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Lebensmittelbranche Oetker wieder auf Kurs

In der Krise hat Oetker schwer gelitten. Am Dienstag gibt das Unternehmen seine Bilanzzahlen bekannt. Wie der Mischkonzern 2010 gemeistert hat.

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Richard Oetker Quelle: dpa

Es dürfte mal wieder westfälisch bescheiden zugehen, wenn der Mischkonzern Oetker am Dienstag seine Bilanzzahlen für das vergangene Jahr am Stammsitz in Bielefeld vorlegt. Schließlich haben die vielen Einzelunternehmen der Gruppe, etwa die Hamburger Reederei Hamburg Süd, der Wiesbadener Sekthersteller Henkell & Söhnlein, die Frankfurter Radeberger-Brauerei-Gruppe oder die Bielefelder Nahrungsmittelsparte Dr. Oetker, schon in den vergangenen Wochen durch die Bank moderate Zuwächse berichtet.

Nach den Belastungen der Finanzkrise und einem historischen Umsatztief in 2009 steuert das traditionsreiche Familienunternehmen nun wieder in ruhigem und ertragreichem Fahrwasser. Und über Gewinne, das war schon immer so, spricht man bei den Bielefeldern ohnehin nicht.

Eines jedenfalls ist doch ein bisschen anders als sonst. Es ist das erste vollständige Geschäftsjahr, das der neue Oetker-Chef Richard Oetker zu verantworten hat. Richard, der Diplom-Braumeister, hatte zu Beginn des vergangenen Jahres den Chefposten von seinem älteren Bruder August, dem Reedereikaufmann übernommen.

Dunkles Kapitel: Die Oetker-Entführung

Zur Erinnerung: Richard Oetker wird im Dezember 1976 als 25-Jähriger Opfer eines Verbrechens, das als "Die Oetker-Entführung" in die deutsche Nachkriegsgeschichte eingegangen ist. Der damalige Student wird auf dem Parkplatz der Universität in Freising verschleppt und 48 Stunden später gegen Zahlung eines Lösegeldes von 21 Millionen Mark (knapp 11 Millionen Euro) wieder freigelassen. In der Gefangenschaft erleidet Richard Oetker lebensgefährliche Verletzungen.

Lange Jahre kann er sich nur noch mit Krücken fortbewegen. Nach mehreren Operationen und dank eiserner Selbstdisziplin, machen sich die Verletzungsfolgen heute äußerlich nur noch durch ein leichtes Hinken bemerkbar.

Der Entführer, der Münchener Gebrauchtwagenhändler Dieter Zlof, wird drei Jahre später bei dem Versuch gefasst, das erpresste Geld in Umlauf zu bringen. Zlof erhält für seine Tat eine Freiheitsstrafe von 15 Jahren. Oetker zieht sich daraufhin komplett aus dem öffentlichen Leben zurück, blieb dem Unternehmen seiner Familie jedoch immer treu.

Einbruch in der Schiffahrtsparte

Vor einem Jahr musste Richard Oetker bei seinem ersten Auftritt als frisch gekürter Konzernchef gleich den stärksten Umsatzrückgang der Firmengeschichte verkünden. Dafür hatten in erster Linie dramatische Einbrüche bei der Schifffahrtssparte Hamburg Süd geführt, die aufgrund der Finanzkrise fast 30 Prozent ihres Umsatzes einbüßte und nur noch 3,2 Milliarden Euro zum Gruppenerlös beisteuerte. Der brach daher in 2009  um 14 Prozent auf acht Milliarden Euro ein.

Bionade Quelle: AP

Inzwischen schippern die riesigen Container-Schiffe der Hamburg-Süd aber wieder in höherem Takt über die Weltmeere. Die Reederei konnte ihre Transportkapazitäten und Frachtraten steigern und auch die Währungseinflüsse waren weniger belastend. So katapultierte ein Umsatzplus von 40 Prozent die Sparte wieder auf einen Umsatz von 4,4 Milliarden Euro.

Zweitgrößte, aber mit Abstand bekannteste Sparte im Familienkonzern, sind die Lebensmittel. 2010 gelang es Oetker, inklusive Zukäufen, den Umsatz mit Pizzen, Backmischungen und Puddings um 8,7 Prozent auf knapp zwei Milliarden Euro zu steigern. Bereinigt um Zukäufe lag das Plus bei knapp unter fünf Prozent. Das Wachstum kommt dabei jedoch vor allem aus dem Ausland. Der Inlandsmarkt konnte lediglich ein mickriges Plus von einem Prozent beisteuern.

Da auch der Auftakt  im laufenden Jahr eher schleppend verlaufe, wie Richard Oetker Anfang April mitteilte, sei auch die Entwicklung auf den Rohstoffmärkten schwer kalkulierbar. Oetker wagte für dieses Jahr keine nähere Prognose. Doch an Preiserhöhungen für Pizza und Pudding kämen die Bielefelder nach eigener Darstellung wegen gestiegener Rohstoffkosten nicht vorbei. Das betreffe in erster Linie Milch- und Käseerzeugnisse, Weizen, Fette und Öle, Kakao.

Für Aufsehen in der Branche hatte die Sparte zu Beginn des Jahres gesorgt, als der Einstieg in ein neues Terrain verkündet wurde. Seit einigen Wochen bietet Oetker nun neben seinen bekannten Backmischungen auch fertige, verpackte Kuchen an. Damit treten die Bielefelder in den direkten Wettbewerb zu den Marktführern Kuchenmeister und Bahlsen.

Weniger Bier - dafür mehr Limo

Einen moderaten Aufwärtstrend spürte auch die Sparte Sekt, Wein und Spirituosen mit den Hauptmarken Henkell, Söhnlein und Wodka Gorbatschow. Der Umsatz, der in Wiesbaden beheimateten Henkell & Söhnlein Sektkellerei, stieg um 2,7 Prozent auf 654 Millionen Euro.

Die Getränkegruppe Radeberger in Frankfurt verkaufte zwar insgesamt weniger Bier, konnte den Rückgang um 2,5 Prozent auf 13 Millionen Hektoliter jedoch durch die Übernahme der Kult-Limo Bionade wettmachen. So stieg der Umsatz der größten deutschen Brauerei-Gruppe mit mehr als 40 Biermarken (Radeberger, Jever, Schöfferhofer)  um zwei Prozent auf 1,6 Milliarden Euro.  

Ausbau der Bankensparte

Abgerundet wird der Bauchladen des Bielefelder Mischkonzerns durch das Privatbankhaus Lampe. Nach dem sich die Bielefelder Oetker-Spitze gegen einen Kauf der Frankfurter BHF-Bank entschieden hatte, halte man nun nach anderen Übernahmemöglichkeiten Ausschau, hieß es vor einigen Wochen bei der Vorlage der Bilanzzahlen in Düsseldorf. Das Bankhaus habe 2010 seinen Gewinn um zwei auf 14 Millionen Euro gesteigert und die stillen Reserven gestärkt.  Die Bilanzsumme habe bei gut drei Milliarden Euro gelegen.

Unter dem Strich wird Konzernchef Richard Oetker also auf ein  zufriedenstellendes Geschäftsjahr 2010 zurückblicken können.

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