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Maria Furtwängler-Burda „Ich bin eine ewig Suchende“

Maria Furtwängler-Burda ist schwer zu fassen, sie ist Ärztin, Schauspielerin und Verlegerfrau. Im Handelsblatt-Interview spricht sie über Selbstzweifel, Sehnsucht und darüber, warum sie keine Geschäftsfrau ist.

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Die Schauspielerin Maria Furtwängler. Quelle: dapd

Sie ist im besten Sinne des Wortes schwer zu fassen. Maria Furtwängler-Burda ist Ärztin, eine der bekanntesten deutschen Schauspielerinnen, Verlegerfrau und sozial engagiert. In Lifestylemagazinen wie der "Bunten", die im Verlag ihres Mannes Hubert Burda herausgebracht wird, ist sie häufig in großer Robe zu sehen.

Doch das reicht ihr nicht. In der Wirtschaft ist sie durch ihr Engagement für die Frauenquote beliebt wie gefürchtet. Zudem wird ihr gerne nachgesagt, dass sie einmal wie Liz Mohn und Friede Springer den Verlag führen wolle. Ein Ort, an dem diese vielen Maria Furtwängler-Burdas zusammenkommen, ist die Konferenz DLD Women. Sie moderiert die Veranstaltung, zu der jetzt 600 Frauen (und ein paar Männer) kamen, und die von Konzernen wie Siemens, Audi und HP unterstützt wird.

Die Themenbreite ist enorm - von Frauenquote über Digitalisierung bis Bildungspolitik. Die 45-Jährige ist mittendrin - und in der Pause auch mal kurz zu Hause, um nach ihrem Sohn zu schauen, der krank im Bett liegt. "Ach", sagt sie, "ich frage mich jedes Jahr, warum ich mir das wieder antue. Aber kaum bin ich hier, weiß ich warum: Ich will was bewegen."

Handelsblatt: Frau Dr. Furtwängler-Burda, Sie wirken, egal was Sie tun - ob schauspielern, moderieren oder an der Seite Ihres Mannes stehen - sehr selbstbewusst. Sind Sie es - oder tun Sie nur so?
Maria Furtwängler-Burda: Weder noch. Ich versuche mir nur im eigentlichen Sinn des Wortes, meiner Selbst bewusst zu sein. Im Augenblick anwesend und aufrichtig mir selbst gegenüber - und das ist gar nicht immer leicht.

Warum nicht?
Weil wir uns entweder von außen sehen und beurteilen "Sitzt das Hemd? War die Antwort schlau genug?" - oder in Gedanken über das Vergangene oder das, was kommt, festhängen. Im Hier und Jetzt sein, ist die große Kunst.

Sie spielen viele Rollen. Sie sind Ärztin, Schauspielerin, Verlegergattin, Mutter und sozial engagiert. Warum geben Sie sich nicht mit einer Rolle zufrieden?
Wieso sollte ich mit einer Rolle zufrieden sein? Ich mache ja nicht alles gleichzeitig. Die Kinder sind aus dem Haus, und als Ärztin arbeite ich nur noch, wenn ich in eines unserer Projekte für "Ärzte für die Dritte Welt" reise. Meine Leidenschaft gilt der Schauspielerei, im weiteren Sinne dem Geschichtenerzählen.

Haben Sie eine Vision?
Dieses Wort ist so überstrapaziert. Ich habe eine Sehnsucht, ja.

Welche ist das?
Ich möchte gerne Menschen berühren und zum Mitfühlen und Nachdenken anregen. Es ist sowohl als Schauspielerin möglich, Menschen emotional zu bewegen, als auch bei unserer Frauenkonferenz DLD Women. Dort kämpfe ich - was die Frauenquote angeht - für echte Bewegung in den Chefetagen.


„Ich verabscheue jede Form von Ungerechtigkeit“

Was treibt Sie da an?
Ich verabscheue jede Form von Ungerechtigkeit - insbesondere wenn es um den Umgang mit Frauen und jungen Mädchen geht. In dem Doppeltatort, den wir gerade abgedreht haben, geht es darum, wie Minderjährige aus dem Osten in die Zwangsprostitution geschleust werden, und auf unserer Konferenz schauen wir uns an, was getan werden muss, damit sich in den Führungsetagen etwas ändert. Beides kann bewegen.

Und gelingt Ihnen das? Welche Erfolge oder Eindrücke haben Sie vorzuweisen?
Mich berührt das Thema Menschenhandel und Zwangsprostitution sehr. Zusammen mit meiner Tochter und der Unterstützung der "Ärzte für die Dritte Welt" haben wir ein Projekt auf Mindanao auf den Philippinen gestartet. Ich habe schon mehr als 300.000 Euro gesammelt. So ein Betrag kann sehr helfen. Und auf unserer Frauenkonferenz hier haben Arbeitsministerin Ursula von der Leyen und ich über unsere an Demenz erkrankten Väter gesprochen - ein Schritt, um das Thema zu enttabuisieren und darüber nachzudenken, ob der Wert eines Menschen wirklich nur von seinen kognitiven Fähigkeiten abhängt.

Was können Sie selbst eigentlich nicht?
Vieles! Zum Beispiel Stricken. Das haben wir hier auf unserer Frauenkonferenz zelebriert - als trendige Guerilla-Kunstbewegung. Bei mir endet Stricken desaströs. Ich habe als Kind über Jahre an einem Schal für meine Mutter gestrickt. Drei Weihnachten und Geburtstage später habe ich entnervt aufgegeben.

Haben Sie sich schon einmal gewünscht, ein Mann zu sein?
Oh ja, als Mädchen hätte ich viel drum gegeben. Ich habe zwei große Brüder, allein dass sie im Stehen pinkeln konnten - das habe ich beneidet. Meine Mutter hat verzweifelt versucht, ihrer einzigen Tochter auch mal einen Rock anzuziehen - chancenlos! Erst spät habe ich mich damit angefreundet, eine Frau zu sein - um es heute umso mehr zu genießen. Allein das Privileg, Kinder bekommen zu können, Leben zu schenken - fantastisch.

Und beruflich? Sie haben erst Medizin studiert, dann die Schauspielerei für sich entdeckt. War das ein Kindheitswunsch? Ihre Mutter ist ja auch Schauspielerin...
Mit vier Jahren wollte ich Lastwagenfahrerin werden.

Ach...
Ich hatte eine Frau gesehen, die einen Lastwagen gelenkt hat. Sie saß hoch oben und hatte wahnsinnig kräftige Arme, mit denen sie das riesige Steuerrad festhielt. Dieses archaische Bild einer Frau voller Kraft, die lenkt und etwas bewegt - das hat mich offensichtlich schon früh angesprochen. Die Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich hat mal gesagt: "Frauen müssen sich nicht nur gegen Männer, sondern auch gegen sich selbst durchsetzen." Dafür brauchen wir Netzwerke und starke Vorbilder.

Sind Sie ein Vorbild?
Ich höre das manchmal - und das berührt mich. Ich bin aber eigentlich eine ewig Suchende, vielleicht erkennen sich da manche wieder.


„Ich gehe dahin, wo es wehtut“

Haben Sie selbst ein Vorbild?
Ich habe Lehrer. Gerade lese ich wieder Rainer Maria Rilke. Er ist ein Lehrer, wenn es um das Wahrnehmen und den Zauber der Dinge geht. Und ganz aktuell die Sängerin Alanis Morissette, mit der ich die Ehre hatte, ein Interview zu führen. Sie hat mich einiges über das Künstlersein gelehrt?

Was fasziniert Sie an der Kunst, der Schauspielerei?
Es gibt einen Satz: "Die Reise zu dir selbst ist nicht die wichtigste, sie ist die einzige." Die Schauspielerei ist ein wunderbares Transportmittel für diese Reise.

Inwiefern?
Um Menschen zu berühren, müssen Sie in Berührung mit sich selbst sein. Ich hatte früher große Probleme, meine Gefühle auszudrücken, transparent zu sein. Die Schauspielerei hat mich gezwungen, dahin zu gehen, wo es wehtut.

Wieso wehtut?
Wir haben viele Mechanismen und Haltungen gelernt, um unsere Gefühle zu verbergen. In der Schauspielerei geht man den umgekehrten Weg. Das ist schmerzhaft, man muss seine eigenen, tiefen Wunden kennenlernen, um sie dann im Schutz einer Rolle zum Ausdruck bringen zu können. Das ist irgendwie pervers, aber sehr aufregend.

Welche Rolle hat Sie besonders gefordert? An Ihre Grenzen gebracht?
Es ist eigentlich immer die letzte. Aber auch die Rolle der Ursula Heye in "Schicksalsjahre" war enorm kraftzehrend. In die Figur der Mutter von Uwe Karsten Heye, dem früheren Regierungssprecher, zu schlüpfen, die über den Krieg ihre Liebsten, ihr Zuhause, wie so viele Frauen zu dieser Zeit, verloren hatte und die Entbehrungen der Nachkriegszeit stellvertretend nachzuerleben?

Wann und wie haben Sie gemerkt, dass Sie mehr können als andere?
Als Teenager wusste ich schon, dass ich schlauer bin und lustiger sein kann als viele andere.

Zum selbstbewussten Auftreten gehört auch Zufriedenheit mit dem eigenen Äußeren. Finden Sie sich schön?
Ich hatte lange ein sehr distanziertes Verhältnis zu meinem Äußeren. Die Erkenntnis, dass ich nicht hässlich bin, hatte ich erst Anfang, Mitte 20. Bei uns Furtwänglers war immer wichtig, wer ist der beste Skifahrer, und nicht, wer ist der Schönste. Die Mütze saß da gerne schief auf dem Kopf, und die Handschuhe waren verschieden. Und mein Aussehen ist auch heute nichts, auf das ich mich berufen oder verlassen würde.


„Ich bin neugierig, was mir das Leben so bietet“

Was für eine Frau sind Sie?
Selbstbestimmt und unabhängig, aber kein Alphatierchen. Ich muss nicht immer führen oder vorweggehen, ich diene und empfange auch gerne, aber ich entscheide was, wann und wie. Ich bin einfach neugierig, was mir das Leben so bietet und erlaubt und ergreife dann die Chancen, die sich mir bieten.

Was wollen Sie noch werden? Wollen Sie Ihren Mann als Verlegerin beerben?
Nein. Ich fühle mich dem Verlag zwar sehr verbunden, aber ich sehe mich nicht in der Tradition von Friede Springer oder Liz Mohn. Ich bin eine Künstlerin und keine Geschäftsfrau. Mein Mann ist eigentlich auch nicht der klassische Manager, er kommt eher vom Geschichtenerzählen, ist eher der Journaille zugewandt als dem Controlling, eher dem Künstlertum als dem reinen Geschäft. Wir haben also gewissermaßen die gleiche DNA - und das verbindet uns.

Sind Sie, Ihr Mann und Sie, auch im Berufsleben ein Team?
Nein, wir stehen für zwei Einzelkarrieren. Das hängt aber auch mit unserem Altersunterschied zusammen. Ich habe mich die ersten Jahre unserer Ehe sehr stark um die Kinder und unsere Familie gekümmert, er um den Verlag. Unsere Karrieren sind also asynchron verlaufen. Inzwischen studieren unsere Kinder Elisabeth und Jacob und ich kann meine eigene Karriere vorantreiben. Und ich muss Ihnen sagen, ich habe heute richtig Heißhunger auf meinen Beruf.

Auf welche Herausforderungen freuen Sie sich besonders?
Ich möchte Leni Riefenstahl spielen.

Warum? Was reizt Sie so an dieser Rolle?
Die Zerrissenheit dieser Frau reizt mich. Sie war eine starke Frau, eine große Künstlerin und hat sich dann als weiblicher Dr. Faust auf einen Pakt mit dem Teufel, mit Adolf Hitler, eingelassen. Was kann Kunst, was darf Kunst? Das anhand dieser Figur zu untersuchen, ihre Beweggründe zu erforschen, das könnte sehr spannend sein. Fehler zu machen, seinem Ehrgeiz zu erliegen, ist sicher menschlich, sich damit aber nicht kritisch auseinanderzusetzen, ist etwas anderes.

Frau Furtwängler-Burda, ich danke Ihnen für das Gespräch.

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