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Kunstmarkt Die bunte Welt des Jeff Koons

Dank perfekter Synthese aus Kunst und PR wurde Jeff Koons zu einem der erfolgreichsten Künstler der Welt.

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Koons-Plastik

Ein paar Wischer hier, ein paar Tupfer dort: Rasch huscht der Pinsel der Visagistin über das jungenhafte Gesicht. „Meine Morgenroutine“, scherzt Jeff Koons. Und besteht darauf, seine randlose Brille wieder aufzusetzen. „Sonst erkennt man auf den Bildern die Druckstellen im Gesicht – das sieht nicht gut aus.“

Paris, Anfang Juni, kurz nach sechs Uhr morgens: Jeff Koons beim Fotoshooting am Fuße des Eiffelturms. Das neue BMW Art Car soll ins rechte Licht gerückt werden – ein M3 GT2, von Koons, mit bunten Folien beklebt, zur Kunst erhoben. Dass er schon seit zwei Stunden auf den Beinen ist und in der Nacht kaum geschlafen hat, merkt man dem 55-Jährigen nicht an – der kleine, drahtige Mann ist in seinem Element. Und könnte auch als Investmentbanker oder BMW-Boss durchgehen, wie er mit figurbetontem graublauem Anzug, farblich perfekt abgestimmter Krawatte und polierten schwarzen Schuhen vor dem Wagen posiert.

Was um diese Uhrzeit bei acht Grad für viele Künstler der GAU wäre, macht Koons zum Happening seiner selbst: „Wie wollt ihr mich?“, fragt er Fotografen und Kameraleute. „Noch einen Schritt nach vorn?“ Auch die Fontänen einer plötzlich startenden Sprinkleranlage, die ihn und den Wagen nur knapp verfehlen, bringen Koons nicht aus der Ruhe. Geduldig erklärt er einem chinesischen Fotografen Details seiner Designidee. Auch die Stelle, an die er am Abend im Centre Pompidou vor Sammlern, Kuratoren und Galeristen seine Unterschrift auf das rollende Kunstwerk setzen wird. „Allein darüber hat er stundenlang gebrütet“, sagt Wolfgang Schmid, Chef der bayrischen Designschmiede, die Koons’ Ideen in wochenlanger Kleinstarbeit umsetzte. „Der Mann ist ein Phänomen.“

Neue Arbeiten sind selten

Und seit 20 Jahren einer der erfolgreichsten und umstrittensten Künstler. Seine Gegner halten Koons’ Skulpturen und Gemälde – riesige, hochglanzpolierte Edelstahl-Figuren, meterhohe Pflanzengebilde, aufblasbare Plastiktiere, Popeye-Bilder – für langweiligen Kitsch. Seine Fans dagegen sehen darin Ikonen der jüngsten Kunstgeschichte. „Koons ist kluger Stratege und Kommunikator, stellt sich rücksichtslos in den Dienst seiner Arbeit“, sagt Max Hollein, Direktor des Frankfurter Städel-Museums, der Schirn Kunsthalle und der Liebieghaus Skulpturensammlung. „Er ist einer der radikalsten und wichtigsten Konzeptkünstler unserer Zeit.“

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    Das bestätigt auch der Art Report von Art Logistics und WirtschaftsWoche: Hier belegt Koons seit Jahren vordere Plätze.

    Konstanz, die Millionen wert ist – trotz Finanzkrise. Auf der jüngsten Kunstmesse Art Basel bot Stargalerist Larry Gagosian ein Koons-Gemälde für drei Millionen Dollar an, im März erzielte ein Strauß riesiger bemalter Holzblumen aus der Sammlung des Verlegers Benedikt Taschen 5,2 Millionen Euro – Modemacher Wolfgang Joop hatte sein Exemplar vor zehn Jahren für 600.000 Mark verkauft.

    Grund für die hohen Preise: Neue Arbeiten sind selten – obwohl Koons wie ein Mittelständler agiert. Bis zu 70 Profis setzen seine Ideen in seinem New Yorker Studio um, einer Mischung aus Andy Warhols Factory und den Kunstwerkstätten der Renaissance. „Ich akzeptiere nur beste Qualität“, sagt Koons. „Da bin ich Perfektionist.“

    „Wer meine Kunst betrachtet, kann sich gut fühlen"

    Was seine Werke attraktiv macht für eine Handvoll vermögender Sammler, die Koons seit Jahren die Treue halten: etwa der Berliner Investor Nicolas Berggruen, der gerade Karstadt gekauft hat. Oder François Pinault, Herr über Luxusmarken wie Gucci oder Yves Saint Laurent. Und der ukrainische Stahl- und Medienmagnat Victor Pinchuk, der vor drei Jahren Koons’ hochglanzpoliertes magenta-gold-farbiges Edelstahlherz „Hanging Heart“ ersteigerte – für 24 Millionen Dollar, Weltrekord für das Werk eines lebenden Künstlers. „Wer meine Kunst betrachtet, kann sich gut fühlen, ganz ohne theoretische Erklärung“, sagt Koons. „Das meine ich nicht ironisch.“

    Eher als Reminiszenz an Andy Warhol: Nicht nur, weil der Papst der Pop Art 1979 selbst ein Art Car kreiert hatte. Sondern weil der 1987 verstorbene Exzentriker, der einmal gute Geschäfte zur besten Kunst erklärte, als wichtigster Wegbereiter für die Verschränkung von Kunst und Kommerz im 20. Jahrhundert ein zentraler Fixstern im Koons’schen Kunstkosmos ist. Und den Koons nun wie einen Waisenknaben aussehen lässt.

    „Ich interessiere mich sehr für die Führungsposition, mag die Verführung des Verkaufs“, hatte Koons 1989 in einer von ihm und Künstlerfreund Martin Kippenberger gestalteten Ausgabe des Kunst-Magazins „Parkett“ geschrieben. Ein Peter Pan der Pop-Kultur, hinter dessen jugendlicher Optik mal der Kitschkönig, mal der Konzeptkünstler, mal der naive Philantrop zum Vorschein kommt. Eine Mischung aus Künstler und Verkäufer, Romantiker und Strippenzieher. Ein PR-Profi in eigener Sache, der Selbstvermarktung zum originellen künstlerischen Impuls umformt.

    Jeff Koons Quelle: AP

    „Koons ist klug“, sagt Alain Seban, Präsident des Pariser Museums Centre Pompidou. „Mit seinem Verständnis von Öffentlichkeit und Kommunikation steht er Warhol in nichts nach.“

    Ein Talent, das sich schon früh abzeichnet: Nach Ende des Kunststudiums in Chicago jobbt Koons 1977 mit Anfang 20 im Museum of Modern Art in New York. Und wird dort rasch Gesprächsthema: Mit roten Strümpfen, ebenso gefärbten Haaren und einer aufblasbaren Plastikblume um den Hals steht Koons in der Lobby und wirbt um neue Mitglieder für den Förderverein des Museums – mit großem Erfolg. Um seine eigene Kunst ohne Rücksicht auf Museen, Sammler oder Galeristen umsetzen, also finanzieren zu können, heuert er bald als Händler für Rohstoffzertifikate an der Wall Street an. „Geld an sich interessierte mich nicht“, sagt Koons, dessen Vermögen heute auf 500 Millionen Dollar geschätzt wird. „Ich wollte den Durchbruch.“

    Den schafft er 1985 – er zeigt Basketbälle, die in Wassertanks schweben. Nach wochenlanger Tüftelei, für die er auch einen Physiknobelpreisträger einspannt, ist die Skulptur vollendet – für Koons Symbol irrealer Seinszustände. „Koons ist extrem analytisch, ein großer Künstler und ein cleveres Bürschlein“, sagt Kasper König, Direktor des Museums Ludwig in Köln und Kurator der renommierten Skulptur-Projekte Münster, zu denen er Koons 1987 einlud. „Für mich war er einer der wichtigsten Künstler dieser Zeit.“

    „Gott auf meiner Seite“

    Das sieht auch Ileana Sonnabend so, damals New Yorks einflussreichste Galeristin. Sie zeigt Koons’ Serie „Statuary“ – hochglanzpolierte Edelstahl-Abgüsse von Nippes aus Souvenirläden. Darunter auch einen Hasen mit Karotte, der zur Kunst-Ikone wird: Seine strahlende Erscheinung, so die US-Kunstkritikerin Katy Siegel, mache aus dem Tier „eine suggestive, eindrucksvollere Gestalt als Louis XIV“. Koons sieht es damals ähnlich: „Ich war mir sicher, Gott war auf meiner Seite.“

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      Kurz darauf ist es Ilona Staller, italienische Abgeordnete und bekannt als Porno-Darstellerin Cicciolina. Koons ist von ihr fasziniert, instrumentalisiert Medienrummel und Massengeschmack für seine Kunst, der kalkulierte Skandal nimmt seinen Lauf: Er entwickelt eine Serie verkitschter Bilder und Skulpturen, die ihn und seine künftige Frau in Porno-Posen zeigen. Und Koons zum Prostituierten seiner Arbeit machen – als perfekte Synthese zwischen Kunst und PR. Teile dieser Werkgruppe, die Koons in den schon von Michelangelo geschätzten Marmorwerkstätten von Pietrasanta, den renommiertesten Glasbläsereien von Murano und besten Herrgottschnitzern aus Oberammergau produzieren ließ, sind 1990 auf der Biennale in Venedig zu sehen, dann in New York und der Galerie Max Hetzler in Köln. Dort wird eine Skulptur, die Koons und Staller beim Sex zeigt, per Kran in die Galerie gehievt, vor den Augen einer staunenden Menschenmenge.

      „Selbstvermarktung und Sensationsmache“, schimpft Kunstkritiker Michael Kimmelman von der „New York Times“ – doch Koons’ Ruhm wächst: Obwohl 1992 nicht zur Documenta geladen, ist Koons der Star des Kunstsommers – dank „Puppy“, einem zwölf Meter hohen Blumenhund. Erstmals ausgestellt vor Schloss Arolsen bei Kassel, steht dieser später vor dem Rockefeller Center in New York und dem Guggenheim Museum in Bilbao. Für Koons ist die Skulptur ein „zeitgenössisches Herz Jesu“, vor dessen populistischem Charme die Kritiker kapitulieren.

      "Schloss Versailles: mein genuiner Ausstellungsort“

      Dem Aufstieg folgt der Fall: Koons streitet um das Sorgerecht für Sohn Ludwig, die Produktion der Skulpturenserie „Celebration“ stockt und verschlingt Millionen, Ausstellungen fallen aus. Doch Koons übersteht die Krise – dank seines Netzwerks: Kunstberater Jeffrey Deitch verliert durch die „Celebration“-Finanzierung die Hälfte seines Millionenvermögens. Sammler kaufen Koons Arbeiten ab, die der noch gar nicht produziert hat. Wofür Koons sich bis heute revanchiert – etwa beim zyprischen Milliardär Dakis Joannou, dessen Sammlung Koons im März 2010 für eine Ausstellung im New Museum in New York kuratierte.

      Dieses Netzwerk funktionierte auch 2008 wieder bestens, bei einer Koons-Ausstellung im historischen Spiegelsaal von Schloss Versailles – für Koons „mein genuiner Ausstellungsort“. Genehmigt wird die Schau von Jean-Jacques Aillagon, Frankreichs Exkulturminister und einst Chef des Palazzo Grassi in Venedig, wo François Pinault seine Kunstsammlung präsentiert. Aus dieser stammen allein sechs der in Versailles gezeigten Koons-Arbeiten. Pinault trägt zur Hälfte die zwei Millionen Euro teure Ausstellung, die von einer seiner Angestellten kuratiert wird.

      Nun plant Koons mit Frankfurts mächtigem Museumsmann Max Hollein ein Projekt im öffentlichen Raum. Und wünscht sich „eine Retrospektive in einem großen Museum – das wäre wirklich angemessen“.

       

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