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Kunstwissenschaftler Wolfgang Ullrich "Trophäen der Bosse"

Der Kunstwissenschaftler Wolfgang Ullrich über die Zukunft der Unternehmenssammlungen und Kunst als exklusives Statussymbol.

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Wolfgang Ullrich lehrt Kunstwissenschaft an der Karlsruher Hochschule für Gestaltung Quelle: Robert Brembeck für WirtschaftsWoche

WirtschaftsWoche: Herr Ullrich, die Versteigerung der Giacometti-Skulptur "L’Homme qui marche I" bei Sotheby’s hat den Rekordpreis von umgerechnet 74 Millionen Euro erbracht. Die Figur stammt aus der Sammlung der Dresdner Bank, die heute der Commerzbank gehört. Schließen die deutschen Unternehmen jetzt reihenweise ihre Kunstsammlungen?

Wolfgang Ullrich: Nein, so dramatisch sehe ich das nicht. Wenn die Deutsche Bank verkauft hätte, wäre das sicher ein Signal für eine Trendwende gewesen. Aber die Commerzbank tickte schon immer ein bisschen anders. Sie hat ja, im Gegensatz zur Dresdner Bank, die sich wie die Deutsche Bank durch die Förderung der Hochkunst definierte, immer einen breiten Kulturbegriff gepflegt, etwa mit ihren Umwelt- und Stadtteilprojekten. Das ist jetzt eindrucksvoll bestätigt worden. Mit dem Verkauf der Giacometti-Skulptur hat gewissermaßen das Populäre über das Elitäre gesiegt.

Sie glauben an eine gezielte Image-Aktion der Bank?

Ja, ich könnte mir vorstellen, dass die Commerzbank ganz bewusst die spektakuläre Verkaufsform der Auktion gewählt hat, um damit zu demonstrieren: Wir nutzen die Chance, die der Kunstmarkt derzeit bietet, holen alles raus, was rauszuholen ist, und machen was Vernünftiges mit dem Spekulationsgewinn.

Zum Beispiel indem das Geld an den Staat zurückgezahlt wird, dem die Commerzbank Milliarden schuldet?

Dafür gibt es in der Tat gute Argumente. Aber wenn der Gewinn, wie angekündigt, der Kulturstiftung zugute kommt, übernähme die Bank ja quasistaatliche Aufgaben. Das wäre in Ordnung.

In Krisenzeiten gilt das Sammeln von Kunst als Luxus. Geraten die Unternehmen jetzt nicht stärker unter Rechtfertigungsdruck?

Schon, aber das heißt nicht, dass sie nun Ballast abwerfen würden. Der Kunstboom, der die Banken in den Achtziger-, Neunzigerjahren beflügelte, hat schon vor der Krise nachgelassen. Nicht zuletzt deshalb, weil die Bankgebäude voll sind mit Kunst – und weil die jüngere Generation von Unternehmern und Managern ein anderes, eher spielerisches Verhältnis zur Kunst hat. Sie ist ein Interessengebiet unter anderen oder wird zum Lifestylefaktor, zu einer gehobenen Form der Unterhaltung an der Grenze zu Mode und Design. Man präsentiert sich als Avantgarde des Konsums.

Warum sucht die Wirtschaft überhaupt die Nähe zu Kunst und Künstlern?

Weil sie sich im Künstler wiedererkennt, in seiner Risikobereitschaft, seiner über das bloß Konventionelle hinausgehenden Lust am Neuen. Wie der Unternehmer auf den sich ständig wandelnden Markt reagiert, muss der Künstler immer wieder seine Originalität unter Beweis stellen. Beide bewegen sich auf ungesichertem Terrain, müssen täglich entscheiden, gestalten, verändern.

Der Künstler als Vorbild für die Wirtschaft?

Ja, als eine Art Role-Model. Der selbstgewisse Gestus, mit dem Künstler wie etwa Markus Lüpertz oder Georg Baselitz auftreten, fasziniert natürlich die Wirtschaft. Dieser Künstlertyp verkörpert genau das, was man in Tausenden Manager-seminaren lernt: Selbstbewusstsein und Autorität. Deshalb besuchen Manager auch so gern den Künstler im Atelier. In ihm erkennen sie den Doppelgänger, eine Variante der eigenen Berufsidentität.

Im Atelier geht es bekanntlich ganz anders zu als in einer Vorstandsetage.

Das ist ja gerade das Faszinierende: Der Geruch der Farbe, dieses leicht Trashige eines zum Atelier umfunktionierten Industriebaus. Das hat etwas Cooles. Die Kunst lädt einerseits zur Identifikation ein und öffnet andererseits die Tür in eine neue Welt. Der Unternehmer sieht in der Arbeit des Künstlers dieselbe kreative Energie am Werk, die ihn selber umtreibt, und zugleich eine ganz andere Art der gestalterischen Freiheit.

Entscheidend ist der Kontrast zum Büroalltag?

Ja, da werden Defizite kompensiert. Ich habe schon Unternehmer kennengelernt, die von einem Atelierbesuch sprachen wie von einer Hochgebirgstour. Kunst wird offenbar als Kraftquelle wahrgenommen. Und gerade das Aggressive, manchmal Brutale der zeitgenössischen Kunst, dieser Gestus des gezielten Regelbruchs, wird als Zeichen von Macht und Unabhängigkeit gelesen. Deshalb sieht man in den Banken oft diese etwas ruppige Malerei, das sogenannte Bad Painting.

Unangepasste Kunst ist für die Selbstdarstellung von Unternehmen besonders attraktiv?

Ja, die Avantgarde-Kunst hätte gar kein besseres Geschäftsmodell entwickeln können, als sich radikal oppositionell zu geben. Nur der Widerstandsgeist reizt zur Vereinnahmung. Kunstwerke sind für Wirtschaftsführer wie Jagdtrophäen, die man sich ins Büro hängt.

Die Unternehmen beteuern gern, dass sie Kunst aus ideellen Gründen sammeln.

Das mag manchmal sogar stimmen. Aber Kunst ist natürlich vor allem ein Imagefaktor, nach innen und außen. Die Mitarbeiter sollen stolz sein auf ihr Unternehmen, das mit seinem Kunst-Engagement kulturelle Kompetenz beweist und sich damit in die Tradition des altabendländischen Mäzenatentums stellt.

Grafik: Kunstsammlungen deutscher Banken im Vergleich

Und deshalb lassen sich Unternehmensführer so gern mit Kunst fotografieren?

Ja, aber es kommt noch etwas hinzu. Vor allem zeitgenössische Kunst verleiht dem, der sich mit ihr umgibt, den Nimbus von Macht und Überlegenheit. Sie funktioniert als exklusives Statussymbol. Wenn der Vorstandssprecher der Deutschen Bank vor einem abstrakten Rasterbild posiert, demonstriert er damit eine Sensibilität und Kennerschaft, die dem großen Publikum unzugänglich ist.  Auf diese Weise erzeugt er Distanz und bestätigt Hierarchien. Irgendwas, denkt der Laie, muss dran sein an dieser Kunst, auch wenn ich sie nicht schön finde.

Diesen Effekt erreicht man mit abstrakter Kunst besser als mit gegenständlicher?

Viel besser. Mit einem Impressionisten im Hintergrund würde man den Banker zwar vielleicht sympathischer finden, aber man hätte nicht so viel Ehrfurcht vor ihm. Außerdem hat abstrakte Kunst den Vorteil der Unverbindlichkeit. Man kann alles in sie hineinprojizieren: Fortschrittlichkeit, Entschlossenheit oder Authentizität, ohne dass damit eine inhaltliche Festlegung verbunden wäre.

Aber dieses Bild-Konzept "Manager und modernes Kunstwerk" ist doch inzwischen selbst wieder konventionell und damit langweilig geworden.

Deshalb kommt es bei Fotoporträts heute stärker als früher auf die originellen, überraschende Inszenierungen an. Wenn Linde-Chef Wolfgang Reitzle sich vor einen Neon-Schriftzug von Martin Creed setzt, will er den Betrachter nicht einschüchtern. Im Gegenteil, er zeigt mit dem Spruch "don’t worry" im Hintergrund Humor, Sinn für Selbstironie – und damit indirekt wieder Souveränität.

Wie wichtig ist der Glamourfaktor Kunst?

Wichtiger denn je. Nur ein Beispiel: Als der Finanzunternehmer Carsten Maschmeyer und die Schauspielerin Veronica Ferres zum ersten Mal öffentlich als Paar auftraten, nutzten sie als Forum eine Fotoschau von Andreas Gursky in Wolfsburg – mit den Künstlern Gursky und Neo Rauch als Stargästen. Das ist typisch: Kunst schmückt eine neoaristokratische Geld- und Aufmerksamkeitselite.

Kunst wird nicht nur als Mittel der Selbstdarstellung geschätzt. Im Jahresbericht 2008 der Deutschen Bank „Krise als Chance nutzen“ heißt es, die Kunst sei ein wirksames Krisenbewältigungsmittel. Wie kommt es zu diesem enormen Zutrauen in das Leistungsvermögen von Kunst?

Das hat letztlich geistesgeschichtliche Gründe. Seit Friedrich Schiller und der Romantik gilt Kunst hierzulande als eine Art Universaltherapeutikum. Als Gegenwelt, in der wir unser besseres Selbst, unsere schöneren Möglichkeiten erkennen können. Knapp 200 Jahre -später ist diese Vorstellung, übersetzt ins Marketing-Deutsch, bei den Unternehmen angekommen. Dann heißt es zum Beispiel, die Künstler seien Profis im Umgang mit dem Scheitern, ihre Kunst schärfe die Wahrnehmung in der Krise, eröffne neue Horizonte und erhöhe die Kreativität – immer im Interesse der Effizienzsteigerung.

Hand aufs Herz, Herr Ullrich – ist das nicht ein großer Schmarrn?

Ja.

Ein typisch deutscher?

Jedenfalls ist der Glaube an die Kunst nirgendwo so ausgeprägt wie in Deutschland.

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