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Medizin Hamburger Arzt testet die Grenzen des Standesrechts aus

Der Arzt Wolfgang Auffermann geht mit seiner Hamburger Firma Hanserad neue Wege. Er setzt auf das Internet - und der Fernanalyse von fast 100 Experten weltweit.

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Rebell in Weiß

Jahrelang hatte Wolfgang Auffermann brav seinen Dienst versehen: erst als Assistenzarzt, dann als Oberarzt an Kliniken im Rheinland und in Norddeutschland, zuletzt als beamteter Oberarzt am Berliner Rudolf-Virchow-Klinikum, das heute zur Charité gehört.

Oft hatte er sich geärgert über den bürokratischen Aufwand, über "die Zeit, die dem Patienten verloren ging". An die Alternative, Unternehmer zu werden, dachte er dennoch lange Jahre nicht. Zu rigide waren die Fesseln des Standesrechts.

Die Erweckung kam bei einem Forschungsaufenthalt in den USA 1990. "Da habe ich gesehen, was unternehmerisch möglich ist", sagt Auffermann, "auch und gerade für Ärzte." Der heute 54-Jährige arbeitete in San Francisco in einer Universitätsklinik. "Die wurde wie ein gutes Unternehmen geführt", erinnert er sich. Auch als Besucher in privaten Kliniken und Arztzentren erlebte er, wie Patienten als Kunden behandelt wurden, von denen das Wohl des Unternehmens abhängt, nicht als Bittsteller. Oder die Kollegialität anstelle des hierarchischen Chefarztprinzips – alles war anders als im deutschen Medizinbetrieb. Besser, wie Auffermann fand.

Damit stand für den Radiologen fest: Er wollte Arzt und Unternehmer sein. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland blieb er noch gut zwei Jahre im Klinikbetrieb und gründete 1993 mit einer Kollegin eine radiologische Praxis in Hamburg-Bergedorf – die Keimzelle seines heutigen Unternehmens Hanserad. Nach und nach holten die beiden Gründer sechs weitere Spezialisten als Partner in die Praxis, um das Angebot für die Patienten zu erweitern. "Angestellte Ärzte zu beschäftigen war damals so gut wie unmöglich", sagt Auffermann. Doch hatte der Rebell in Weiß an anderer Stelle die Schlupflöcher des Standesrechts genutzt und sich unabhängig von der Gemeinschaftspraxis nach und nach in radiologische Zentren mehrerer Kliniken in Hamburg und Umland eingekauft.

Der Hang zum Unternehmertum war dem bedächtig wirkenden Auffermann, der auch einige Semester Philosophie und Kunstgeschichte studiert hat, nicht in die Wiege gelegt worden. Beide Eltern arbeiteten als Ärzte in Duisburg, wo der begeisterte Klavierspieler seine Jugend verlebte. So bekam der junge Auffermann zwar mit, was Selbstständigkeit bedeutet und dass am Ende des Abrechnungsquartals die Einnahmen höher sein müssen als die Ausgaben. Doch fielen die wirtschaftlichen Entscheidungen der Eltern immer im Rahmen des geschützten Marktes für die Medizinerzunft mit festen Abrechnungssätzen, rigidem Werbeverbot und streng reguliertem Zugang zum Markt für junge Ärzte.

Der Sohn musste 46 Jahre alt werden, bevor er als Arzt richtiger Unternehmer sein durfte. 2004 kam der gesetzgeberische Befreiungsschlag. Nach dem neuen Gesetz waren nun medizinische Versorgungszentren möglich, in denen auch angestellte Ärzte arbeiten durften. Auch überregionale Gesellschaften waren erlaubt.

Auffermann konnte nun die Zentren an den Krankenhäusern ausbauen, Ärzte einstellen und seine Partner herauskaufen. In den vergangenen sieben Jahren gründete er fast im Jahrestakt Zentren im In- und Ausland. Heute betreibt Hanserad zehn Standorte mit mehr als 300 Mitarbeitern, darunter etwa 70 Ärzte. Der Gründer und Alleingesellschafter setzt in Hamburg, München, Sankt Petersburg oder in Dubai in diesem Jahr 35 Millionen Euro um.

Hanserad, so Auffermann, ermöglicht den Kunden den Zugang zur Fachkenntnis von fast 100 Experten weltweit. Dank Internet ist Fernanalyse von Röntgen-aufnahmen kein Problem mehr. "Kleine Radiologiepraxen haben heute oft nur zwei oder drei Fachärzte, es gibt aber über zehn Spezialgebiete."

Hinzu kämen Größenvorteile, die Einschränkung von Nachtdiensten, weil nachts Fachleute beim Partnerunternehmen RAS im kalifornischen Sacramento die Begutachtung leisteten, sowie die optimierten Prozesse eines großen Dienstleisters. Radiologischen Kleinpraxen gibt Auffermann deshalb wenig Überlebenschancen.

Auch nach den Deregulierungen der vergangenen Jahre reibt sich der Hanserad-Gründer an den Einschränkungen für Ärzte. So zum Beispiel, wenn er peinlichst darauf achten muss, stets mehr Stunden als Arzt denn als Kaufmann zu arbeiten, um nicht seine Approbation zu gefährden. Für ihn ist das bestehende Standesrecht ein Überbleibsel aus dem Mittelalter: "Es bremst die unternehmerische Initiative."

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