. In 20 Jahren haben wir eine Basisversicherung für alle“, sagt Berater Lohmann. „Dann gibt der Staat nur noch Rahmenrichtlinien vor, und alle Versicherungen sind privatisiert.“ Derzeit seien aus seiner Sicht Politiker noch die größten Verzögerer: „Erst wenn dem Gesundheitssystem das Wasser zur Nase reinregnet, sind sie bereit, sich Feinde zu machen“, ärgert sich Lohmann. Viele Versicherer sind längst weiter.

Branchenprimus Allianz etwa nutzte die unternehmenseigene – gesetzliche – Betriebskrankenkasse als trojanisches Pferd. Sie fusionierte 2009 ihre BKK Allianz mit der größeren gesetzlichen KKH zur KKH-Allianz, insgesamt zwei Millionen Kunden. Die KKH setzte auf die Vertriebspower der Münchner, die Allianz hoffte auf Zugang zu den KKH-Kunden, um ihnen ihre gesamte Produktpalette anzudienen. Mit geballter Marktmacht wollte die neue Kasse Krankenhäusern und Pharmaunternehmen entgegentreten. Stattdessen stiegen die Ausgaben, und Zusatzbeiträge vertreiben die Kunden – allein 2010 rund 190 000 Mitglieder.

Die Thinktanks der Versicherer haben diesen Flop abgehakt. Sie denken auf Sicht von 15 Jahren: Wie sichern sie ihre Stellung, wenn das duale System zur Disposition steht? Aber heimlich, still und leise muss geplant werden. Denn als sich Axa, Allianz und andere 2009 damit schon mal aus der Deckung trauten, prügelte reflexartig die ganze Branche auf sie ein.

Kooperationswunsch zwischen privaten und gesetzlichen Kassen

Björn Hansen, Chef der Melsunger BKK Wirtschaft & Finanzen, ist öffentlich weniger zurückhaltend als die PKV-Chefs: „Natürlich können wir über Zusatzversicherungen hinaus mit privaten Anbietern zusammenarbeiten. Die sind auch schon interessiert, zum Beispiel an Vertriebskooperationen, gemeinsamen Callcentern oder der Abwicklungslogistik.“

Andere PKVs und GKVs denken über das Modell einer von beiden parallel angebotenen gesetzlich definierten Basisversorgung nach. Dafür müssten die Privaten dann wie die GKVs jeden aufnehmen, statt wie bisher nur Gutverdiener und Gesunde zu akzeptieren, und im Gegenzug die gleichen Leistungen wie die GKVs anbieten.

Zum Ausgleich, denn den Altkunden stehen vertraglich höhere Leistungen zu, soll das Geschäft mit der Zusatzversicherung der GKV-Kunden bei der PKV ausgebaut werden. „Das wird doch nie was“, sagt der Berliner Vordenker einer Privaten, der seinen Namen auf keinen Fall in der Zeitung lesen möchte. „Damit sich das Zusatzgeschäft lohnt, müssten die Politiker erst einmal Leistungen aus dem Katalog der Basisversicherung streichen. Das traut sich keiner, egal, welcher Couleur. “

Beerdigt haben die Kassen-Chefs die Idee deshalb nicht. So denken Ökonomen, Juristen und Steuerrechtler in ihrem Auftrag verschiedene gemeinsame Zukunftsoptionen durch.

Was hätten die Kunden davon? Aus Sicht von Martin Albrecht, Geschäftsführer des Berliner IGES Instituts für Gesundheitspolitik, eine Menge: „Es gäbe mehr Wettbewerb, weil es keine exklusiven Marktsegmente mehr gäbe.“ Noch werden einzig Privatpatienten gepampert. Sein Vorschlag: „Alle Versicherten können zwischen GKV und PKV in der heutigen Form frei wählen und jederzeit wechseln.“ Das Problem der Altersrückstellungen, den Reserven der PKV-Kunden fürs Alter, sei zu lösen. Wichtig aus seiner Sicht: „Aus jedem System das Beste herüberzuretten: Die GKV ist erfahrener beim Versorgungsmanagement und der Steuerung von Leistungsausgaben, die PKV in der Gestaltung und Kalkulation individueller Versicherungsangebote sowie der Technik der Kapitaldeckung.“ Dieses Einsparpotenzial sichere zudem die Teilhabe am medizinischen Fortschritt für alle eher als bisher.

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