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Kunstwissenschaftler Wolfgang Ullrich "Trophäen der Bosse"

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Grafik: Kunstsammlungen deutscher Banken im Vergleich

Und deshalb lassen sich Unternehmensführer so gern mit Kunst fotografieren?

Ja, aber es kommt noch etwas hinzu. Vor allem zeitgenössische Kunst verleiht dem, der sich mit ihr umgibt, den Nimbus von Macht und Überlegenheit. Sie funktioniert als exklusives Statussymbol. Wenn der Vorstandssprecher der Deutschen Bank vor einem abstrakten Rasterbild posiert, demonstriert er damit eine Sensibilität und Kennerschaft, die dem großen Publikum unzugänglich ist.  Auf diese Weise erzeugt er Distanz und bestätigt Hierarchien. Irgendwas, denkt der Laie, muss dran sein an dieser Kunst, auch wenn ich sie nicht schön finde.

Diesen Effekt erreicht man mit abstrakter Kunst besser als mit gegenständlicher?

Viel besser. Mit einem Impressionisten im Hintergrund würde man den Banker zwar vielleicht sympathischer finden, aber man hätte nicht so viel Ehrfurcht vor ihm. Außerdem hat abstrakte Kunst den Vorteil der Unverbindlichkeit. Man kann alles in sie hineinprojizieren: Fortschrittlichkeit, Entschlossenheit oder Authentizität, ohne dass damit eine inhaltliche Festlegung verbunden wäre.

Aber dieses Bild-Konzept "Manager und modernes Kunstwerk" ist doch inzwischen selbst wieder konventionell und damit langweilig geworden.

Deshalb kommt es bei Fotoporträts heute stärker als früher auf die originellen, überraschende Inszenierungen an. Wenn Linde-Chef Wolfgang Reitzle sich vor einen Neon-Schriftzug von Martin Creed setzt, will er den Betrachter nicht einschüchtern. Im Gegenteil, er zeigt mit dem Spruch "don’t worry" im Hintergrund Humor, Sinn für Selbstironie – und damit indirekt wieder Souveränität.

Wie wichtig ist der Glamourfaktor Kunst?

Wichtiger denn je. Nur ein Beispiel: Als der Finanzunternehmer Carsten Maschmeyer und die Schauspielerin Veronica Ferres zum ersten Mal öffentlich als Paar auftraten, nutzten sie als Forum eine Fotoschau von Andreas Gursky in Wolfsburg – mit den Künstlern Gursky und Neo Rauch als Stargästen. Das ist typisch: Kunst schmückt eine neoaristokratische Geld- und Aufmerksamkeitselite.

Kunst wird nicht nur als Mittel der Selbstdarstellung geschätzt. Im Jahresbericht 2008 der Deutschen Bank „Krise als Chance nutzen“ heißt es, die Kunst sei ein wirksames Krisenbewältigungsmittel. Wie kommt es zu diesem enormen Zutrauen in das Leistungsvermögen von Kunst?

Das hat letztlich geistesgeschichtliche Gründe. Seit Friedrich Schiller und der Romantik gilt Kunst hierzulande als eine Art Universaltherapeutikum. Als Gegenwelt, in der wir unser besseres Selbst, unsere schöneren Möglichkeiten erkennen können. Knapp 200 Jahre -später ist diese Vorstellung, übersetzt ins Marketing-Deutsch, bei den Unternehmen angekommen. Dann heißt es zum Beispiel, die Künstler seien Profis im Umgang mit dem Scheitern, ihre Kunst schärfe die Wahrnehmung in der Krise, eröffne neue Horizonte und erhöhe die Kreativität – immer im Interesse der Effizienzsteigerung.

Hand aufs Herz, Herr Ullrich – ist das nicht ein großer Schmarrn?

Ja.

Ein typisch deutscher?

Jedenfalls ist der Glaube an die Kunst nirgendwo so ausgeprägt wie in Deutschland.

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