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Kunstmarkt Die bunte Welt des Jeff Koons

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Jeff Koons Quelle: AP

„Koons ist klug“, sagt Alain Seban, Präsident des Pariser Museums Centre Pompidou. „Mit seinem Verständnis von Öffentlichkeit und Kommunikation steht er Warhol in nichts nach.“

Ein Talent, das sich schon früh abzeichnet: Nach Ende des Kunststudiums in Chicago jobbt Koons 1977 mit Anfang 20 im Museum of Modern Art in New York. Und wird dort rasch Gesprächsthema: Mit roten Strümpfen, ebenso gefärbten Haaren und einer aufblasbaren Plastikblume um den Hals steht Koons in der Lobby und wirbt um neue Mitglieder für den Förderverein des Museums – mit großem Erfolg. Um seine eigene Kunst ohne Rücksicht auf Museen, Sammler oder Galeristen umsetzen, also finanzieren zu können, heuert er bald als Händler für Rohstoffzertifikate an der Wall Street an. „Geld an sich interessierte mich nicht“, sagt Koons, dessen Vermögen heute auf 500 Millionen Dollar geschätzt wird. „Ich wollte den Durchbruch.“

Den schafft er 1985 – er zeigt Basketbälle, die in Wassertanks schweben. Nach wochenlanger Tüftelei, für die er auch einen Physiknobelpreisträger einspannt, ist die Skulptur vollendet – für Koons Symbol irrealer Seinszustände. „Koons ist extrem analytisch, ein großer Künstler und ein cleveres Bürschlein“, sagt Kasper König, Direktor des Museums Ludwig in Köln und Kurator der renommierten Skulptur-Projekte Münster, zu denen er Koons 1987 einlud. „Für mich war er einer der wichtigsten Künstler dieser Zeit.“

„Gott auf meiner Seite“

Das sieht auch Ileana Sonnabend so, damals New Yorks einflussreichste Galeristin. Sie zeigt Koons’ Serie „Statuary“ – hochglanzpolierte Edelstahl-Abgüsse von Nippes aus Souvenirläden. Darunter auch einen Hasen mit Karotte, der zur Kunst-Ikone wird: Seine strahlende Erscheinung, so die US-Kunstkritikerin Katy Siegel, mache aus dem Tier „eine suggestive, eindrucksvollere Gestalt als Louis XIV“. Koons sieht es damals ähnlich: „Ich war mir sicher, Gott war auf meiner Seite.“

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    Kurz darauf ist es Ilona Staller, italienische Abgeordnete und bekannt als Porno-Darstellerin Cicciolina. Koons ist von ihr fasziniert, instrumentalisiert Medienrummel und Massengeschmack für seine Kunst, der kalkulierte Skandal nimmt seinen Lauf: Er entwickelt eine Serie verkitschter Bilder und Skulpturen, die ihn und seine künftige Frau in Porno-Posen zeigen. Und Koons zum Prostituierten seiner Arbeit machen – als perfekte Synthese zwischen Kunst und PR. Teile dieser Werkgruppe, die Koons in den schon von Michelangelo geschätzten Marmorwerkstätten von Pietrasanta, den renommiertesten Glasbläsereien von Murano und besten Herrgottschnitzern aus Oberammergau produzieren ließ, sind 1990 auf der Biennale in Venedig zu sehen, dann in New York und der Galerie Max Hetzler in Köln. Dort wird eine Skulptur, die Koons und Staller beim Sex zeigt, per Kran in die Galerie gehievt, vor den Augen einer staunenden Menschenmenge.

    „Selbstvermarktung und Sensationsmache“, schimpft Kunstkritiker Michael Kimmelman von der „New York Times“ – doch Koons’ Ruhm wächst: Obwohl 1992 nicht zur Documenta geladen, ist Koons der Star des Kunstsommers – dank „Puppy“, einem zwölf Meter hohen Blumenhund. Erstmals ausgestellt vor Schloss Arolsen bei Kassel, steht dieser später vor dem Rockefeller Center in New York und dem Guggenheim Museum in Bilbao. Für Koons ist die Skulptur ein „zeitgenössisches Herz Jesu“, vor dessen populistischem Charme die Kritiker kapitulieren.

    "Schloss Versailles: mein genuiner Ausstellungsort“

    Dem Aufstieg folgt der Fall: Koons streitet um das Sorgerecht für Sohn Ludwig, die Produktion der Skulpturenserie „Celebration“ stockt und verschlingt Millionen, Ausstellungen fallen aus. Doch Koons übersteht die Krise – dank seines Netzwerks: Kunstberater Jeffrey Deitch verliert durch die „Celebration“-Finanzierung die Hälfte seines Millionenvermögens. Sammler kaufen Koons Arbeiten ab, die der noch gar nicht produziert hat. Wofür Koons sich bis heute revanchiert – etwa beim zyprischen Milliardär Dakis Joannou, dessen Sammlung Koons im März 2010 für eine Ausstellung im New Museum in New York kuratierte.

    Dieses Netzwerk funktionierte auch 2008 wieder bestens, bei einer Koons-Ausstellung im historischen Spiegelsaal von Schloss Versailles – für Koons „mein genuiner Ausstellungsort“. Genehmigt wird die Schau von Jean-Jacques Aillagon, Frankreichs Exkulturminister und einst Chef des Palazzo Grassi in Venedig, wo François Pinault seine Kunstsammlung präsentiert. Aus dieser stammen allein sechs der in Versailles gezeigten Koons-Arbeiten. Pinault trägt zur Hälfte die zwei Millionen Euro teure Ausstellung, die von einer seiner Angestellten kuratiert wird.

    Nun plant Koons mit Frankfurts mächtigem Museumsmann Max Hollein ein Projekt im öffentlichen Raum. Und wünscht sich „eine Retrospektive in einem großen Museum – das wäre wirklich angemessen“.

     

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