WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Lukoil-Vizepräsident Leonid Fedun im Interview "Der Staat kann alles"

Leonid Fedun, Vize-Präsident des russischen Ölriesen Lukoil, über sinkende Förderung, steigende Preise und die Rolle des Kremls in seiner Branche.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Lukoil-Vizepräsident Leonid Quelle: AP

WirtschaftsWoche: Herr Fedun, der Ölpreis liegt bei rund 88 Euro pro Barrel – und knackt Rekorde. Freuen Sie sich beim Blick auf die Kurssprünge?

Fedun: Das kann ich nicht behaupten. Der größte Teil der Gewinne geht derzeit an den Staat. Darüber hinaus sind wir uns bewusst, dass ein extrem hoher Ölpreis erstens Inflation verursacht und zweitens die Nachfrage drückt. Allerdings dürfen wir nicht vergessen, dass der Preisanstieg für die Europäer nicht so rapide war wie für die Amerikaner. Der Ölpreis hat sich in Europa binnen zwei Jahren verdoppelt, das ist ein empfindlicher Anstieg. Aber er ist nicht so heftig ausgefallen wie die Teuerung auf dem amerikanischen Markt, wo sich der Ölpreis vervierfacht hat.

Warum steigen die Preise so stark?

Zum einen werden die Preise in Dollar bestimmt. Der ist heutzutage nicht die richtige Messlatte. Wir brauchen einen Währungskorb mit Dollar, Euro und Yuan, was die Marktsituation realistischer widerspiegeln würde. Zum Zweiten gehen die Vorräte überall zurück. In den vergangenen 20 Jahren wurde keine Lagerstätte auf dem Festland gefunden. Die großen Öl- und Gasfelder, die in den Siebziger- und Anfang der Achtzigerjahre entdeckt wurden, sind erschöpft. Die wenigen zugänglichen Felder liegen im Persischen Golf, der auch nicht unerschöpflich ist. Der dritte Faktor ist die Nachfrage aus Schwellenländern. China und Indien werden in 10 bis 15 Jahren die größten Energieverbraucher sein.

Sie sagten kürzlich, auch Russland habe das Maximum der Ölförderung bereits überschritten. Ist das nur eine Drohgebärde?

Nein, der Meinung bin ich weiter. Höchstmengen von täglich knapp zehn Millionen Barrel sind Vergangenheit. Die russischen Fördermengen werden von nun an 8,5 bis 9,5 Millionen Barrel pro Tag betragen – und zwar für eine lange Zeit.

Wird der Ölpreis weiter steigen?

Wir haben zurzeit kein ausgewogenes Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage. Die Nachfrage übersteigt noch immer das Angebot. Die weltweiten Fördermengen haben sich dem oberen Limit angenähert. Sie können vielleicht noch um ein bis zwei Prozent steigen, aber die alten Ölfelder versiegen schneller als neue Lagestätten gefunden werden.

Wo wird sich der Barrelpreis einpendeln?

70 bis etwa 90 Euro halte ich für einen der Sachlage entsprechenden Preis. 100 Euro pro Barrel sind ein extrem hoher Preis. 60 bis 65 Euro ist für die Volkswirtschaften der Golfregion das absolute Minimum.

Im Lauf eines Jahres haben Sie Ihre Öllieferungen in die deutsche Raffinerie Schwedt zweimal reduziert. Wollen Sie einen höheren Preis für die Exporte nach Deutschland erzwingen?

Das Problem ist ganz einfach. Wir haben keinen direkten Zugang zu deutschen Endverbrauchern. Zwischen uns und den Ölraffinerien stehen Vermittler. Sie kaufen unser Öl und verkaufen es weiter an die Raffinerien. Wir sehen keinen Sinn darin, einen Teil unserer Gewinne an Dritte abzutreten. Zum anderen bringt der Vertrieb durch die europäische Pipeline Druschba die niedrigsten Gewinne. Viel lukrativer ist eine Verschiffung über die Seehäfen. Die Preisnachlässe, die heute noch für das in die Druschba-Pipeline eingespeiste Öl gelten, sind ein Überbleibsel aus der Zeit, als die Sowjetunion ihre Verbündeten mit billigem Öl versorgte. Das ist 20 Jahre her. Der Preis für Druschba-Öl müsste mit einem geringfügigen Nachlass gebildet werden, damit sich die Lieferung lohnt.

"Wir wollten schon immer eine Raffinerie in Deutschland kaufen"

Mit derselben Methode erpresste Gazprom von der Ukraine einen höheren Gaspreis. Seither zweifeln europäische Politiker an der Zuverlässigkeit Russlands als Energielieferant.

Ein unzuverlässiger Lieferant wären wir dann, wenn wir Verträge abschließen und nicht einhalten würden. Wir suchen es uns aber aus, wohin wir liefern. Man kann niemanden zwingen, etwas unter Marktwert zu verkaufen. Faktisch wollen die Westeuropäer, dass wir ihnen Öl billiger verkaufen. Das Gleiche gilt für Gas. Doch es herrscht Lieferknappheit, wir sind absolut nicht verpflichtet, zum Beispiel die Ukraine mit billigen Rohstoffen zu versorgen.

Anders als die Gasunternehmen sind Russlands Ölriesen nicht von Exporten nach Europa abhängig. Lukoil beherrscht die komplette Wertschöpfungskette vom Bohrloch bis zur Tankstelle. Wollen Sie weitere Raffinerien kaufen?

Es bleibt unser Ziel, in Europa zu investieren. Wir haben mehrfach versucht, Ölraffinerien in Mitteleuropa zu kaufen. Bisher ist uns das nicht gelungen, aber wir lassen nicht locker.

Planen Sie Zukäufe in Deutschland?

Wir wollten schon immer eine Raffinerie in Deutschland kaufen. Noch ist es für uns zu teuer. Wir hoffen, in den nächsten zwei bis drei Jahren eine Ölraffinerie in Mitteleuropa oder im europäischen Nordwesten zu erwerben.

Gibt es noch Spielraum für eine Erhöhung des russischen Rohölexports nach Europa?

Ich denke nicht, dass Europa mit einer Erhöhung der Liefermenge rechnen kann. Es wäre schon gut, wenn das aktuelle Niveau gehalten werden kann. Heute produziert Russland etwa 9,8 Millionen Barrel pro Tag, davon gehen sechs in den Export, einschließlich der Ölerzeugnisse. Die Volumina werden bei fünf bis sechs Millionen Barrel konstant bleiben. Tatsache ist aber, dass Europas Verbrauch jährlich um mindestens ein Prozent steigt. Westeuropa braucht sparsamere Autos und eine effizientere Nutzung von Treibstoffen.

Inhalt
  • "Der Staat kann alles"
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%