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Krisenkunst Künstler haben Lust auf Krise

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Gerit Koglin:

Vorbei sind die Zeiten, in denen Kunst zum inhaltslosen Spektakel degenerierte, zum Statussymbol einer Gesellschaft, die sich auf Poolpartys zu Tode amüsierte. Wie ruhig wurde es doch um Künstler wie Jeff Koons oder Damien Hirst, die sich mit ihren hochglänzenden, riesenhaften Skulpturen und in Formaldehyd konservierten Tieren auf ästhetische Klischees beschränkten und in hohlen, pseudorebellischen Gesten erschöpften. Und sich in so manchem Blog schon als "hässliche Brut Warhols" beschimpfen lassen müssen. Seit Hirst, ironischerweise am Tag der Lehman-Pleite, bei der Versteigerung seiner Werke noch einmal großen Reibach gemacht hatte, sucht man seine Arbeiten auf den Auktionen meist vergeblich. Hirsts einzige öffentliche Reaktion auf die Krise der vergangenen zwölf Monate: Kündigungen für einen Teil der Mitarbeiter seiner Firma Science Ltd.

"Schluss mit lustig" ist die Devise der Stunde. "Wir kehren wieder zu einer neuen Ernsthaftigkeit zurück", sagt Daniel Birnbaum, Leiter der Frankfurter Städelschule und Kurator der diesjährigen Kunstbiennale von Venedig. "Künstler können die Krise wohl nicht lösen, aber den Blick schärfen."

Kunst soll helfen, die Krise zu verstehen

Manchmal auch den eigenen: Als Gerit Koglin im vergangenen Herbst ein historisches Foto des 1946 von US-Architekt Richard Neutra entworfenen, berühmten Kaufmann House bei Los Angeles, aufgenommen 1947 von der Fotografenlegende Julius Shulman, zur Vorlage für ein Ölgemälde nahm, war er sich lange nicht über den Titel klar. Bis er etwa zwei Monate später hörte, dass die Architektur-Ikone im Zuge der Immobilienkrise zum Verkauf stand. "Ich wollte unbedingt einen Bezug herstellen", sagt Koglin. Und nannte das Bild "for sale". "Schließlich ist Kunst für mich Auseinandersetzung mit der Realität, die mich umgibt."

So sieht das auch Dan Perjovschi. "Wenn ich etwas zeichne, verstehe ich es", sagt der Rumäne über seine Kunst. Das Markenzeichen des 48-Jährigen, der seine Arbeiten schon im Museum of Modern Art in New York zeigte, sind schnell mit Kreide oder Filzstift auf Tafeln, Galerie- oder Museumswände hingeworfene Strichzeichnungen. Damit möchte er aktuelle politische und wirtschaftliche Zusammenhänge ironisch-humorvoll auf den Punkt bringen. Ob Globalisierung, Kapitalismus, Finanzkrise und die daraus resultierende Orientierungslosigkeit von Politikern, Wirtschaftsbossen oder Verbrauchern: Bei Perjovschi wird Kunst zu visuellem Jazz, den jeder versteht. Dazu zählen etwa Einkaufswagen oder eine Piratenflagge mit dem Signet einer angeschlagenen Schweizer Großbank als verständliches Symbol der Wirtschaftskrise.

Dan Perjovschi:

Fündig wird Perjovschi auf der Suche nach neuen Motiven meist auf den Straßen seiner Heimatstadt Bukarest oder anderer Städte weltweit – "Zufallsrecherchen" oder "Jagdausflüge mit dem Linienbus" nennt er das. Einmal fiel ihm ein Strichmännchen auf, das durch das O im Wort Job rutscht – prompt hatte er ein Motiv für eine neue Zeichnung gefunden.

Auch Molodkin, der neben seinen Kugelschreiber-Zeichnungen mit Erdöl gefüllte Wort-Skulpturen ("Das Kapital", "Hope", "¥€$") schafft, inspirierte vor Kurzem ein Spaziergang: In Köln sind ihm viele verschandelte Wahlplakate aufgefallen. "Sie sahen aus, als seien sie beschossen und mit Öl besudelt worden", sagt der Russe, der seit einiger Zeit in Paris lebt – und musste sofort an seine alte Heimat denken. "Dort wird mit Gewalt und Öl kommuniziert", sagt Molodkin. "Vielleicht sollte ich Putin auch mal so malen."

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