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Menschenrecht Wasser Der unterschätzte Rohstoff Wasser

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Künstlicher Wasserfall in Quelle: REUTERS

Denn das Problem wird sich in den nächsten Jahren dramatisch verschärfen: Im Jahr 2025 werden 8,3 Milliarden Menschen unseren Planeten bevölkern – gut 1,3 Milliarden mehr als heute. Entsprechend steigt der jährliche Trinkwasserbedarf – von heute etwa 4,4 Milliarden auf 5,2 Milliarden Kubikmeter.

Zusätzliches Problem: Die Vorräte sind höchst unterschiedlich verteilt. In Asien, wo 60 Prozent der Menschheit leben, befinden sich nur 39 Prozent der Wasserressourcen. In Südamerika mit sechs Prozent der Weltbevölkerung sind es dagegen 26 Prozent.

„Das Wasser geht in vielen Regionen schneller zu Ende als die Ölreserven“, erklärte 2008 der damalige Chef des Schweizer Nahrungsmittelkonzerns Nestlé, Peter Brabeck-Letmathe. Und forderte, das Thema Wassermangel mit der gleichen Dringlichkeit zu behandeln wie den Klimawandel.

Der Präsident der Weltwasserrats (WWC), der Franzose Loïc Fauchon, warnte deshalb zur gleichen Zeit eindringlich davor, die Entwicklung auf die leichte Schulter zu nehmen. „Gelingt es nicht, die Wasserversorgung zu sichern, wird es Fluchtbewegungen bisher nicht gekannten Ausmaßes geben.“ UN-Generalsekretär Ban Ki-moon warnte sogar vor Kriegen um das lebensnotwendige Nass. „In 46 Staaten mit 2,7 Milliarden Einwohnern könnte Wassermangel Auslöser für gewalttätige Auseinandersetzungen werden.“

15.000 Liter Wasser für ein Kilo Rindfleisch

Neben dem reinen Bedarf nach Trinkwasser erhöht die wachsende Nachfrage nach Gütern und Nahrung den Verbrauch. Für die Produktion einer einzigen Baumwollhose werden immerhin 6000 Liter Wasser benötigt, für einen Mittelklassewagen sogar 150 000 Liter. Bevor ein Kilo Hirse geerntet werden kann, sind 5000 Liter Wasser im Boden versickert. Der vermehrte Fleischverzehr belastet die Bilanz zusätzlich: Bei der Erzeugung von einem Kilo Rindfleisch gehen 15.000 Liter Wasser drauf.

Ökonomen sprechen hier von „virtuellem Wasser“, das für Anbau und Herstellung von Gütern verwendet wird. Schätzungen zufolge gelangen durch die Globalisierung der Wirtschaft jährlich 1000 Kubikkilometer Wasser (ein Kubikkilometer entspricht einer Billion Liter) in ferne Länder und Kontinente – das ist etwa 20-mal so viel, wie über den Nil ins Mittelmeer fließt.

Zu den größten Exporteuren gehören ausgerechnet einige Regionen mit der größten Wasserarmut. Ägypten und der Sudan entnehmen dem Nil und Pakistan dem Indus riesige Wassermenge für den Baumwollanbau. Weil noch zu Zeiten der Sowjetunion endlose Baumwollfelder rund um den Aralsee angelegt wurden, ist das ehemals viertgrößte Binnenmeer der Erde wegen der Bewässerung der Felder von einst 68.000 Quadratkilometer auf weniger als die Hälfte geschrumpft. Das verbliebene Wasser versalzt und wird ungenießbar. Ähnliche Schreckensszenarien gibt es zuhauf auf der Welt – nicht nur in Afrika sind die Wüsten auf dem Vormarsch. Einige Brennpunkte geben eine Ahnung vom Ausmaß der Wasserkrise.

Das Problem dabei: Weil der Mensch ohne Wasser genauso wenig leben kann wie ohne Luft, herrscht traditionell eine große Scheu, das Nass wie eine normale Ware zu handeln. Daher liegen die Wassernetze weltweit zumeist in staatlichen Händen, die Preise werden oft subventioniert.

Wasser dürfe daher nicht als ein Handelsgut wie jedes andere behandelt werden. Während einer großen Dürre in Australien forderte beispielsweise Papst Benedikt XVI das Recht jedes Menschen auf sauberes Wasser. Dieses habe „sein Fundament in der Würde der menschlichen Person“. Explizit sprach er sich dagegen aus, Wasser als reines Wirtschaftsgut zu behandeln.

Mit der UN-Resolution wird diese Position nun gestärkt. Damit dürfte es künftig für Unternehmen noch schwerer werden, im Geschäft mit dem Wasser zu agieren.  

Schwieriger Wasserhandel

Schon in der Vergangenheit formierten sich schnell Volkszorn und politischer Widerstand, wenn große Wasserkonzerne wie Veolia und Suez aus Frankreich oder die amerikanische Bechtel Group in einem anderen Land die Wasserversorgung übernehmen und die Wasserpreise angehoben werden sollen.

Selbst Länder wie Kanada und Österreich, die Wasser im Überfluss haben, schafften es vor einigen Jahren nicht, ihren Plan umzusetzen, sauberes Wasser für bare Münze in andere Länder zu verkaufen. Bürgerinitiativen verhinderten das.

Der Wissenschaftler und Buchautor Hans-Jürgen Leist wundert sich über diese Form des „Aquapatriotismus“. Für ihn ist Wasser eine Ware wie jede andere und er nennt als Beispiel die Türkei, die Israel regelmäßig per Tankschiff mit dem wertvollen Nass beliefert. „In Ländern wie Deutschland, wo Wasser kein knappes Gut ist, sprechen höchstens die Transportkosten gegen den Handel“, glaubt Leist.

Doch auch aus solchen ökonomischen Überlegungen scheitert der Handel mit Wasser oft. Peter Scherer, der ehemalige Vorstandsvorsitzende von Gelsenwasser, erinnert sich an Überlegungen, Wasser aus dem Ruhrgebiet auf die Balearen zu exportieren. Die Pläne scheiterten aber an den hohen Kosten für die Logistik und die Aufbereitung der Ware.

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