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Medien Krimi in Belgrad: Das Serbien-Abenteuer der WAZ-Gruppe

Die WAZ-Mediengruppe fühlt sich in Serbien von Politikern übervorteilt – ein negatives Schlaglicht für den Balkanstaat.

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Die Aussenaufnahme zeigt die Quelle: AP

Anfang Juli verlängern die Besitzer der Boulevardzeitung „Vecernje Novosti“ (zu Deutsch: Abendnachrichten) um vier Jahre den Vertrag des Chefredakteurs, der gleichzeitig auch Verlagsdirektor ist. Das Blatt gehört zu den wenigen profitablen Printmedien im kleinen und wirtschaftlich immer noch rückständigen Serbien. Trotzdem würde so eine Nachricht normalerweise nicht einmal die wenigen Belgrader Medienexperten sonderlich beschäftigen.

Rund um das Boulevardblatt ist aber nichts mehr normal, seit vor anderthalb Jahren die Essener WAZ-Mediengruppe ihr Interesse am Kauf der Zeitung angemeldet hat. Seitdem läuft ein Wirtschaftskrimi mit skurrilen Zügen, der die deutsch-serbischen Wirtschaftsbeziehungen bedroht und ein merkwürdiges Licht auf die Zustände in Serbien wirft.

Die WAZ-Gruppe – das ist aus serbischer Sicht vor allem der Geschäftsführer Bodo Hombach. Er war unter Bundeskanzler Gerhard Schröder 1998 bis 1999 Chef des Kanzleramts und nach dem Kosovo-Krieg drei Jahre Koordinator des Stabilitätspakts der EU für die Balkanländer, bevor ihn 2002 der deutsche Medienkonzern zum Geschäftsführer bestellte. Als Medienmanager hat Hombach dafür gesorgt, dass seine Verlagsgruppe derzeit zu den führenden Medienkonzernen in sieben südosteuropäischen Ländern gehört. Das Engagement ist politisch diffizil, denn Zeitungen sind aus Sicht von Politikern und öffentlicher Meinung ein delikates Gut. „Wir haben unseren Redaktionen nirgendwo politische Vorgaben gemacht“, betont Hombach.

Vorgänge sind enttäuschend

Das wäre in Serbien auch schwierig gewesen. Säule des WAZ-Engagements im Land ist das 2000 nach dem Sturz des Diktators Slobodan Milosevic privatisierte Netz von Zeitungskiosken. Daneben sind die Essener an einer Regionalzeitung in Novi Sad beteiligt und zu 50 Prozent an „Politika“, dem Flaggschiff des seriösen Belgrader Journalismus. Die anderen 50 Prozent an der Tageszeitung hält der serbische Staat.

Staatspräsident Boris Tadic und Wirtschaftsminister Mladjan Dinkic galten bislang als Unterstützer ausländischer Investoren, gerade auch der deutschen. Umso enttäuschender sind die Vorgänge für Hombach und seine Mitstreiter rund um die „Vecernje Novosti“ (VN): Anfang 2009 wurde ihnen eröffnet, ohne die Genehmigung des serbischen Kartellamts sei eine Übernahme ausgeschlossen. Eine Entscheidung des Kartellamts aber erfolgte nie, auch nicht auf einen zweiten WAZ-Antrag im Januar dieses Jahres. Inzwischen war Hombach eröffnet worden, ein unmittelbarer Verkauf staatlicher VN-Anteile an Ausländer sei ausgeschlossen: Die WAZ solle sich einen serbischen Mittelsmann suchen, der in ihrem Auftrag Anteile kaufen und dann irgendwann nach Essen weiterverkaufen sollte.

Wer das sein sollte, wurde den Deutschen zumindest sehr nahe gelegt: Milan Beko, angeblich einer der reichsten Männer in Serbien, zu Geld gekommen in der chaotischen Schlussphase des mit einem Handelsboykott überzogenen Milosevic-Regimes. Die Verträge der WAZ mit Beko verpflichten beide Seiten zum Stillschweigen über alle möglichen Details bis zu den Namen der Beteiligten. Hombach hält sich daran und spricht nur von dem „Oligarchen“. Kein Lobeswort.

Es gibt viele Gerüchte – aber eines steht fest: Drei Unternehmen mit Fantasienamen übernahmen vor ein paar Monaten zusammen 64 Prozent des VN-Verlages. Alle wurden anfangs von Beko kontrolliert, in allen steckte nach kaum bezweifelbarer Darstellung der WAZ-Gruppe das Geld der Essener. Weil Beko keinerlei Anstalten machte, vereinbarungsgemäß seine treuhänderischen Funktionen nach erfolgtem Kauf zu beenden, sahen Hombach und Kollegen ein millionenschweres Investment bedroht, wandten sich an ihre vermeintlichen Freunde in der Belgrader Regierung und erhielten eine unerwartete Abfuhr. Gleichzeitig erschienen in serbischen Medien – einschließlich VN selbst – Attacken gegen Hombach, den angeblichen „Agenten der Nato“ im Kosovo-Krieg von 1999. In dem bislang ruhig und erfolgreich wirtschaftenden Novisader Regionalblatt des WAZ-Konzerns zettelten Miteigentümer und Gewerkschaften Streit mit dem deutschen Investor an. Der aus Essener Sicht untreue Treuhänder Beko erhielt Rückendeckung aus Belgrader Ministerbüros.

Die serbische Zeitung Quelle: dpa/dpaweb

„Für die WAZ ist kein Platz in Serbien“, ließ sich Wirtschaftsminister Dinkic vernehmen, „es wäre unmoralisch, wenn die irgendeine Lokalzeitung übernehmen könnten, geschweige denn das nationale Markenzeichen VN!“ Ausgerechnet Dinkic, den deutsche Expats in Belgrad als regelmäßigen Gast ihrer Meetings schätzen? Hombachs Gegenreaktion fiel radikal aus: Die WAZ-Gruppe werde sich völlig aus Serbien zurückziehen, unter solchen undurchschaubaren und feindseligen Strukturen lasse sich nicht arbeiten.

Das ist freilich nicht das Ende der skandalösen Geschichte. Die Essener erklären jetzt, sie wollten „geordnet“ das Land verlassen, das heißt ohne Aufgabe ihrer finanziellen Ansprüche. Darauf machte sich ausgerechnet VN-Chefredakteur Manojlo Vukotic zum lautstarken Sprecher der serbischen Hombach-Beschimpfer. Der Vertragsverlängerung durch die Mehrheitseigner seiner Zeitung stand das jedenfalls nicht im Wege.

Bedrohtes Investment

Die Essener Medienmanager müssen also wütend ansehen, wie ein Pseudo-Investor nicht nur das Geld aus Essen für sich behält, sondern damit auch noch für die Fortsetzung der publizistischen Anti-Hombach-Kampagne sorgt. Bodo Hombach, erfahrener Strippenzieher mit einem wahren Schatz an Kontakten in Wirtschaft, Politik und Publizistik, ist allerdings nicht der Typ des stumm leidenden Zuschauers: Die WAZ-Gruppe hat zum Beispiel Klaus Mangold mobilisiert, den Vorsitzenden des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft. In Belgrad berichten einheimische, an guten Kontakten nach Deutschland orientierte Unternehmer von Mangolds harter Kritik an den serbischen Zuständen. Aus Mangolds Worten haben sie herausgehört, es sei derzeit zumindest sehr schwierig, deutsche Investoren nach Serbien zu holen.

Wenn der VN-Skandal typisch sein sollte für das Schicksal ausländischer Investoren in Serbien, hat Mangold zweifellos recht. Glauben wollen das die meisten deutschen Investoren in dem Balkanland allerdings nicht. Nach einer Umfrage der Delegation der Deutschen Wirtschaft für Serbien unter ihren 270 Mitgliedsunternehmen, die immerhin 1,5 Milliarden Euro in dem Balkanland investiert haben, erklärten 87 Prozent, sie würden jederzeit wieder nach Serbien kommen, 35 Prozent wollten ihre Investitionen ausbauen. Das allerdings war im Februar, seitdem ist viel passiert.

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