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Macht der Betriebsräte Wer sind die neben Osterloh?

Bei Volkswagen macht Betriebsratschef Bernd Osterloh selbst Chefaufseher Piëch Beine – und mischt auch mal im Tagesgeschäft kräftig mit. Die obersten Arbeitnehmervertreter der Republik sind längst zu Co-Managern mutiert.

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VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh (2.v.r.) mit Vorstandschef Martin Winterkorn (r.) sowie Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch und Ehefrau Ursula. Quelle: dpa

Düsseldorf Heute sitzen sie wieder gemeinsam auf dem Podium. Bei der Volkswagen-Hauptversammlung in Hannover spielt Firmen-Patriarch und Aufsichtsratsvorsitzender Ferdinand Piëch die Hauptrolle. Ein anderer Aufseher des Autokonzerns hält sich im Hintergrund: Bernd Osterloh. Dabei hat der Betriebsratschef bei VW sonst viel zu sagen – und mächtig Einfluss auf die Führung um Konzernchef Martin Winterkorn und Piëch.

Bestes Beispiel dafür ist die Personalie Gunnar Kilian. Der 38-Jährige war mehrere Jahre lang Osterlohs Sprecher im Betriebsratsbüro. Im vergangenen Sommer dann wechselte der gelernte Journalist die Stelle innerhalb des Volkswagen-Konzerns – und arbeitete fortan im Salzburger Büro für Piëch. In der vergangenen Woche schließlich holte Osterloh ihn zurück, Kilian wird Generalsekretär und Geschäftsführer des Betriebsrats. Gegenüber den „Wolfsburger Nachrichten“ sprach er von einer „spannenden und lehrreichen Zeit mit Herrn und Frau Piëch, für die ich sehr dankbar bin“.

Die Bande zwischen dem VW-Betriebsratschef und dem Patriarchen – sie sind eng geknüpft. Als oberster Arbeitnehmervertreter gilt Osterloh bei Volkswagen längst als inoffizielles Mitglied der Führungsebene. Die starke Stellung der Arbeitnehmerseite ist beim Autobauer historisch gewachsen und durch das VW-Gesetz manifestiert. Doch auch in anderen deutschen Konzernen haben Betriebsräte an Einfluss gewonnen. Die Außendarstellung ist von kaum noch zu trennen von der Präsenz der Vorstände. „Der Betriebsratschef ist heute häufig ein Co-Manager“, sagt der Gewerkschaftsforscher Claus Schnabel von der Universität Erlangen-Nürnberg.

Die Arbeitnehmer trauen sich auch selbst mehr zu: Zuletzt überraschten sie im Aufsichtsrat von Daimler, als sie die Vertragsverlängerung für Vorstandschef Dieter Zetsche um fünf Jahre ablehnten. Sie erzwangen schließlich einen internen Tausch von Vorstandsposten und stimmten im Gegenzug einem neuen Dreijahresvertrag zu. „Ich war (...) völlig überrascht, von den Arbeitnehmervertretern zu erfahren, dass sie eine Verlängerung um fünf Jahre infrage stellen würden“, sagte Daimler-Chefkontrolleur Manfred Bischoff nach dem Kräftemessen im Aufsichtsrat dem Handelsblatt.

Vorgeprescht sind die Arbeitnehmervertreter auch beim angeschlagenen Industriegüterkonzern Thyssen-Krupp: Im Januar forderten sie den Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen gleich bis zum Jahr 2020 – und das in einer der größten Krisen des Unternehmens.

Manchmal werden Betriebsräte auch vom Co-Manager zum Voll-Manager: Beim Energiekonzern RWE wechselte Uwe Tigges im Januar vom Posten des Konzernbetriebsratschefs auf den des Personalvorstands. Was manche als Seitenwechsel titulieren, halten andere schlicht und einfach für eine Ausweitung des Machtbereichs der Arbeitnehmerseite.


Betriebe mit Betriebsrat produktiver

Deutschland mit seiner traditionellen betrieblichen Mitbestimmung ist ein Land der Betriebsräte: Elf Millionen Beschäftigte im Jahr 2009 wurden in rund 97.000 Betrieben von Gremien vertreten. Der Organisationsgrad ist dabei relativ stabil: Nach Zahlen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) setzten sich im Jahr 2011 in der Privatwirtschaft Betriebsräte für 44 Prozent aller Arbeitnehmer im Westen (2009: 45) und 36 Prozent im Osten (2009: 38) ein.

Kein Betriebsratschef steht dabei in Deutschland mehr in der Öffentlichkeit als Bernd Osterloh. Der 56-Jährige ist Vorsitzender des Gesamt- und Konzernbetriebsrats und außerdem Mitglied im Präsidium des VW-Aufsichtsrats. Osterloh äußert sich zu vielem rund um das Wolfsburger Autoimperium und bezieht dabei auch Stellung zu Angelegenheiten, die weit über Arbeitszeiten und -belastung, Entgelt oder Bonuszahlungen hinausgehen.

Vor einigen Wochen forderte Osterloh den Vorstand auf, die langfristigen Unternehmensziele nach oben zu korrigieren. Bis 2018 will VW zehn Millionen Autos pro Jahr verkaufen. Das Ziel könnte jedoch früher erreicht werden. Osterloh denkt deshalb in neuen Dimensionen: „Wir müssen überlegen, ob 2018 noch die richtige Größe ist.“ Der Betriebsratschef treibt den Vorstand an.

Das geht hinein bis in die Modellstrategie des Konzerns. Volkswagens Billigauto werde wohl erst 2016 auf den Markt kommen, sagte Osterloh Ende Januar. Das Auto, Projektname „Budget Car“, war bisher ein Jahr früher erwartet worden. Der Vorstand habe sich bereits mehrere Prototypen eines solchen Fahrzeugs zeigen lassen, verriet zuerst der Betriebsratschef.

Dass das IG-Metall-Mitglied in der Kommunikation derart offensiv sein kann, liegt zu allererst an der Autobranche. „Die starke Stellung des Betriebsrats in der Automobilindustrie hängt auch mit der Produktionsweise zusammen“, erklärt Gewerkschaftsforscher Schnabel. Es gebe immer wieder einschneidende Änderungen, die Produktion werde anders gefahren oder müsse flexibler werden. Wenn der Betriebsrat mitbestimmen, mitdiskutieren und mitentscheiden könne, laufe die Umsetzung im Betrieb meist reibungslos. „Die Motivation und Produktivität der Mitarbeiter wird dann selbst von unpopulären Maßnahmen nicht beeinträchtigt“, sagt Schnabel.

Über die Wirkung der betrieblichen Mitbestimmung auf die Produktivität von Unternehmen herrscht in der Forschung keine Einigkeit. Der Erlanger Wirtschaftsforscher Steffen Müller jedoch stellte in einer Untersuchung 2011 fest: „Betriebe mit Betriebsrat erweisen sich als um neun Prozent produktiver.“ Eine koreanische Studie kam einmal zu einem gegenteiligen Ergebnis: In Firmen, bei denen Arbeitnehmer im Aufsichtsrat säßen, sinke die Rendite und auch der Aktienkurs entwickele sich unterproportional.

Vielleicht ist dies auch ein Grund dafür, dass weit mehr als die Hälfte der Arbeitnehmer in der Privatwirtschaft keine Vertretungsgremien haben. Selbst im Deutschen Aktienindex Dax gab es lange Unternehmen ohne Betriebsrat. Bei SAP fanden die ersten Wahlen erst im Jahr 2006 statt. Dort hatte sich neben dem Arbeitgeber aber auch die Belegschaft lange gegen einen Betriebsrat gesträubt. Besonders wenig verbreitet sind die Gremien nach IAB-Zahlen von 2011 bei Beschäftigten im Gastgewerbe (12 Prozent West/16 Prozent Ost), Baugewerbe und Handel.


Eine unheilige Allianz

Die höchsten Vertretungszahlen erreichen der Wirtschaftszweig Energie/Wasser/Abfall/Bergbau, der Finanz- und Versicherungsbereich und das verarbeitende Gewerbe – inklusive der Autoindustrie.

Nicht nur bei Volkswagen, auch bei anderen Autobauern gab und gibt es daher mächtige Betriebsratschefs. Klaus Franz , ehemals Opels oberster Arbeitnehmervertreter, wurde bundesweit bekannt, als er in der Krise des Mutterkonzerns General Motors (GM) für die Übernahme Opels durch den österreichischen Autozulieferer Magna kämpfte. Viele hielten Franz für den Chef des Autoherstellers.

Volkswagen aber ist ein spezieller Fall: Das VW-Gesetz sichert den Arbeitnehmervertretern zusätzlich besonders viel Einfluss zu. Der hohe gewerkschaftliche Organisationsgrad von mehr als 90 Prozent im VW-Konzern steigert die Macht des Betriebsrats. Selbst VW-Personalvorstand Horst Neumann war früher Mitarbeiter des IG-Metall-Vorstands – und will die Betriebsratsidee nun ins US-Werk Chattanooga exportieren.

Hinzu kommt aber auch, dass der gelernte Industriekaufmann Osterloh denkt und handelt wie ein Unternehmer und das dann auch so kommuniziert.

Zuletzt stellte sich Osterloh hinter Martin Winterkorn und gegen die Deckelung der VW-Vorstandsgehälter. „Wenn ich sehe, was Fußballer in der Bundesliga dafür bekommen, dass sie 90 Minuten gegen den Ball treten, ist Winterkorn in meinen Augen unterbezahlt“, sagte Osterloh. Für Winterkorns Millionengage legte sich der Betriebsratschefs sogar mit seinem IG-Metall-Gewerkschaftschef und VW-Aufsichtsratsvize Berthold Huber an. Am Ende kam die Begrenzung der Gehälter doch. Winterkorn erhält nun 14,5 Millionen Euro für das abgelaufene Jahr, Huber hatte sich einen Deckel bei zehn Millionen Euro vorgestellt.

„Es ist ein Tauschgeschäft“, sagt Experte Schnabel. „Der Betriebsrat hält sich mit Kritik an den Managern zurück, solange er für seine Leute viel rausholen kann – eine unheilige Allianz“, findet der Arbeitsmarktprofessor. Die Grenzen zwischen Arbeitnehmervertretern und Geschäftsführung verwischen.

In einer ähnlichen Rolle zeigt sich auch Porsche-Betriebsratschef Uwe Hück. Beim waghalsigen Volkswagen-Übernahmeversuch des Sportwagenbauers stand der Hüne hinter Porschechef Wendelin Wiedeking, den er als seinen Freund ansieht. „Der Betriebsrat muss aufpassen, dass er sich nicht zu sehr exponiert“, warnt Schnabel. Betriebsräte dürften nie vergessen, dass sie die Vertreter der Arbeitnehmerseite sind. Wenn sie die Bodenhaftung verlören, dann können sie auch abgewählt werden.

Auch die Unternehmen tun sich schwer mit der Stellung des Betriebsratsvorsitzenden. Zwischen dem Einbeziehen der Arbeitnehmervertreter in die Geschäftsentscheidungen und nicht legalem Hoffieren liegt oft ein schmaler Grat. Diverse Skandale - wie die Korruptionsaffäre bei VW um Ex-Betriebsratschef Klaus Volkert - belegen dies.

Co-Manager und zugleich vorderster Belegschaftsvertreter zu sein, ist in der Praxis für die Betroffenen hochkompliziert. Der Betriebsratschef muss einerseits die Interessen der Mitarbeiter vertreten und andererseits denken wie ein Manager. Das sei „ein extremer täglicher Spagat“, sagt Schnabel. Viele hören deshalb auf, bevor sie sich in ihrer Rolle überdehnen. „Es gibt Betriebsräte, die den Spagat nicht durchhalten – und an die Werkbank zurückkehren.“

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