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Krankenversicherungen Wo unsere Kassen-Beiträge versickern

Den gesetzlichen Krankenkassen fehlen im nächsten Jahr elf Milliarden Euro, die Ausgaben werden weiter steigen, immer mehr Leistungen rationiert. Wo überall unsere Beiträge versickern und was die Gründe dafür sind.

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Patient im Protonenstrahler

Wer sagt, Kassen-Fusionen brächten irgendeinen Nutzen, kennt die Praxis nicht,“ sagt Christian Kothe*. Er wurde gerade fusioniert. Der Sozialversicherungs-fachangestellte – im Branchenjargon „Sofa“ – betreut rund 500 Kunden einer westdeutschen Betriebskrankenkasse. Die hat sich 2009 mit zwei anderen Kassen zusammengeschlossen. Verwaltungskosten sparen, Leistungen optimieren, Versicherte besser durch den Gesundheitsdschungel navigieren, so wurde die Fusion begründet. „Blödsinn, wir haben jetzt vom Organisationschaos demotivierte Mitarbeiter, bei Neukunden doppelte Bearbeitung, weil keiner weiß, welchem Mitarbeiter sie zugeteilt sind und drei EDV-Systeme“, ärgert sich Kothe, „der Kunde profitiert null.“ Stattdessen hat die Kasse ihren Versicherten in der vergangenen Woche Zusatzbeiträge angekündigt. Gespart wird bisher nicht: Alle Mitarbeiter haben eine Jobgarantie bis Ende 2012.

Das System der gesetzlichen Krankenkassen ist in Umwälzung begriffen. Die Fusionswelle schwappt weiter: Die als angeschlagen geltende DAK will mit der BKK Gesundheit zusammengehen, die Bank BKK und die BKK Neckermann fusionierten zum 1. Juli, ebenso die BKK der Partner mit der Pronova BKK. Bei den AOKen ist es ähnlich.

Experten prophezeien einen Flächenbrand

Die Finanzlücken werden immer größer: Im 170 Milliarden Euro schweren Gesundheitsfonds, der das Geld der Versicherten an alle Kassen verteilt, sind schon im ersten Quartal 2010 700 Millionen Euro Unterdeckung aufgelaufen. Die werden zurzeit nur durch einen Bundeszuschuss aufgefangen. Für den gleichen Zeitraum vermeldet die gesetzliche Pflegeversicherung ein Defizit und prognostiziert für 2012 ein Minus von 300 Millionen Euro. Und die beiden mit 8,6 beziehungsweise 7,3 Millionen Versicherten größten Kassen Barmer-GEK und Techniker sollen im ersten Quartal zweistellig im Minus liegen und warten nun, wer beim Thema Zusatzbeitrag für die Versicherten zuerst zuckt.

Die gesamte Kassenlandschaft ordnet sich neu. Einen Flächenbrand prophezeien nun auch Experten, die des Lobbyismus unverdächtig sind. Sylvia Bohlen-Schöning, Vize-Chefin des Bundesversicherungsamtes, das die Krankenkassen kontrolliert: „Die Situation ist sehr ernst. Wir müssen politische Entscheidungen treffen, sonst sind 2011 viele Kassen unterfinanziert.“ Dabei pumpt der Staat 2010 bereits rund 15,7 Milliarden in die gesetzlichen Krankenkassen (GKV).

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    Den Versicherten ist zu wünschen, dass bei den aktuellen Verhandlungen in Berlin um die nächste Gesundheitsreform auch grundsätzliche Konstruktionsprobleme des Systems der gesetzlichen Kassen auf den Tisch kommen. Es stammt in Teilen aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg – und man merkt es.

    Zusatzbeitrag für Gutverdiener

    Denn die Gründe für die Kassenmisere liegen nicht nur bei den Ausgaben für gierige Ärzte und Pillenhersteller oder die immer mehr Geld verschlingenden Hospitäler. Eine weitere zentrale Ursache ist die Verschwendung bei den Kassen selbst – oft mit verursacht durch staatliche Vorgaben für ihre Arbeit. Veraltete oder von Lobbys beeinflusste Gesetze lassen Milliarden versickern.

    Vorschläge, wie die Finanzlöcher der Kassen zu stopfen sind, kamen in der vergangenen Woche werktäglich. Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) will bei Pharmaausgaben, Verwaltungskosten der Krankenhäuser und Ärzten sparen, die CSU die Zusatzbeiträge der Versicherten künftig prozentual von deren Gehalt erheben statt wie bisher pauschal. Die CDU präferiert einen nach Einkommen gestaffelten Zusatzbeitrag von bis zu 2,5 Prozent für Gutverdiener.

    Die Barmer Ersatzkasse ruft nach einer Erhöhung des Arbeitgeberbeitrags, der Spitzenverband der Kassen macht Sparvorschläge über 4,4 Milliarden Euro bei Ärzten, Krankenhäusern und Medikamenten. Die Beitragseinnahmen sollten gesteigert werden, indem auch Einkünfte aus Mieten oder Kapitalanlagen der Bemessungsgrenze hinzugerechnet werden, bis zu der Beiträge gezahlt werden müssen, fordert der CDU-Gesundheitsexperte Rolf Koschorrek.

    * Name geändert

    Staatszuschuss

    In dieser dramatischen Ausgangslage diskutieren im deutschen Gesundheitssystem immer die mit allen Wassern gewaschenen Ärzte-, Apotheker-, Krankenhaus- und Pharmafunktionäre mit, ein Bundesgesundheitsministerium, 16 Landesgesundheitsministerien, 17 kassenärztliche Vereinigungen und rund 160 Krankenkassen, vertreten durch einen Spitzenverband und sechs Altverbände. Und jeder reicht den Schwarzen Peter weiter.

    Aber setzen sie wirklich an den richtigen Hebeln an? Wie viel Geld werfen schlechte Kassenmanager aus dem Fenster und wie viel wird durch grundlegende Systemmängel verschwendet? Als schwersten Konstruktionsfehler der GKV wertet CDU-Mann Koschorrek „die Intransparenz. Das Einzige, was der Bürger sehen kann, ist der Beitrag. Den findet er zu hoch, aber den genauen Betrag, den er und sein Arbeitgeber zusammen zahlen, wird er wahrscheinlich nicht einmal kennen“. Durch die „chronische Regulitis“ habe der Gesetzgeber zudem die GKV mit immer neuen Vorschriften umzingelt, die sich nun in ihren Wirkungen widersprächen.

    Deshalb werden die Beiträge weiter steigen, wenn sich die Politik nicht rührt. Unabhängig von der Diskussion um Pharmapreise und milliardenschwere Wahlgeschenke an Ärzte und Krankenhäuser zeigt die WirtschaftsWoche die teuersten Leiden der kranken Kassen auf. 

    Abrechnungsbetrug

    72 Millionen Versicherte nehmen jährlich Leistungen von Ärzten, Krankenhäusern, Physiotherapeuten, Orthopädiemechanikern, Pflegediensten und vielen anderen in Anspruch. Nicht alle Anbieter rechnen anschließend getreu den Buchstaben des Gesetzes ab, ob wissentlich oder unwissentlich. Der Frankfurter Staatsanwalt Alexander Badle von der Ermittlungsgruppe Betrug im Gesundheitswesen schätzt den Schaden auf rund eine Milliarde Euro und beklagt „dass vielen Ärzten jegliches Unrechtsbewusstsein fehlt“. 40 Prozent der Kassen-Stichproben bringen Falschabrechnungen ans Licht, der Schnitt liegt bei 440 Euro zulasten der Kassen.

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      Seit 2004 sind sie verpflichtet, auffällige Abrechnungen zu überprüfen, doch vielen mangelt es an Personal. Allein die AOK Niedersachsen hat seit 2004 rund 30 Millionen Euro von Ärzten und Kliniken zurückgefordert.„Die gesetzliche Ausgestaltung der Prüfung ist absurd“, klagt Florian Lanz, Sprecher des Spitzenverbandes der GKV. „So muss die prüfende Kasse im Fall eines falschen Verdachts einem Krankenhaus 300 Euro für den Verwaltungsaufwand zahlen. Hat das Krankenhaus aber falsch abgerechnet, passiert ihm – nichts. Es muss nur das zu viel geforderte Geld zurückzahlen.“ Der Spitzenverband fordert außer Strafen für Rechnungsjongleure auch die Erweiterung der Kassen-Befugnisse bei der Stichprobenprüfung. Passiert ist bisher – nichts.

      Die Elektronische Gesundheitskarte (eGK) ist ein Paradebeispiel für brettharten Lobbyismus. Seit mehr als zehn Jahren verhindern die unterschiedlichsten Interessenvertreter, dass die Karte kommt. Viele Ärzte fürchten die daraus resultierende Transparenz und Kontrolle ihrer medizinischen und kaufmännischen Fähigkeiten, der Staat eiert. Verpflichtend sollen auf der Karte jedes Versicherten dessen Verwaltungsdaten sowie Rezepte gespeichert werden; freiwillig unter anderem Notfalldaten, Arzneimitteldokumentation, Arztbriefe und eine elektronische Patientenakte.

      Keine Patientenrechnung

      Die Befürworter hoffen auf schnelleren Informationsfluss, die Vermeidung von Doppelbehandlungen, bessere Behandlungsqualität und laut Bundesgesundheitsministerium 3,5 Milliarden Euro Einsparvolumen. Demnach sollte sich nach Verrechnung aller anfallenden IT-Kosten die Karte für die Kassen nach vier Jahren rechnen, was viele optimistisch finden. Dennoch sollte sie einiges einsparen. So werden zum Beispiel 80 Prozent aller jährlich rund 600 Millionen Rezepte beim Arzt zwar elektronisch erzeugt, dann aber ausgedruckt, gestempelt, mehrfach ergänzt, zur Apotheke getragen, per Post transportiert und zum Schluss bei der zahlenden Kasse wieder eingescannt – im Jahr 2010.

      Immer wieder wird die Problematik des gläsernen Patienten ins Feld geführt und zu Recht am Konzept nachgebessert. Trotzdem forderte der Deutsche Ärztetag im Mai erneut das Aus für die Karte, sie verwandele Praxen in Außenstellen der Krankenkassen. Es geht auch anders: In Dänemark, nicht bekannt für unmündige Bürger, baut der Staat selbst eine zentrale Einrichtung auf, die diese Daten verwaltet. Optimisten hoffen auch in Deutschland noch auf das Start-Jahr 2015.

      Jedem privat Versicherten schickt der Arzt eine Rechnung, die er kontrollieren kann. GKV-Patienten bekommen sie nicht, obwohl sich viele Kassenmanager dafür aussprechen. Deren Hoffnung ist weniger, dass die Patienten über Ungereimtheiten stolpern, dafür ist die Materie oft zu kompliziert. Vielmehr bekäme der Patient eine Vorstellung über die Kosten, die er verursacht. Und der Arzt diszipliniere sich bei der Abrechnung sicherheitshalber schon selbst. Branchenkenner gehen davon aus, dass das trotz zusätzlicher Kosten viel sparen würde. Die Politik müsste es nur beschließen.

      Nettoverwaltungskosten

      Bis die Kassen wirklich wissen, welche Kosten welcher Versicherte verursacht hat – also auch wie belastbar ihre Budgetplanung ist – dauert es dank bürokratischer Wege je nach Kostenart bis zu zehn Monate, benennt Gregor-Konstantin Elbel, Arzt und Partner der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Deloitte, ein Kernproblem. „Die Daten kommen mal auf Papier, mal elektronisch. Dabei wären genau diese Daten die Grundlage für eine zeitnahe Leistungsausgabensteuerung.“

      Hier ließe sich bei den Kassen durch Investitionen in IT die Analysekompetenz verbessern. Elbel: „Doch Ausgaben, die sich erst nach Jahren rechnen, sind bei den veralteten Bilanzierungsvorschriften der Kassen fast unrentabel.“ Denn bei den Kassen ist es ähnlich wie bei der alten Kameralistik vieler Kommunen: Gemacht werden kann nur, was sich schnell amortisiert. Deshalb können sinnvolle Großinvestitionen die Kassen in die Zusatzbeiträge treiben, die sie vermeiden wollen.

      Millionen fließen jährlich in Präventionsleistungen, Gesundheitskurse oder Wahltarife beispielsweise mit Selbstbehalt. Stefan Edgeton, Gesundheitsexperte der Verbraucherzentralen, kritisiert: „In Anbetracht des oft umstrittenen Nutzens sind das letztlich Marketinginstrumente, damit die Kunden nicht in die private Krankenversicherung abwandern.“

      Mangelnde Großgeräteplanung

      Medizinische Großgeräte wie Protonenstrahler zur Krebstherapie kosten bis zu 180 Millionen Euro. Dass rund um diese Kliniken die Nachfrage boomt, ist oft eher der Refinanzierung geschuldet als der Medizin. Experten fordern, dass der gemeinsame Bundesausschuss von Politik, Kassen, Ärzten und Versicherten vom Gesetzgeber die 1997 abgeschaffte Kompetenz zurückbekommt, die Zahl und regionale Verteilung solcher Riesengeräte steuern zu können.

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        Jede Kasse ist verpflichtet, jeden Leistungserbringer im Land zu bezahlen. Das ist völlig unabhängig vom regionalen Versorgungsbedarf oder der Qualität der medizinischen Leistung. Björn Hansen, Chef der BKK Wirtschaft und Finanzen: „Wir müssen mit einzelnen nachweisbaren Spezialisten auf ihrem Gebiet selektive Verträge abschließen dürfen.“ Und andere aussortieren können. Für ihn ist das einer der wichtigsten Ansatzpunkte gegen Verschwendung im Kassensystem.

        Top-Leistung wird im deutschen Gesundheitssystem nicht belohnt, dauerhafte Fehlleistungen werden nicht sanktioniert. Alle bekommen staatlich gewollt dieselbe Entlohnung. Qualität und Effizienz hält Berater Elbel für die größten Probleme des deutschen Kassensystems: „Die Politik muss den Kassen erlauben, ihre Vergütung an die Qualität der Ärzte und Krankenhäuser koppeln zu können. Dafür kann man mit Parametern wie Zahl der behandelten Fälle und Erfolgsnachweis transparente Zielvorgaben definieren.“ Als Erstes profitierten davon dank einer höheren Spezialisierung der Kliniken und einer besseren Versorgung nicht die Kassen, sondern die Versicherten. Kassenchef Hansen fordert zudem: „Es müssen mehr Leitfäden zur medizinischen Behandlung her. Sie würden nicht die ärztliche Freiheit einschränken, sondern mehr Transparenz und gesicherte Versorgung für die Patienten sowie mehr juristische Sicherheit für die Ärzte bedeuten.“

        Kostenlose Familienversicherung

        Die GKV ist eine Solidargemeinschaft: Alle Vollmitglieder überweisen knapp hälftig mit ihrem Arbeitgeber 14,9 Prozent ihres Einkommens, dafür sind – anders als in der privaten Krankenversicherung – Kinder und Ehepartner ohne eigenes Einkommen beitragsfrei mitversichert. Diese gesetzliche Vorgabe, die zugleich die Wechsellust zu den privaten Kassen bremsen soll, kostet. Der Bund der Steuerzahler hat Musterrechnungen angestellt: Schon ein Mindestbeitrag pro Nase von nur einem Drittel des günstigsten Beitrags – nämlich 123 Euro monatlich – würde jährlich rund 13 Milliarden Euro in die GKV spülen. Damit wäre der gesamte Fehlbetrag für 2011 ausgeglichen.

        Protzige Versicherungspaläste sind selten geworden. Verborgene Rücklagen als geheimes Polster risikofreudiger Vorstände auch, denn die sind gesetzlich auf gerade mal ein Viertel der Monatsausgaben gedeckelt. Rund 170 Milliarden Euro geben die gesetzlichen Kassen in diesem Jahr aus. 2008 gingen 5,15 Prozent für die Verwaltung drauf, 2010 dürfte die Höhe ähnlich sein. Im internationalen Vergleich sieht Deutschland damit gut aus. Jeden Beitragszahler kostete seine ordnungsgemäße Verwaltung 2008 etwa 118 Euro. Bei den Konkurrenten der privaten Krankenversicherungen waren es 384 Euro. Auch die Verwaltung des Gesundheitsfonds ist überschaubar: 24 Mitarbeiter, 3,3 Millionen Euro Personal- und Sachkosten.

        Edel, aber teuer

        Es wurde auch schon gespart: 2005 lagen die Verwaltungsausgaben in der GKV noch bei 159 Euro pro Mitglied. Im Jahr zuvor hatte das Bundesversicherungsamt 104 von damals noch 300 Kassen ermahnt, ihre Verwaltungskosten schleunigst zu senken. Doch selbst wenn man per ordre de Berlin allen Kassen eine weitere zehnprozentige Sparauflage fürs kommende Jahr machte, senkte das die Ausgaben von 170 auf 169,15 Milliarden Euro – mehr nicht. Zu tun gäbe es für den Gesetzgeber trotzdem einiges.

        Um endlich einen einzigen Ansprechpartner für damals fast 200 Kassen zu haben, rief 2007 die damalige Bundesregierung den Spitzenverband der GKV ins Leben. Das ist eine sinnvolle Maßnahme, der Verband kostet jeden Versicherten auch nur knapp einen Euro pro Jahr. Doch unverdrossen existieren weiter die sieben Altverbände der AOK, Betriebs-, Innungs-, Ersatz-, Angestellten- und Landwirtschaftlichen Kasse plus der Bundesknappschaft – versehen mit einer Bestandsgarantie bis Ende 2012. 2008 wurden ihre gesamten Kosten auf knapp eine halbe Milliarde Euro geschätzt.

        Die offizielle Erklärung lautet, nur so könnten Dachmarken-Kampagnen organisiert und Mengenrabatte herausgehandelt werden. Die Frage ist, warum der Spitzenverband Letzteres nicht auch können sollte, wenn man ihn denn ließe?

        Teure Fusionen

        Zusammenschlüsse von Kassen sind politisch erwünscht, sie sollen Geld sparen. Wie man am Sozialversicherungsfachangestellten Kothe sehen kann, ist das blanke Theorie. Nicht alle Politiker glauben, dass die Deutschen mit nur wenigen großen Kassen statt jetzt rund 160 Anbietern gut bedient wären. Der Arzt und CDU-Gesundheitsexperte Koschorrek: „Sonst werden manche ,too big to fail‘. Wenn eine Kasse mehr als zehn Millionen Mitglieder hat, führt sie die Politik am Nasenring.“ Außerdem brauche man die kleineren Kassen, um neue Modelle testen zu können: „Ein Feldversuch mit 72 Millionen Versicherten geht nicht.“

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          Allerdings dürfen sich die frisch fusionierten Vorstände sicher sein, dass sich der Bundesrechnungshof ihre Bilanzen anschaut. Erst seit drei Jahren, seit der Staat einen Bundeszuschuss aus Steuergeldern an die Kassen überweist, durchleuchten die obersten Kassenprüfer der Nation auch die Krankenkassen auf die Verschwendung von Steuergeldern. Zuvor konnten die Kassen dank gesetzlich vorgesehener Selbstverwaltung vergleichsweise unbehelligt agieren.

          Uwe Rosauer leitet das Prüfgebiet Gesetzliche Krankenversicherung und schwärmt mit seinen nur 28 Prüfern landesweit aus: „Es gibt noch viel zu tun. So muss die Vergabe von Leistungen für die Verwaltung ausgeschrieben werden, es macht nur keiner. Zudem herrschen aus alten Zeiten oft schwerfällige Strukturen vor allem bei den ganz großen Kassen.“ Anders als im Ausland hat der Rechnungshof keine Sanktionsmöglichkeiten. Er kann aber dem Parlament berichten und damit an die Öffentlichkeit gehen, allerdings ohne Namen zu nennen.

          Chefgehälter

          Beim Thema Ausschreibungen geht SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach noch weiter: So sollten die Versicherungen auch medizinische Leistungen selbst ausschreiben und dadurch die Preise drücken. „Warum sollten Kassen das Herzkatheter-Material nicht selbst kaufen und den Ärzten zur Verfügung stellen“, fragt Lauterbach. Das fordert auch mancher in der CDU, aber leider, leider: Die FDP stehe da auf der Bremse.

          Der Rechnungshof hat auch die Vorstandsgehälter im Auge. So entdeckte er 2009, dass bei der Fusion von vier kleinen Betriebskrankenkassen den drei ausscheidenden Vorstandschefs goldene Handschläge in Höhe von insgesamt 1,6 Millionen Euro mit gegeben werden sollten. Die drei Kassen hatten zusammen gerade mal 15.000 Mitglieder. Der Rechnungshof fordert deshalb vom Gesetzgeber, dass Vorstandsverträge vor Abschluss den Aufsichtsbehörden vorgelegt werden. Er hofft auf den 30. April 2011: Bis dahin muss das Bundesgesundheitsministerium konkrete Vorschläge zur Festsetzung der Gehälter machen. Die Steuerwächter haben ein Vetorecht – immerhin.

          Ulla Schmidt und Philipp Rösler

          Allerdings ist, abgesehen von solchen zweifelhaften Abfindungen, trotz gelegentlicher öffentlicher Aufregung nicht allzu viel zu holen bei der Entlohnungder rund 160 Kassenchefs. Die wird seit 2005 jährlich im Bundesanzeiger veröffentlicht.

          Norbert Klusen, Chef der Techniker Krankenkasse, wollte dagegen klagen, schließlich müssten auch die Gehälter etwa von Sparkassenchefs nicht veröffentlich werden. Er zog zurück, und so kann nun jedermann lesen, dass Klusen 2008 der bestbezahlte Chef einer deutschen Kasse war: Seine Versichertengemeinschaft überwies ihm eine Grundvergütung von 245.781 Euro und eine variable Vergütung von 50.000 Euro je nach Erreichen der Klassenziele.

          Auf dem Siegertreppchen folgten die Chefs der DAK (231.354 Euro) und der Barmer (198.440 Euro) – alles Kassen mit mehreren Millionen Versicherten und bei der Techniker einem Haushalt von 16,7 Milliarden Euro, bei der Barmer waren es 17,3 Milliarden. 2009 sind die Gehälter dem Vernehmen nach nicht gesunken.. Sie sind frei verhandelbar.

          Bilanzkosmetik

          Doch selbst Kassenaufseherin Bohlen-Schöning hält die Top-Verdiener der Kassen nicht für überbezahlt: „Einzelne Verträge finde ich schon üppig. Die Politik wollte aber ausdrücklich unternehmerische Verantwortung der Kassen statt eine Beamtenregelung. Zudem ist zu berücksichtigen, dass man ohne ein angemessenes Gehalt keinen Kassenchef bekommt, der die Verantwortung für Tausende von Mitarbeitern, Millionen von Versicherten und Milliarden von Beitragsmitteln übernimmt.“ Die Gehälter der vielen kleineren BKKs und IKKs liegen übrigens weit unter denen der Spitzenverdiener, viele erreichen die 100.000-Euro-Marke nicht.

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            Die staatlichen Kontrolleure dürften auch bei ihren Bilanzprüfungen in den Kassen mit den Zähnen knirschen. „Den Freiheitsgrad bei der Bilanzierung einer Krankenkasse habe ich mir nicht vorstellen können, als ich aus der freien Wirtschaft in eine Krankenkasse gewechselt bin“, sagt Hans Unterhuber, Chef der Siemens Betriebskrankenkasse. „Da wird das Vorsichtsprinzip durch das Hoffnungsprinzip ersetzt, die Intransparenz ist unglaublich.“ Die Wahlrechte wären bei einem GmbH-Geschäftsführer nahe an der Bilanzfälschung. Aber stets gilt die Erklärung: Kassen sind keine Unternehmen, sondern haben einen Versorgungsauftrag.

            Das Ergebnis, so Unterhuber: Mit legalen Tricksereien werde die Liquidität so erhöht, um auf Biegen und Brechen wettbewerbsschädliche Zusatzbeiträge zu vermeiden.

            Grotesker Zustand

            Bei dieser Fülle von Strukturproblemen stellt sich selbst dem Bundeswirtschaftsministerium die Frage: Ist die Konkurrenz von den privaten Krankenversicherungen von den Grundbedingungen her besser dran? Nein, urteilen die Autoren einer vom Ministerium in Auftrag gegebenen aktuellen Studie des IGES-Instituts zur Gesundheitsforschung. Die PKV sei nicht besser gegen Kostensteigerungen und Verschwendung gewappnet, es fehle auch ihr mangels gesetzlicher Voraussetzungen an Steuerungsmöglichkeiten und Wettbewerb.

            In Anbetracht des erwarteten elf Milliarden Euro großen Lochs im Gesundheitsfonds 2011 und düsterer Zukunftsaussichten stellt sich die Frage, wie es so weit kommen konnte. Die Strukturprobleme der gesetzlichen Kassen führt SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach auf das zweigleisige System mit gesetzlicher und privater Versicherung zurück: Weil jede Änderung bei der einen Rückwirkungen auf die andere Gruppe habe, hätten sich die jeweiligen politischen Unterstützer gegenseitig blockiert. Lauterbach: „Eine GKV-Reform durfte nie zu gut sein, weil das der PKV geschadet hätte. Dieser groteske Zustand hat zu Stillstand geführt.“

            Egal, was in Berlin dieser Tage beschlossen wird: Die Verschwendung beginnt schon im ganz Kleinen. So werfen die Deutschen jedes Jahr von ihren Kassen bezahlte Medikamente im Wert von geschätzten 3,4 Milliarden Euro auf den Müll.

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