WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Kunstmarkt Der Nachwuchs holt auf

Der Art Report von WirtschaftsWoche und Art Logistics belegt: Künstler aus der zweiten Reihe drängen in die erste.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Skulptur des Künstlers Quelle: REUTERS

Sie spielt bewusst mit dem schmalen Grat zwischen Kunst und Kommerz, stellt Gegenstände des Alltags ins Zentrum ihrer Arbeit: Mal sind es Euro-Paletten, die Alicja Kwade zu Skulpturen umarbeitet, mal Uhren. Oder 1800 Kohlebriketts, deren Bronze-Abguss sie in penibler Handarbeit mit 24-karätigem Blattgold überzogen hat. Die wuchtige Skulptur war eine der Hauptattraktionen der diesjährigen Kunstmesse Art Basel Miami Beach. Und schon wenige Stunden nach der Eröffnung verkauft – für 40 000 Euro. Gold, weiß Kwade, geht wieder.

Dass die 31-jährige Polin gerade auf einer Welle des Erfolgs schwebt, zeigt auch der Blick auf den aktuellen Art Report von WirtschaftsWoche und Art Logistics, der die weltweit wichtigsten zeitgenössischen Künstler ermittelt. Fast 500 Ränge schoss die Künstlerin im Vergleich zum Vorjahr nach oben. Kwade gehört damit zu den derzeit gefragtesten Nachwuchskräften des Kunstbetriebs und landete erstmals unter den Top 100 – ein größerer Sprung nach vorn gelang 2010 keinem Künstler.

Kwades Aufstieg zeigt auch: Kunstfans sind wieder mutiger geworden. Nach dem vorläufigen Ende der Rezession ist Kunst schon fast wieder so gefragt wie vor der Finanzkrise. Das Geschäft mit Gemälden und Fotos, Skulpturen, Installationen und Videos ist in vollem Gange. Rund 40.000 Käufer und Verkäufer zeitgenössischer Kunst tummelten sich allein auf der Messe in Miami Beach, auf der Jagd nach dem nächsten schmucken Prestige-Objekt. Noch stehen zwar die Blue Chips der zeitgenössischen Kunst ganz oben auf der Liste der Begehrlichkeiten. Im Frühjahr hatte etwa ein spätes Selbstporträt Andy Warhols in Lila bei einer Versteigerung des Auktionshauses Sotheby’s sensationelle 32,5 Millionen Dollar erlöst – mehr als das Doppelte des erwarteten Ergebnisses.

Andy Warhol noch an der Spitze

Und auch im Art Report hat Warhol 2010 einen doppelten Spitzenplatz inne: Die Ikone der Pop-Art führt nicht nur die Allzeit-Bestenliste zeitgenössischer Kunst an, er hat auch 2010 sein Punktekonto gemehrt wie sonst kein anderer Künstler – gefolgt von Heroen wie dem US-Installationskünstler Bruce Nauman, dem Allround-Genie Pablo Picasso oder dem deutschen Kunstschamanen Joseph Beuys. Sie zementierten ihre durch die Wertschätzung von Museen, Galeristen und Sammlern über Jahre aufgebaute, dominante Position im Olymp der Kunstwelt.Doch der Blick auf den aktuellen Art Report zeigt auch: Jenseits der Platzhirsche des Kunstgeschehens bewegt sich viel: Neben Nachwuchskünstlern wie der Wahl-Berlinerin Kwade gilt das für Künstler zwischen Mitte 40 und Mitte 50, die in der Blüte ihrer Entwicklung stehen und deren kunsthistorische Bedeutung nach einer Phase früher Anerkennung nun kontinuierlich steigt. „Diese sogenannten Mid-Career-Artists“, sagt Manfred Schumacher, Geschäftsführer von Art Logistics, „haben derzeit gute Karten.“

Kluger Clown - Maurizio Cattelan

Mal steckt er ein Pferd in die Wand eines Museums, mal nagelt er eine spärlich bekleidete Frauenfigur an die Außenwand einer Kirche, mal lässt er eine knabenhafte Hitlerfigur auf Knien um Vergebung bitten, mal den Papst zu Boden taumeln: Bei der Wahl seiner Themen ist Maurizio Cattelan nie zimperlich. Erst im Sommer wurde seine riesige Stinkefinger-Skulptur vor der altehrwürdigen Mailänder Börse installiert: schönen Gruß an die Zocker. Der 50-jährige Italiener, der in New York lebt, gilt als permanenter Provokateur – und kluger Clown der Kunst. Mit Augenzwinkern jongliert Cattelan mit religiöser Identität, Posen der Macht, der Exaltiertheit des Grauens. Und schuf so ein aufsehenerregendes Werk zwischen absurder Komik und existenzieller Tragik. Und geschickter Verknappung: Neue Arbeiten sind rar, kosten oft Millionen Euro und sind hoch begehrt bei potenten Sammlern wie François Pinault, erstklassigen Galeristen wie Marian Goodman in New York und den wichtigsten Museen weltweit: 2010 stellte Cattelan etwa in Paris, New York, Houston und Hamburg aus – und gehörte zu den fleißigsten Punktesammlern unter allen lebenden Künstlern. Das könnte so weitergehen: Das New Yorker Guggenheim- Museum, so unken die Kunstauguren, soll bereits eine Cattelan-Retrospektive planen.

Sentimentaler Spaziergänger - Francis Alys

Eigentlich war der Architekt und Ingenieur 1986 nach Mexiko City gereist, um ein paar Monate beim Wiederaufbau der von Erdbeben stark zerstörten mexikanischen Hauptstadt zu helfen – und so dem belgischen Militärdienst zu entgehen. Doch Alys blieb fasziniert von seiner Wahlheimat: „Sie ist gefährlich, chaotisch, macht süchtig – alle Grenzen werden hier offenbar“, sagt Alys. Und lässt keine Gelegenheit aus, diese zu überschreiten: Wie ein wandelndes Echolot testet der 51-Jährige auf seinen Video-Streifzügen die Untiefen seiner Umgebung: Lässt sich mit gezückter Pistole von der Polizei festnehmen, läuft mit einem magnetischen Spielzeughund durch die Straßen, schiebt einen Eisblock durch die Mittagshitze. Oder schickt Museumsbesucher über ein Feld aus bunten Gummimatten, die zum Schweigen auffordern. Subtiler Humor, der Kuratoren gefällt: 2010 waren seine Arbeiten in Madrid, Frankfurt, Wien und London zu sehen. Und ab Mai 2011 in der MoMa- Dependance P.S.1 in New York. Dieser Ruhm hat seinen Preis: Frühe Alys-Collagen kosten heute 24 000 Euro.

Steinzeitlicher Trickfilmer - William Kentridge

William Kentridge Quelle: dpa

Der Ablauf ist immer der gleiche: Er zeichnet auf Papier, am liebsten mit Kohle. Geht dann zur Kamera und macht ein, zwei Fotos davon. Zurück am Zeichentisch, radiert und ändert William Kentridge seine Zeichnung so weit wie nötig und kehrt wieder zur Kamera zurück, hält auch das neue Motiv auf Film fest – und montiert die Einzelmotive schließlich zu einem Stop-Motion-Film: Rund 20 Blätter benötigt der Südafrikaner für einen kurzen, 60 für einen längeren Streifen. „Steinzeitlich“ nennt der 55-Jährige seine Arbeitsweise – eine treffende Beschreibung: Zu sehen sind ruckelige Bildfolgen von bizarrer Schönheit, die an die Stummfilmzeit erinnern. Kentridge versteht seine Videos als Symbol der Dialektik von Erinnern und Vergessen: „Was geschehen ist, lässt sich verdrängen, aber nicht zurücknehmen“, sagt Kentridge, der sich, ob er nun zeichnet, filmt oder Regie in Opern oder Theatern führt, als politischer Künstler versteht. Ein sensibler Spurensucher, der sich weltweit einen Namen gemacht hat: Gerade wurde ihm der mit umgerechnet 435 000 Euro dotierte Kyoto-Preis verliehen, derzeit bietet das Wiener Museum Albertina dem mehrmaligen Documenta- und Biennale-Teilnehmer eine große Bühne – gleichzeitig zu Ausstellungen mit Werken Michelangelos und Pablo Picassos. Dass Kentridge dem Olymp der Kunstgeschichte immer näher kommt, zeigt der Art  Report: Abgesehen von Pablo Picasso kann im Vergleich zu 2009 keiner sein Punktekonto stärker steigern als der Südafrikaner. Das sichert ihm Platz 16 in der Allzeit-Bestenliste der zeitgenössischen Künstler – und Platz 10 unter den noch lebenden. Auch wenn eine seiner Filmzeichnungen Anfang 2010 für 120.000 Euro versteigert wurde, zeigt der Art Report auch: Gemessen an seinen Ausstellungserfolgen,zählt Kentridge zu den günstigsten Künstlern unserer Zeit.

Gnadenloser Geograf - Cyprien Gaillard

Als Jugendlicher war er begeisterter Skateboarder, kurvte durch die Betonhöllen der Pariser Vorstädte. Auf dem Skateboard steht der 30-jährige Franzose heute nur noch selten – für Architektur interessiert er sich noch immer: Überlagerungen, Umwandlungen und der Umgang mit Gebäuden und ihrer Historie stehen im Mittelpunkt von Gaillards vielfältigem Werk, das auch von seinen zahlreichen Reisen beeinflusst ist: etwa die Collagen aus Postkarten mit  Motiven französischer Schlösser, die er mit dem historisierenden Logo einer kambodschanischen Biermarke beklebt. Oder sein Video „Cities of Gold and Mirrors“, das in verwackelten 16-Millimeter- Aufnahmen Saufgelage jugendlicher Urlauber in der mexikanischen Touristenmetropole Cancún festhielt. Gaillard, dieser gnadenlose Geograf der Gegenwart, steht bei Museen und Galerien hoch im Kurs: Im Art Report 2010 hat er so viele Punkte gesammelt wie sonst kein Künstler unter 35. Das schlägt sich auch in den Preisen nieder: Ab 3000 Euro gibt es kleine Collagen, Filmarbeiten kosten bis zu 30 000 Euro. 2011 wird der Aufstieg des Franzosen weitergehen: Im September zeigt er als Gewinner des Prix Marcel Duchamp 2010 Arbeiten im Pariser Centre Pompidou, im November im Berliner Museum Hamburger Bahnhof – das garantiert viele neue Punkte im Art Report 2011.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%