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Kunstmarkt Der Nachwuchs holt auf

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Steinzeitlicher Trickfilmer - William Kentridge

William Kentridge Quelle: dpa

Der Ablauf ist immer der gleiche: Er zeichnet auf Papier, am liebsten mit Kohle. Geht dann zur Kamera und macht ein, zwei Fotos davon. Zurück am Zeichentisch, radiert und ändert William Kentridge seine Zeichnung so weit wie nötig und kehrt wieder zur Kamera zurück, hält auch das neue Motiv auf Film fest – und montiert die Einzelmotive schließlich zu einem Stop-Motion-Film: Rund 20 Blätter benötigt der Südafrikaner für einen kurzen, 60 für einen längeren Streifen. „Steinzeitlich“ nennt der 55-Jährige seine Arbeitsweise – eine treffende Beschreibung: Zu sehen sind ruckelige Bildfolgen von bizarrer Schönheit, die an die Stummfilmzeit erinnern. Kentridge versteht seine Videos als Symbol der Dialektik von Erinnern und Vergessen: „Was geschehen ist, lässt sich verdrängen, aber nicht zurücknehmen“, sagt Kentridge, der sich, ob er nun zeichnet, filmt oder Regie in Opern oder Theatern führt, als politischer Künstler versteht. Ein sensibler Spurensucher, der sich weltweit einen Namen gemacht hat: Gerade wurde ihm der mit umgerechnet 435 000 Euro dotierte Kyoto-Preis verliehen, derzeit bietet das Wiener Museum Albertina dem mehrmaligen Documenta- und Biennale-Teilnehmer eine große Bühne – gleichzeitig zu Ausstellungen mit Werken Michelangelos und Pablo Picassos. Dass Kentridge dem Olymp der Kunstgeschichte immer näher kommt, zeigt der Art  Report: Abgesehen von Pablo Picasso kann im Vergleich zu 2009 keiner sein Punktekonto stärker steigern als der Südafrikaner. Das sichert ihm Platz 16 in der Allzeit-Bestenliste der zeitgenössischen Künstler – und Platz 10 unter den noch lebenden. Auch wenn eine seiner Filmzeichnungen Anfang 2010 für 120.000 Euro versteigert wurde, zeigt der Art Report auch: Gemessen an seinen Ausstellungserfolgen,zählt Kentridge zu den günstigsten Künstlern unserer Zeit.

Gnadenloser Geograf - Cyprien Gaillard

Als Jugendlicher war er begeisterter Skateboarder, kurvte durch die Betonhöllen der Pariser Vorstädte. Auf dem Skateboard steht der 30-jährige Franzose heute nur noch selten – für Architektur interessiert er sich noch immer: Überlagerungen, Umwandlungen und der Umgang mit Gebäuden und ihrer Historie stehen im Mittelpunkt von Gaillards vielfältigem Werk, das auch von seinen zahlreichen Reisen beeinflusst ist: etwa die Collagen aus Postkarten mit  Motiven französischer Schlösser, die er mit dem historisierenden Logo einer kambodschanischen Biermarke beklebt. Oder sein Video „Cities of Gold and Mirrors“, das in verwackelten 16-Millimeter- Aufnahmen Saufgelage jugendlicher Urlauber in der mexikanischen Touristenmetropole Cancún festhielt. Gaillard, dieser gnadenlose Geograf der Gegenwart, steht bei Museen und Galerien hoch im Kurs: Im Art Report 2010 hat er so viele Punkte gesammelt wie sonst kein Künstler unter 35. Das schlägt sich auch in den Preisen nieder: Ab 3000 Euro gibt es kleine Collagen, Filmarbeiten kosten bis zu 30 000 Euro. 2011 wird der Aufstieg des Franzosen weitergehen: Im September zeigt er als Gewinner des Prix Marcel Duchamp 2010 Arbeiten im Pariser Centre Pompidou, im November im Berliner Museum Hamburger Bahnhof – das garantiert viele neue Punkte im Art Report 2011.

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