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Marseille Kliniken Der Rückzug des weißen Hais

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Aktien-Info Marseille Kliniken Quelle: Unternehmensangaben, Thomson Reuters

Silke Stegemann, Analystin von UniCredit Research, äußerte schon im Dezember Bedenken zur Finanzlage. Es bestehe das Risiko, dass der Unternehmensausblick zu ambitioniert sei und das geplante Restrukturierungsprogramm 2011 nicht seine vollen Effekte zeigen werde.

Denn das Geschäft der Marseille Kliniken läuft nicht optimal. Der aktuelle Bericht zum 3. Quartal des Geschäftsjahres 2010/11 weist mit 141,6 Millionen Euro einen Konzernumsatz unter Vorjahresniveau aus, das Konzernergebnis wird mit 0,0 Euro angegeben. Schon zum Geschäftsjahr 2008/09 hatte der damalige Vorstandschef Axel Hölzer die Aktionäre auf schwierige Zeiten eingestellt: „Wir müssen einräumen, dass das ausgewiesene Ergebnis schlecht ist.“ Die Krux: Das Unternehmen profitiert seit Jahren von hohen außerordentlichen Erträgen wie dem Verkauf der Reha-Sparte oder von Pflegeimmobilien, sogenannten Sale-and-Lease-Back-Geschäfte. Sondereffekte und außerplanmäßige Abschreibungen finden sich in der Bilanz zuhauf. Aktionären und Analysten sind solche Transaktionen suspekt, weil sie befürchten, das Unternehmen könnte sich auf Dauer nur so über Wasser halten.

Dabei müsste es um das Unternehmen besser bestellt sein. Kaum einer Branche attestieren Analysten solch sicheres Wachstum wie der Pflege, die Deutschen werden immer älter, die geburtenstarken Jahrgänge aus den Sechzigerjahren sichern die Nachfrage auf Jahrzehnte. Marseille erkannte diese Chancen früh. Selbst Kritiker attestieren ihm Instinkt fürs Geschäft, charakterisieren ihn als leidenschaftlichen Überzeugungstäter, der ins eigene Risiko geht. Die Familie Marseille hält rund 60 Prozent der Aktien, der Rest ist Streubesitz. Er ist offen für innovative Ideen und setzte früh auf betreutes Wohnen zu machbaren Preisen.

Handverlesene Kontrolleure

Doch der Heißsporn – intern „der weiße Hai“ genannt – steht sich selbst im Weg. „Er akzeptiert keinen Widerspruch von Leuten unterhalb seiner Augenhöhe“, beschreibt ein Mitarbeiter das raue Klima in der Hamburger Zentrale.

Auf die Aufsichtsräte konnten die Aktionäre bisher nicht zählen, wenn es darum ging, Marseille zu bremsen. Als Oberkontrolleur fungiert der in der Telekommunikationsbranche erfahrene Uwe Bergheim. Als Stellvertreter dient der ehemalige „Bild“-Chefredakteur und PR-Berater Hans-Hermann Tiedje, Marseille sitzt als stellvertretender Aufsichtsratschef in Tiedjes Firma. Expertise auch in Sale-and-Lease-Back-Geschäften bietet der Kaufmann ohne Fortune Thomas Middelhoff. Ihnen zur Seite sitzen die Rechtsanwältin und Ehefrau Estella-Maria Marseille und der Gesellschafter einer Firmengruppe für Reiseveranstaltungen und Bustouristik, Matthias Kampmann. Medizinischen Sachverstand im Klinikkonzern vertritt Matthias Schönermark, Professor für Medizinmanagement.

Marseilles freie Aktionäre fühlen sich oft nicht ernst genommen. Zuletzt auf der Hauptversammlung (HV) im Januar 2011 im Hamburger Hotel Radisson Blu. Die dauerte bis in die Nacht und war ein Schlagabtausch bis unter die Gürtellinie. Zudem schlug der Aufsichtsrat den Aktionären vor, den Akut-Kliniken-Vorstand Peter-Paul Gardosch von Krosigk, der bereits das Haus verlassen hatte, sowie den bis März 2010 amtierenden Vorstandsvorsitzenden Axel Hölzer nicht zu entlasten.

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