WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Krisenmanagement Wie Manager gegen die Krise kämpfen

Seite 3/9

Branche: Schifffahrt

Der Reeder Peter Krämer Quelle: Gerrit Meier für WirtschaftsWoche

Problem: Sinkende Charterraten

Lösungsansatz: Breite Risikostreuung

Im Nachhinein wirkt sein Auftritt geradezu prophetisch. Mehr als 200 Unternehmer, Politiker und Prominente strömten ins Hamburger Traditionshotel „Atlantic“, die frühere Talkshow-Moderatorin Sabine Christiansen reiste sogar aus Paris an, um Peter Krämer zu feiern. Der Hamburger Reeder hatte zum 50. Jubiläum seines Unternehmens Marine Service eingeladen, der Keimzelle seiner Firmengruppe Dr. Karl-Heinz Krämer. Als die letzte Festrede verklungen war und Krämer sich selbst „Gesundheit und Zeit mit der Familie“ gewünscht hatte, begann er plötzlich zu singen: „We shall overcome“ – wir werden es überstehen.

Das war am 9. September 2008. „Von einer Wirtschaftskrise war noch nichts zu spüren“, erinnert sich Krämer. „Um den 20. September herum diskutierten hochrangige Fachleute auf einer Konferenz in Singapur noch, ob eine Krise 2015 oder bereits 2010 ausbrechen könnte. Zehn Tage später war sie da.“

Die Charterraten stürzten ab – die Einnahmen, die Reeder wie Krämer durch die Vermietung ihrer Schiffe erzielen. Besonders schlimm traf es die Eigner von Containerschiffen und die Reeder, deren Frachter sogenannte trockene Rohstoffe wie Kohle, Eisen oder Erz transportieren. Vor vier oder fünf Monaten brachte solch ein Frachter 70.000 Dollar am Tag, jetzt nimmt er allenfalls noch 4500 Dollar ein. Dabei verschlingt allein der Unterhalt des Frachters täglich 5.000 bis 6.000 Dollar. „Die Reeder verdienen also nicht einmal mehr die Schiffsbetriebskosten, geschweige denn die Kapitalkosten“, rechnet Krämer vor.

Noch profitiert der Hamburger davon, dass er keine Containerriesen betreibt und nur wenig Kohle, Eisen oder Erz befördert, sondern vor allem sogenannte flüssige Ladung an Bord nimmt wie Ölprodukte, Gas oder Chemikalien. „Dort“, so Krämer, „ist die Krise glücklicherweise noch nicht angekommen.“ Zudem konnte er im Sommer „recht rentabel“ ein Schiff veräußern und so die Liquidität seiner Firmengruppe erhöhen. Denn das lehrte ihn schon die Krise in den Achtzigerjahren: „Habe immer genügend verfügbare Liquidität und eine Eigenkapitalquote, die groß genug ist, um im Rahmen des Möglichen einigermaßen krisenfest zu sein.“

Auf Reserven zurückgreifen

Die Schifffahrt steckte in ihrer schwersten Krise, als Krämer 1982 in das Unternehmen seines Vaters einstieg. „Aber es war eine reine Schifffahrtskrise“, sagt Krämer, „heute haben wir dagegen eine globale, alles erschütternde Finanzkrise, eine Weltwirtschaftskrise und eine tiefgreifende China-Krise.“ Da helfen die alten Rezepte nicht mehr.

Schiffe verkaufen? Mitarbeiter entlassen? Bisher hat sich Krämer dagegen entschieden. „Die Wertverluste bei den Schiffen sind deutlich höher als die Personalkosten meiner knapp 100 Mitarbeiter, die bei mir an Land arbeiten“, erklärt der Reeder. 2005 hat er von einer belgischen Reederei ein Schiff für 40 Millionen Dollar gekauft, im vergangenen Sommer hätte er es für 86 Millionen verkaufen können. „Jetzt mag es vielleicht noch 27 Millionen wert sein, im nächsten Mai möglicherweise nur noch 20 Millionen.“ Schon im November stellte die HSH Nordbank, einer der weltweit größten Schiffsfinanziers, fest: „Der Markt für gebrauchte Schiffe ist zusammengebrochen und eine normale Preisbildung nicht möglich.“

33 Schiffe managt Krämer, 13 davon stehen in hundertprozentigem Eigentum seiner Firmengruppe. Die anderen 20 gehören Fonds, an denen die Gruppe zwischen 2 und 15 Prozent der Anteile hält. Schon haben mehrere Reeder jene Schiffe aus dem Verkehr gezogen, die auf Kohle, Eisen oder Erz spezialisiert sind – Ladungen, die derzeit schlecht bezahlt werden. Doch eine Lösung ist das nicht. Denn Unterhaltskosten fallen trotzdem an. Auch Krämer kennt kein Patentrezept. „Ich habe länger überlegt“, sagt er, „ob ich dies meinen Mitarbeitern so klar sagen soll. Meine Kollegen haben jedoch das verdient, was wir alle – nicht nur von der Politik – erwarten können: Ehrlichkeit.“

Dazu gehört auch die Erkenntnis, dass die Reeder in den vergangenen viereinhalb Jahren „sehr gute Gewinne erzielt haben, auch meine Firma“, räumt Krämer ein. „Ich gehe davon aus, dass die namhaften Reeder, zu denen wir auch gehören, noch eine Weile durchhalten können.“ We shall overcome.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%