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Messen Kongressgeschäft wird für Städte wichtiger

Perfekte Organisation, sichere Städte, romantische Burgen – Deutschland hat sich zu einem der führenden Kongressländer der Welt gemausert. Warum das Kongressgeschäft für Messemacher und Stadtpolitiker immer wichtiger wird.

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ICC Berlin: Beliebtes Konkresszentrum mit dem Charme einer Marssonde Quelle: ICC Berlin

Halle Größenwahn, UFO, Skandalbunker – das Internationale Congress Centrum Berlin (ICC) ist immer für eine Beschimpfung gut. Jetzt, 30 Jahre nach der Errichtung, steht sogar der Abriss zur Diskussion. Die Sanierung sei möglicherweise zu teuer, meint Berlins Wirtschaftssenator Harald Wolf. Andere halten dagegen: Eine Ikone sei das ICC, machte der Berliner Stadtentwicklungsexperte Daniel Buchholz geltend.

Aufregung hat es um das futuristische Bauwerk schon immer gegeben. Statt wie geplant umgerechnet 60 Millionen Euro kostete der Bau 1979 schließlich 380 Millionen Euro. Viel Geld für eine Stadt, die damals am Subventionstropf hing und heute noch hoch verschuldet ist. Dennoch: Bei medizinischen Großkongressen, die wegen ihrer Größe und Gewinnträchtigkeit unter den Veranstaltern besonders umkämpft sind, ist das ICC Weltmarktführer. Und Berlin, inzwischen als Kongressziel bedeutender als New York, verdankt diese Position auch dem hässlichen Betonbau zwischen Messe und Autobahnkreuz.

Es geht um große Summen: 2008 brachten Tagungs- und Kongressteilnehmer 1,5 Milliarden Euro Umsatz in die Stadt. Veranstaltungen wie der Europäische Hämatologenkongress mit fast 8000 Teilnehmern im vergangenen Frühjahr, der bevorstehende Weltaugenarztkongress mit mehr als 10.000 Delegierten oder der Kongress der Europäischen Krebsorganisation mit 12.000 Teilnehmern bescheren Berlin jeweils zweistellige Millionenumsätze.

Kongresse, Tagungen, Firmentreffen sind ein Riesengeschäft – nicht nur in Berlin, der Welthauptstadt der Kongresse. Auch Städte wie München, Frankfurt, Nürnberg oder Leipzig buhlen um die Gunst der Verbandsgewaltigen der medizinischen Gesellschaften, der Partei-, Kirchen- und Gewerkschaftsfürsten. Denn für die Städte sind Zahnärzte oder Kirchentagsbesucher noch lukrativer als Messegäste.

Umwegrentabilität ist bei Kongressen höher

Lange Zeit standen die Kongressmanager im Schatten ihrer Messekollegen. Inzwischen wissen die Stadtväter und -mütter, dass die sogenannte Umwegrentabilität, also der Nutzen, den Städte und Regionen durch die Ausgaben von Besuchern für Taxifahrer, Hotels oder in Restaurants zukommt, bei Kongressen deutlich größer als bei Messen ist.

So ergab eine Studie des Münchner ifo Instituts am Beispiel Düsseldorf, dass auf jeden Euro Messeumsatz mehr als sechs Euro für Dienstleistungen außerhalb der Messe anfallen. Bei Kongressbesuchern jedoch kommen auf jeden Euro Umsatz im Kongresszentrum fast 17 Euro an weiteren Ausgaben in Hotels, Luxusboutiquen oder Fluggesellschaften. Gewaltig ist auch der Vorsprung bei den Gesamtumsätzen: Mit insgesamt rund 22,4 Milliarden Euro geben allein die Kongressbesucher in Deutschland fast doppelt so viel aus wie Messebesucher und -aussteller zusammen.

Chirurgen sorgen für Umsatz in München

FC Bayern-Präsident Uli Hoeneß im Internationalen Congress Center München: Fußballfans und Herzchirurgen bringe jede Menge Geld in die Bayernmetropole Quelle: dpa

Fast 500 Euro lassen sich die Teilnehmer jeden Kongresstag einer internationalen Veranstaltung kosten. Kein Wunder, dass in den Rathäusern Jubel ausbricht, wenn die Verbandschefs eine Stadt als Konferenzort küren. „München ist nun endgültig in den Olymp der Kongressstädte aufgestiegen“, schwärmte Oberbürgermeister Christian Ude, als der Weltkardiologenverband bekannt gab, dass er – wie schon 2004 und 2008 – auch 2012 in der Bayernmetropole tagen will. Die Begeisterung ist verständlich: Die 30.000 Herzspezialisten bringen während der vier Kongresstage über 80 Millionen Euro Umsatz an die Isar. Hinzu kommt die Werbewirkung. „Viele Kongressbesucher kommen später als Touristen wieder“, sagt Lutz Vogt, Geschäftsführer des German Convention Bureau.

Deutschland hat sich in den vergangenen 30 Jahren Schritt für Schritt an die Spitze der Kongressnationen geschoben. Nur in den USA werden mehr internationale Meetings veranstaltet als in Deutschland. Dabei waren die Voraussetzungen nach Krieg und Nazizeit ungünstig. Zusätzlich litt Deutschland über Jahrzehnte an seinem Ruf als Servicewüste. Und in vielen Ländern galten die Deutschen zwar als pünktlich und genau, aber auch als grob und wenig gastfreundlich.

Das ist vorbei. „Seit der Fußballweltmeisterschaft 2006 hat sich die Wahrnehmung im Ausland endgültig gedreht“, sagt Ray Bloom. Der Brite muss es wissen. Er veranstaltet jährlich die Imex, eine Messe für Kongresse und Veranstaltungen in Frankfurt. „Effizienz und Pünktlichkeit verbunden mit der neuen deutschen Herzlichkeit, dazu noch die wunderbaren Landschaften und Städte“, sagt Bloom, „das ist schwer zu schlagen.“

Tatsächlich schneidet Deutschland bei Befragungen als Kongress- und Reiseland immer wieder hervorragend ab. Beim Country Brand Index der Kommunikations- und Markenagenturen Weber Shandwick und FutureBrand erreicht Deutschland den ersten Platz für unkompliziertes Reisen und Rang zwei in der Kategorie Sicherheit.

Grafik: Die wichtigsten Kongressstädte weltweit (Klicken Sie auf die Grafik für eine erweiterte Ansicht)

Als bevorzugte Tagungsdestination rangiert Deutschland in Europa mit großem Abstand an erster Stelle – so die Ergebnisse des jüngsten Meeting- und Eventbarometers europäischer und deutscher Kongressverbände. Rund 37 Prozent der Befragten gaben Deutschland den Vorzug, die Zweitplatzierung ging mit zwölf Prozent an Spanien.

„Infrastruktur, Sicherheit, ein gutes Hotelangebot und eine große Auswahl an Top-Kongresszentren“ seien die Gründe, warum sich beispielsweise die Europäische Gesellschaft für Kardiologie (ESC) für Städte wie München oder Berlin entscheide, sagt ESC-Kongressmanager Ben Hainsworth. Tatsächlich finden sich zwischen Saarbrücken und Görlitz mehr als 6000 Tagungsstätten. Die größten Hallen wie der Hauptsaal des Berliner ICCs können über 5000 Personen aufnehmen, die kleinsten immerhin 100.

So gut wie unschlagbar ist der Kongressstandort Deutschland auch bei den Übernachtungspreisen. Kostet eine Nacht in einem Drei-Sterne-Hotel in München oder Berlin nach Berechnungen des Nürnberger Reservierungsservice Hotel.de zwischen 79 und 89 Euro, zahlen Gäste in Moskau oder New York mit 158 und 168 Euro fast doppelt so viel.

Auch bei Dienstleistungen hat Deutschland aufgeholt

Servicewüste Deutschland, das war einmal. „Wo immer es um standardisierte Dienstleistungen, also um Organisation, geht, waren die Deutschen schon immer gut – daher stammt ja auch die Führungsposition als Standort für Messen“, sagt Norbert Stoeck, Messe- und Eventexperte der Unternehmungsberatung Roland Berger. „Doch in den vergangenen zehn Jahren haben sie bei den Dienstleistungen insgesamt aufgeholt.“

Jetzt entdecken auch Deutschlands Messefürsten, dass die Kongresse mehr sind als nur ein interessantes Zusatzgeschäft. Bisher machen Kongresse meist deutlich weniger als zehn Prozent des Gesamtumsatzes der Messen aus. Doch nun wollen die Messemacher ein größeres Stück vom Kongresskuchen. Bei Messegesellschaften wie Leipzig oder Berlin macht das Kongressgeschäft bereits deutlich mehr als ein Zehntel aus.

Messen verschmelzen zu Kongressen

Grafik: Anzahl der Kongressteilnehmer weltweit (Klicken Sie auf die Grafik für eine erweiterte Ansicht)

Der Trend geht ohnehin zur Verschmelzung von Messe in Kongress. „In den USA entstanden die Messen oft aus Lobbyschauen am Rande der Kongresse“, sagt Nürnbergs Messechef Bernd Diederichs, „in Europa ist das umgekehrt: Zunehmend entstehen wichtige Kongresse aus Nebenveranstaltungen von Messen.“ Die großen Kongresszentren wie das CCD in Düsseldorf, das ICM in München, das Congress-Centrum Koelnmesse oder das Congress Center in Frankfurt sind ohnehin räumlich und organisatorisch Teil der jeweiligen Messeplätze. Vorteil für die Kongressmacher: Bei der Teilnehmerzahl gibt es kaum Grenzen, denn moderne Messehallen können schnell zu Kongresssälen umgebaut werden.

Wermutstropfen: Die Margen im Kongressgeschäft liegen für die Messegesellschaften deutlich unter denen der selbst veranstalteten Messen, weil sie sich die Erträge mit den Kongressveranstaltern teilen müssen. Das stört die Eigentümer der Messe- und Kongresszentren, in der Regel Städte und Bundesländer, aber wenig: „Die Umwegrentabilität ist entscheidend“, sagt Messeexperte Stoeck, „Stadt- und Regionalpolitiker sehen Messen wie Kongresse in erster Linie als Wirtschaftsförderung für die Stadt.“

Nicht immer geht die Rechnung auf. Oft sprengen die Baukosten wie seinerzeit in Berlin alle Budgets. Oder die Stadt bleibt auf Risiken in dreistelliger Millionenhöhe sitzen wie beim aktuellen Bonner Krimi um den Neubau des Kongresszentrums. Windige Investoren hatten die Stadtverwaltung herein- und eine fulminante Pleite hingelegt. Ob die Bonner von ihrem Kongresszentrum je profitieren, steht in den Sternen.

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