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Krankenversicherungen Wo unsere Kassen-Beiträge versickern

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Staatszuschuss

In dieser dramatischen Ausgangslage diskutieren im deutschen Gesundheitssystem immer die mit allen Wassern gewaschenen Ärzte-, Apotheker-, Krankenhaus- und Pharmafunktionäre mit, ein Bundesgesundheitsministerium, 16 Landesgesundheitsministerien, 17 kassenärztliche Vereinigungen und rund 160 Krankenkassen, vertreten durch einen Spitzenverband und sechs Altverbände. Und jeder reicht den Schwarzen Peter weiter.

Aber setzen sie wirklich an den richtigen Hebeln an? Wie viel Geld werfen schlechte Kassenmanager aus dem Fenster und wie viel wird durch grundlegende Systemmängel verschwendet? Als schwersten Konstruktionsfehler der GKV wertet CDU-Mann Koschorrek „die Intransparenz. Das Einzige, was der Bürger sehen kann, ist der Beitrag. Den findet er zu hoch, aber den genauen Betrag, den er und sein Arbeitgeber zusammen zahlen, wird er wahrscheinlich nicht einmal kennen“. Durch die „chronische Regulitis“ habe der Gesetzgeber zudem die GKV mit immer neuen Vorschriften umzingelt, die sich nun in ihren Wirkungen widersprächen.

Deshalb werden die Beiträge weiter steigen, wenn sich die Politik nicht rührt. Unabhängig von der Diskussion um Pharmapreise und milliardenschwere Wahlgeschenke an Ärzte und Krankenhäuser zeigt die WirtschaftsWoche die teuersten Leiden der kranken Kassen auf. 

Abrechnungsbetrug

72 Millionen Versicherte nehmen jährlich Leistungen von Ärzten, Krankenhäusern, Physiotherapeuten, Orthopädiemechanikern, Pflegediensten und vielen anderen in Anspruch. Nicht alle Anbieter rechnen anschließend getreu den Buchstaben des Gesetzes ab, ob wissentlich oder unwissentlich. Der Frankfurter Staatsanwalt Alexander Badle von der Ermittlungsgruppe Betrug im Gesundheitswesen schätzt den Schaden auf rund eine Milliarde Euro und beklagt „dass vielen Ärzten jegliches Unrechtsbewusstsein fehlt“. 40 Prozent der Kassen-Stichproben bringen Falschabrechnungen ans Licht, der Schnitt liegt bei 440 Euro zulasten der Kassen.

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    Seit 2004 sind sie verpflichtet, auffällige Abrechnungen zu überprüfen, doch vielen mangelt es an Personal. Allein die AOK Niedersachsen hat seit 2004 rund 30 Millionen Euro von Ärzten und Kliniken zurückgefordert.„Die gesetzliche Ausgestaltung der Prüfung ist absurd“, klagt Florian Lanz, Sprecher des Spitzenverbandes der GKV. „So muss die prüfende Kasse im Fall eines falschen Verdachts einem Krankenhaus 300 Euro für den Verwaltungsaufwand zahlen. Hat das Krankenhaus aber falsch abgerechnet, passiert ihm – nichts. Es muss nur das zu viel geforderte Geld zurückzahlen.“ Der Spitzenverband fordert außer Strafen für Rechnungsjongleure auch die Erweiterung der Kassen-Befugnisse bei der Stichprobenprüfung. Passiert ist bisher – nichts.

    Die Elektronische Gesundheitskarte (eGK) ist ein Paradebeispiel für brettharten Lobbyismus. Seit mehr als zehn Jahren verhindern die unterschiedlichsten Interessenvertreter, dass die Karte kommt. Viele Ärzte fürchten die daraus resultierende Transparenz und Kontrolle ihrer medizinischen und kaufmännischen Fähigkeiten, der Staat eiert. Verpflichtend sollen auf der Karte jedes Versicherten dessen Verwaltungsdaten sowie Rezepte gespeichert werden; freiwillig unter anderem Notfalldaten, Arzneimitteldokumentation, Arztbriefe und eine elektronische Patientenakte.

    Keine Patientenrechnung

    Die Befürworter hoffen auf schnelleren Informationsfluss, die Vermeidung von Doppelbehandlungen, bessere Behandlungsqualität und laut Bundesgesundheitsministerium 3,5 Milliarden Euro Einsparvolumen. Demnach sollte sich nach Verrechnung aller anfallenden IT-Kosten die Karte für die Kassen nach vier Jahren rechnen, was viele optimistisch finden. Dennoch sollte sie einiges einsparen. So werden zum Beispiel 80 Prozent aller jährlich rund 600 Millionen Rezepte beim Arzt zwar elektronisch erzeugt, dann aber ausgedruckt, gestempelt, mehrfach ergänzt, zur Apotheke getragen, per Post transportiert und zum Schluss bei der zahlenden Kasse wieder eingescannt – im Jahr 2010.

    Immer wieder wird die Problematik des gläsernen Patienten ins Feld geführt und zu Recht am Konzept nachgebessert. Trotzdem forderte der Deutsche Ärztetag im Mai erneut das Aus für die Karte, sie verwandele Praxen in Außenstellen der Krankenkassen. Es geht auch anders: In Dänemark, nicht bekannt für unmündige Bürger, baut der Staat selbst eine zentrale Einrichtung auf, die diese Daten verwaltet. Optimisten hoffen auch in Deutschland noch auf das Start-Jahr 2015.

    Jedem privat Versicherten schickt der Arzt eine Rechnung, die er kontrollieren kann. GKV-Patienten bekommen sie nicht, obwohl sich viele Kassenmanager dafür aussprechen. Deren Hoffnung ist weniger, dass die Patienten über Ungereimtheiten stolpern, dafür ist die Materie oft zu kompliziert. Vielmehr bekäme der Patient eine Vorstellung über die Kosten, die er verursacht. Und der Arzt diszipliniere sich bei der Abrechnung sicherheitshalber schon selbst. Branchenkenner gehen davon aus, dass das trotz zusätzlicher Kosten viel sparen würde. Die Politik müsste es nur beschließen.

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