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Logistik Hapag-Lloyd: Ein Gewinn für den Standort Deutschland

Der Einstieg von Klaus-Michael Kühne bei der Reederei Hapag-Lloyd könnte mehr Nutzen bringen als erwartet - für den Logistikstandort Deutschland.

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Klaus-Michael Kühne bekam den Quelle: AP

Die Freude über den Kauf der Hamburger Reederei Hapag-Lloyd hatte für Klaus-Michael Kühne einen unschönen Beigeschmack. Zwar zeigte sich der Logistikunternehmer und Milliardär, der seinen Hauptwohnsitz nahe Zürich hat, erfreut über den Zuschlag: „Das war eine Rettungsaktion und ein Bekenntnis zu Hamburg“, so der gebürtige Hanseat.

Doch gleichzeitig kritisierte er die Bundesregierung, die „uns hier nicht unterstützt hat“. Niemand in Berlin habe die Rettung von Hapag-Lloyd „zu einer nationalen Sache“ gemacht.

Die Kritik mutet seltsam an. Ausgerechnet ein Mann, dessen Familie 1969 aus Angst vor der damaligen sozialliberalen Koalition Deutschland den Rücken kehrte und die Regierung stets für den Ausbau der Deutschen Bahn zum Logistikriesen geißelte, vermisst die Unterstützung der Politik?

Beim näheren Hinsehen jedoch wirkt die Enttäuschung Kühnes, wenn nicht gerechtfertigt, so doch verständlich. Mit der indirekten Verbindung der Spedition Kühne + Nagel, deren Mehrheitsaktionär Kühne ist, zu Hapag-Lloyd entsteht ein neuer Logistik-Gigant in Deutschland. Und das liegt eigentlich im Interesse der Politik, die Logistik als Jobmotor entdeckt hat.

Dass Kühne dieses Anliegen unterstützt, legt eine Studie des Logistikprofessors Frank Straube von der TU Berlin nahe. Dessen Zuversicht speist sich aus dem Umstand, dass Kühne + Nagel mit der Verbindung zur fünftgrößten Reederei der Welt zum Kreis der Konzerne stößt, die in der Branche als „Lead Logistics Provider“ gehandelt werden, also als logistische General-anbieter. Von ihnen gibt es in Deutschland zwei: Deutsche Post und Deutsche Bahn.

Beide bieten nicht nur komplette Lieferketten von Abholung über Lagerung bis Verteilung von Gütern. Sie besitzen auch Transportkapazitäten: die Bahn die Spedition Schenker sowie Güterzüge, die Post die frühere Spedition Danzas (heute DHL) sowie Flugzeuge durch ein Joint Venture mit Lufthansa. Mit Hapag-Lloyd im Rücken ist nun auch Kühne + Nagel einer von ihnen.

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Solchen Konzernen, die „als einzelner Ansprechpartner für sämtliche Logistikprozesse“ auftreten und alle Subunternehmer steuern können, gehört nach Meinung Straubes die Zukunft. Das zeigt eine Befragung weltweit agierender Konzerne wie Daimler, Siemens und Dell. Danach nutzen zurzeit elf Prozent der Firmen logistische Generalanbieter. Bis 2015 jedoch werden dreimal so viele Unternehmen auf einen einzigen Logistiker setzen.

Darauf spekuliert offenkundig auch Kühne. Sein Speditionskonzern in der Schweiz, der sich mit Post und Bahn ein Kopf-an-Kopf-Rennen um Spitzenpositionen bei Land-, See- und Luftfracht liefert, will den Bereich „Lead Logistics“ als fünftes Standbein etablieren. Durch Kühnes Einstieg bei Hapag-Lloyd, so die Prognose von Straube, werde das Unternehmen interessanter für industrielle Auftraggeber und Hapag-Lloyd „stark profitieren“.

Gewinnen könnte auch die deutsche Wirtschaft. Beispiel Hamburger Hafen: Bei der Anbindung ans Hinterland führen verstopfte Zufahrtsstraßen und Verzögerungen beim Zoll seit Jahren zu Extrakosten aller Beteiligten. Wenn Kühne sowohl als indirekter Reeder als auch als Spediteur darunter leide, werde er den Druck auf die Politik erhöhen, um die Infrastruktur zu verbessern.

Kühnes Einstieg bei Hapag-Lloyd hing bis zum Schluss am seidenen Faden. Der Touristikkonzern TUI wollte seine Schifffahrtssparte verkaufen. Es gab zwei Interessenten: die Reederei Neptune Orient Lines (NOL) aus Singapur, die durch den Erwerb die drittgrößte Container-Reederei der Welt schaffen wollte, und ein Hamburger Konsortium, eine kleine hanseatische Gesellschaft.

Die bestand neben Kühne aus der Stadt Hamburg, der Bank M.M. Warburg, der HSH Nordbank sowie den Versicherern Signal Iduna und Hansemerkur. Ihr Ziel: die Unabhängigkeit von Hapag sichern und einen Umzug der Zentrale verhindern. Die Hanseaten bekamen für 4,45 Milliarden Euro den Zuschlag und halten nun 67 Prozent an Hapag-Lloyd, TUI bleibt mit 33 Prozent beteiligt. Kühne persönlich hält über seine Holding 24 Prozent.

Offiziell sagt Kühne, die Beteiligung sei eine rein private Angelegenheit. Das muss er auch, nachdem er stets befürchtete, dass die Güterzugsparte der Deutschen Bahn unter dem Dach von Schenker andere Speditionen übervorteilen könnte. Trotzdem gilt es in der Branche als unwahrscheinlich, dass er langfristig nicht doch Einfluss geltend machen wird, um Prozesse des neuen Verbundes zu steuern und beide Unternehmen aufeinander abzustimmen.

Und das wäre auch gut so.

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