WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Krankenversicherungen Wo unsere Kassen-Beiträge versickern

Seite 3/5

Nettoverwaltungskosten

Bis die Kassen wirklich wissen, welche Kosten welcher Versicherte verursacht hat – also auch wie belastbar ihre Budgetplanung ist – dauert es dank bürokratischer Wege je nach Kostenart bis zu zehn Monate, benennt Gregor-Konstantin Elbel, Arzt und Partner der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Deloitte, ein Kernproblem. „Die Daten kommen mal auf Papier, mal elektronisch. Dabei wären genau diese Daten die Grundlage für eine zeitnahe Leistungsausgabensteuerung.“

Hier ließe sich bei den Kassen durch Investitionen in IT die Analysekompetenz verbessern. Elbel: „Doch Ausgaben, die sich erst nach Jahren rechnen, sind bei den veralteten Bilanzierungsvorschriften der Kassen fast unrentabel.“ Denn bei den Kassen ist es ähnlich wie bei der alten Kameralistik vieler Kommunen: Gemacht werden kann nur, was sich schnell amortisiert. Deshalb können sinnvolle Großinvestitionen die Kassen in die Zusatzbeiträge treiben, die sie vermeiden wollen.

Millionen fließen jährlich in Präventionsleistungen, Gesundheitskurse oder Wahltarife beispielsweise mit Selbstbehalt. Stefan Edgeton, Gesundheitsexperte der Verbraucherzentralen, kritisiert: „In Anbetracht des oft umstrittenen Nutzens sind das letztlich Marketinginstrumente, damit die Kunden nicht in die private Krankenversicherung abwandern.“

Mangelnde Großgeräteplanung

Medizinische Großgeräte wie Protonenstrahler zur Krebstherapie kosten bis zu 180 Millionen Euro. Dass rund um diese Kliniken die Nachfrage boomt, ist oft eher der Refinanzierung geschuldet als der Medizin. Experten fordern, dass der gemeinsame Bundesausschuss von Politik, Kassen, Ärzten und Versicherten vom Gesetzgeber die 1997 abgeschaffte Kompetenz zurückbekommt, die Zahl und regionale Verteilung solcher Riesengeräte steuern zu können.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Jede Kasse ist verpflichtet, jeden Leistungserbringer im Land zu bezahlen. Das ist völlig unabhängig vom regionalen Versorgungsbedarf oder der Qualität der medizinischen Leistung. Björn Hansen, Chef der BKK Wirtschaft und Finanzen: „Wir müssen mit einzelnen nachweisbaren Spezialisten auf ihrem Gebiet selektive Verträge abschließen dürfen.“ Und andere aussortieren können. Für ihn ist das einer der wichtigsten Ansatzpunkte gegen Verschwendung im Kassensystem.

    Top-Leistung wird im deutschen Gesundheitssystem nicht belohnt, dauerhafte Fehlleistungen werden nicht sanktioniert. Alle bekommen staatlich gewollt dieselbe Entlohnung. Qualität und Effizienz hält Berater Elbel für die größten Probleme des deutschen Kassensystems: „Die Politik muss den Kassen erlauben, ihre Vergütung an die Qualität der Ärzte und Krankenhäuser koppeln zu können. Dafür kann man mit Parametern wie Zahl der behandelten Fälle und Erfolgsnachweis transparente Zielvorgaben definieren.“ Als Erstes profitierten davon dank einer höheren Spezialisierung der Kliniken und einer besseren Versorgung nicht die Kassen, sondern die Versicherten. Kassenchef Hansen fordert zudem: „Es müssen mehr Leitfäden zur medizinischen Behandlung her. Sie würden nicht die ärztliche Freiheit einschränken, sondern mehr Transparenz und gesicherte Versorgung für die Patienten sowie mehr juristische Sicherheit für die Ärzte bedeuten.“

    Kostenlose Familienversicherung

    Die GKV ist eine Solidargemeinschaft: Alle Vollmitglieder überweisen knapp hälftig mit ihrem Arbeitgeber 14,9 Prozent ihres Einkommens, dafür sind – anders als in der privaten Krankenversicherung – Kinder und Ehepartner ohne eigenes Einkommen beitragsfrei mitversichert. Diese gesetzliche Vorgabe, die zugleich die Wechsellust zu den privaten Kassen bremsen soll, kostet. Der Bund der Steuerzahler hat Musterrechnungen angestellt: Schon ein Mindestbeitrag pro Nase von nur einem Drittel des günstigsten Beitrags – nämlich 123 Euro monatlich – würde jährlich rund 13 Milliarden Euro in die GKV spülen. Damit wäre der gesamte Fehlbetrag für 2011 ausgeglichen.

    Protzige Versicherungspaläste sind selten geworden. Verborgene Rücklagen als geheimes Polster risikofreudiger Vorstände auch, denn die sind gesetzlich auf gerade mal ein Viertel der Monatsausgaben gedeckelt. Rund 170 Milliarden Euro geben die gesetzlichen Kassen in diesem Jahr aus. 2008 gingen 5,15 Prozent für die Verwaltung drauf, 2010 dürfte die Höhe ähnlich sein. Im internationalen Vergleich sieht Deutschland damit gut aus. Jeden Beitragszahler kostete seine ordnungsgemäße Verwaltung 2008 etwa 118 Euro. Bei den Konkurrenten der privaten Krankenversicherungen waren es 384 Euro. Auch die Verwaltung des Gesundheitsfonds ist überschaubar: 24 Mitarbeiter, 3,3 Millionen Euro Personal- und Sachkosten.

    Inhalt
    Artikel auf einer Seite lesen
    © Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%