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Krisenmanagement Wie Manager gegen die Krise kämpfen

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Branche: Chemie

Problem: Abhängigkeit von den Autokonzernen

Lösungsansatz: Entwicklung neuer Produkte

In diesem Jahr wird gefeiert. 2009 jährt sich zum hundertsten Mal, dass der Chemiker Fritz Hofmann das Patent auf künstlich hergestellten Kautschuk erhielt. Ein gerahmtes Foto von Hofmann hängt heute im Büro von Günther Weymans, der beim Chemiekonzern Lanxess den Geschäftsbereich Technische Kautschuke verantwortet. Hofmanns Patent prägt Lanxess bis heute. Weymans plant bereits eine Festveranstaltung, die allerdings unter keinem guten Stern steht.

Ausgerechnet im Jubiläumsjahr leidet Lanxess, eine Ausgründung des Bayer-Konzerns, unter einem Nachfrageeinbruch bei Kautschuk. Besonders die von der Krise gebeutelte Pkw-Branche, mit der Weymans’ Geschäftsbereich 40 Prozent des Umsatzes macht, reduziert ihre Bestellungen. Der 51-jährige promovierte Physiker ist einer der Feuerwehrmänner bei Lanxess. Er muss die Zahl der Brandherde reduzieren, zunächst aber unmittelbaren Schaden abwenden. Dazu zählt vor allem, die Kautschuk-Produktion zu drosseln. Drei von sechs Anlagen aus seinem Verantwortungsbereich hat er in den vergangenen Wochen herunterfahren lassen – in Marl, im rheinischen Dormagen und im texanischen Orange. Noch im September hatte er Rohstoffe für diese Anlagen eingekauft – jetzt muss er Tonnen von Ethylen, Propylen oder Säureprodukten zwischenlagern lassen.

Zwei Tage braucht es, um die Produktion zu drosseln. Zu Weihnachten werden die Anlagen ohnehin routinemäßig heruntergefahren. Weymans verlängert nun die Schonzeit für die Anlagen um einige Wochen und lässt vermehrt Wartungsarbeiten durchführen. Etwa 400 Mitarbeiter müssen Überstunden abbauen, kürzere Schichten fahren, ihr Arbeitszeitkonto überziehen oder ihren Weihnachtsurlaub verlängern.

Mit High-Tech-Kautschuk in die Zukunft

Weymans weiß, dass er mehr tun muss, als Anlagen herunterfahren zu lassen. „Unser Geschäftsbereich wird gestärkt aus der Krise hervorgehen“, sagt er; Lanxess habe schon vor der Krise restrukturiert. Trotzdem will er nun die Forschung ausbauen, um unabhängiger von der Autoindustrie zu werden. Rund 100 seiner weltweit etwa 1.200 Mitarbeiter entwickeln neue Kautschuk-Produkte. Sie werden bald über ein Dutzend neue Kollegen bekommen – vorzugsweise in China, wo Lanxess ein großes Kautschuk-Forschungszentrum betreibt.

Weymans’ Ziel sind Sorten, die noch temperaturbeständiger, abriebfester oder flammresistenter sind. Er lässt Anwendungen für die Solarindustrie, für Windkraft- und Müllverbrennungsanlagen produzieren. „Spezialitäten“, sagt Weymans. Im Vergleich zu den Standardprodukten ist der Spezialitäten-Anteil in Weymans’ Beritt in den vergangenen Jahren auf 60 Prozent gestiegen – und soll noch weiter wachsen.

Wo es in Zukunft hingeht, lässt sich etwa auf dem Dach der Lanxess-Zentrale in Leverkusen besichtigen. Dort ist eine Solaranlage installiert, deren besonders witterungsbeständige Folie aus einem High-Tech-Kautschuk besteht, der Licht noch besser in Strom umsetzt. In seinem Büro präsentiert Weymans eine Handtasche des Edelherstellers Bree aus geschmeidigem Gummi. Schließlich holt er auch noch ein Paar Laufschuhe hervor, deren Kautschuksohle eine bessere Dämpfung verspricht.

Weymans könnte noch stundenlang über neue Kautschuk-Anwendungen reden. Er wirkt stolz. Durch die Krise will er sich die Preise nicht kaputt machen lassen: „Wir werden unsere Produkte nicht unter Wert verkaufen, wir werden keine Preiszugeständnisse machen.“ Eher nimmt er in Kauf, weniger zu produzieren. Er will hart bleiben. Auch wenn die Autoindustrie noch so sehr um Preiszugeständnisse bettelt.

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