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Lebensmittel Weltweit droht Nahrungsknappheit

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Mann mit Kind steht vor einer Quelle: REUTERS

In der entwickelten Welt dürfte sich die Krise weniger stark auf die Teuerungsrate auswirken. Die Vereinten Nationen schätzen, dass die ärmsten Länder 2010 bis zu 20 Prozent mehr für Nahrungsmittel ausgaben als 2009. In den USA, dem weltgrößten Exporteur von Agrarprodukten, legten die Nahrungspreise im Einzelhandel vergangenes Jahr nur um 1,5 Prozent zu. Für das laufende Jahr erwartet das US-Landwirtschaftsministerium ein Plus von gerade einmal zwei Prozent. „In unserem Land steht Nahrung im Überfluss zur Verfügung, und hier wird die Teuerung bei Nahrungsmitteln zuletzt anziehen", sagt Erick Erickson, Volkswirt beim US Grains Council in Washington, dem Verband amerikanischer Getreideexporteure.

Steigende Nahrungsmittelpreise dürften vor allem in Ländern mit hohem Wachstum und niedriger Arbeitslosigkeit zu Inflation führen. Die Verbraucher dort könnten eher höhere Löhne durchsetzen, wenn sie steigenden Nahrungspreisen ausgesetzt sind, sagt Karen Ward, leitende Volkswirtin bei HSBC in London. Sobald die Inflation einmal die Löhne erreicht, greift sie jedoch rasch auf alle anderen Bereiche über. Ein Beispiel hierfür ist China, wo das Wirtschaftswachstum im zweistelligen Bereich liegt. Dort stiegen die Verbraucherpreise im Januar auf Jahressicht um 4,9 Prozent, teilte die Regierung Mitte Februar mit. Die Lebensmittelpreise kletterten um 10,3 Prozent. Herrscht wie in China lebhafte Nachfrage, können zudem auch Unternehmen höhere Kosten leichter durch Preiserhöhungen weitergeben, sagt Rajeev Dhawan, Direktor des Economic Forecasting Center am Robinson College of Business der Georgia State University.

Zentralbanken vor Dilemma

In Ländern mit niedriger Nachfrage und hoher Arbeitslosigkeit – wie derzeit in den USA – können die Arbeiter dagegen keine höheren Löhne herausholen, um Mehrausgaben für Nahrung zu bestreiten. Daher sparen sie an anderen Stellen. Auch Unternehmen müssen Mehrkosten selbst auffangen, da sie durch höhere Preise Umsatz verlieren würden. Bei schwacher Konjunktur wirkten höhere Rohstoffpreise „wie eine zusätzliche Steuer auf das Wachstum", sagt HSBC-Volkswirtin Ward.

Für die Zentralbanken ergibt sich durch steigende Rohstoffpreise ein Dilemma: Um zu verhindern, dass die Inflation angeheizt wird, müssten die Währungshüter die Zinsen anheben Um andererseits die geringere Kaufkraft der Verbraucher auszugleichen, müssten sie die Zinsen senken. Welche Entscheidung die Zentralbank trifft, hängt von der wirtschaftlichen Verfassung des jeweiligen Landes ab, sowie davon, ob sie eher Inflation oder Rezession befürchtet.

Zum Zweiten stellt die Agrarkrise die reichen Länder und ihre Finanzsysteme auf die Probe. Schaffen sie es, zur Lösung beizutragen oder sind sie Teil des Problems? Denn schönreden lässt es sich nicht: Was den Armen weltweit schadete, nützte amerikanischen Landwirten und Investoren. Während die Rekordpreise für Nahrungsmittel in Algerien Krawalle auslösten und Indien zu Exportstopps bewegten, bescherten sie den USA bei der Ausfuhr von Agrarerzeugnissen Höchsteinnahmen. Dieses Jahr dürfte das Einkommen der amerikanischen Landwirte 20 Prozent anziehen, prognostizierte das US-Landwirtschaftsministerium. Das Gesamt-Nettoeinkommen landwirtschaftlicher Betriebe wird sich demnach auf die Rekordsumme von 94,7 Milliarden Dollar belaufen, nach 79 Milliarden Dollar 2010. Die Erlöse aus Feldfrüchten dürften auf 202 Milliarden Dollar zulegen, ein Plus von 18 Prozent.

Boom bei Agrarwerten

Mit den anziehenden Preisen für Agrarprodukte drängten internationale Investoren in Swaps auf Agrarindizes, börsengehandelte Produkte und sogenannte Medium Term Notes. Letzteres sind Schuldverschreibungen, deren Zins an den Preis eines Rohstoffs gebunden sein kann. Werden sie als strukturiertes Produkt an einer Börse gehandelt, spricht man von Exchange Traded Notes oder ETN. Das Volumen der Investments in diese Instrumente stieg in den drei Monaten bis 31. Dezember auf 5,7 Milliarden Dollar, schrieb Barclays Capital in einem Bericht Ende Januar. Das entspricht einer Verdreifachung gegenüber dem Vorquartal. Die Neuinvestments in Produkte im Bereich Landwirtschaft beliefen sich im Dezember auf 2,6 Milliarden Dollar, im Vergleich zu einer Milliarde Dollar im November und 1,3 Milliarden Dollar im Vorjahresmonat.

Händler weisen den Vorwurf der Preistreiberei zurück. Der Markt, so ihr Argument, beruhte auf einem Nullsummenspiel, für jeden Kauf gebe es einen Verkauf. „Spekulanten stürzen sich auf eine gute, schlüssige fundamentale Geschichte", sagt hingegen Gary Mead, Analyst bei dem auf Rohstoffe und Energie spezialisierten Marktforscher VM Group in London. „Nimmt man die gute, überzeugende Fundamentalstory weg, sehen sie sich nach etwas anderem um. Wegen des Niedrigzins-Umfelds suchen sie nach Rendite in jeder Form, und im Augenblick sind es zufällig Rohstoffe."

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