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Lebensmittel Fleischkonzern Bell droht Ärger mit Edeka und Lidl

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Edeka und Lidl sehen mit Argusaugen zu

Grafik zur Bell AG

Diese Gemengelage beobachten die Rewe-Rivalen mit Argusaugen. Manager der Edeka etwa befürchten, dass Informationen über die Einkaufspreise von Edeka für Abraham- und Zimbo-Produkte bei der Rewe landen könnten. Denn so könnte die Rewe feststellen, ob sie billiger oder teurer als der Konkurrent einkauft. Das hört sich für Außenstehende weit hergeholt an, „wir würden es umgekehrt aber genauso hinterfragen“, sagt ein Rewe-Vorstand. Aufgrund des vernichtenden Preiswettbewerbs im deutschen Lebensmittelhandel gönnt kein Händler dem anderen auch nur das Schwarze unter den Fingernägeln. Schlimmstenfalls könnte Edeka Zimbo- und Abraham-Produkte aus den Regalen werfen. Beide Hersteller gelten zwar als beliebt beim Kunden, aber nicht als unverzichtbar. „Wir haben bisher keine Nachteile gespürt“, sagt dagegen Jürgen Abraham, der den gleichnamigen Schinkenhersteller auch weiterhin führt.

Der Ärger könnte sogar noch größer werden. Vergangenen Donnerstag startete Lidl mit einem Dutzend Filialen in der Schweiz. Aldi Süd ist bereits mit fast 100 Filialen im Nachbarland aktiv – und damit sind die beiden deutschen Discountflaggschiffe direkte Konkurrenten der Bell-Mutter. Es liegt also nahe, dass vor allem Lidl Abraham und Zimbo aus den Regalen verbannen könnte, um dem Wettbewerber zu schaden – jene Coop, die versucht hatte, den Markteinstieg von Lidl in der Schweiz zu erschweren.

Schweizer Fleischerzeugnisse nicht konkurrenzfähig

Bell-Boss Adolphe Fritschi ist alarmiert. Er werde Gespräche mit den deutschen Händlern führen, sagte er kürzlich in einem Interview mit dem Branchenblatt „Lebensmittel Zeitung“. „Politische Überlegungen sind das eine, aber irgendwann werden Qualität, Liefertreue und Produktsicherheit die entscheidende Rolle spielen“, zeigte sich Fritschi seinerzeit zuversichtlich. Seitdem schweigt er. Für Aussagen zum heiklen Thema, lässt er über die Pressestelle mitteilen, stehe er erst wieder zur Verfügung „wenn die Kuh vom Eis ist“.

Zur Internationalisierung verdammt

Der 1899 gegründete Schweizer Fleischkonzern ist zur Internationalisierung verdammt, weil Wachstum im Heimatmarkt kaum noch möglich ist. Mehr als 60 Prozent seines Umsatzes macht Bell mit Coop. Bei den Fleischwaren liegt der Anteil sogar bei über 90 Prozent. Der zweite große Schweizer Lebensmittelhändler Migros verfügt mit Micarna über ein eigenes Fleischwerk. Beide Unternehmen dominieren 80 Prozent der Schweizer Lebensmittelumsätze.

Mit den Übernahmen in Deutschland und Frankreich – schon Mitte vergangenen Jahres schluckte Bell die französische Groupe Polette mit einem Umsatz von 60 Millionen Euro – wurden die wesentlichen Ziele der Auslandsstrategie binnen eines Jahres erreicht: starke Standbeine im benachbarten Ausland. Den Schritt über die Grenzen wagte Bell nicht nur wegen des beschränkten Potenzials im Inland. Das Unternehmen bereitet sich damit auch auf ein Freihandelsabkommen für Agrargüter mit der EU vor, das jedoch voraussichtlich erst Mitte des kommenden Jahrzehnts und nach einer vorherigen Volksabstimmung erwartet wird.

Noch ist der Schweizer Agrarmarkt vom Weltmarkt durch Kontingentierungen und hohe Zölle abgeschottet. Die Preise für Futtergetreide oder Tierarznei sind bis zu dreimal teurer als im EU-Durchschnitt. Entsprechend hoch sind die Produktionskosten für Schweine- oder Geflügelfleisch. Kann der Bedarf, etwa bei Rindfleisch, nicht im Inland gedeckt werden, muss eine Berechtigung zum Import ersteigert werden.

Die Folgen sind vielfältig. Schweizer Fleischerzeugnisse sind, bis auf wenige Spezialitäten, im Ausland nicht konkurrenzfähig. Zudem fördern die höheren Fleischpreise den Einkaufstourismus über die Landesgrenzen und vermiesen den Schweizern den Fleischkonsum. Europaweit essen nur die Finnen weniger Fleisch. Doch wenn der Preis stimmt, dann langen auch die Schweizer zu. „Dann gehen in einer Aktion mit der Coop auch schon mal Tausende Rinderzungen über den Ladentisch“, weiß Bell-Fleischer Nieling. Zugekauft wird das Rindfleisch aus Südamerika. „Sonst hätte in der Schweiz ja kein Rind mehr eine Zunge im Maul.“

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