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Michael Schäfer Vincent d’Indy – Werke für Klavier

Denken wir uns französische Musik des 19. und 20. Jahrhunderts, so fallen uns, postmoderne Synästheten die wir sind, klangliche Monet-Bilder ein, impressionistische Flächenmalereien, grenzenlose Farbspiele, pastellene Triumphe der Empfindsamkeit über die Form: Debussy vor allem, natürlich Ravel, Satie, vielleicht auch noch Saint-Saens und Fauré.

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Das Klischee hat dabei oft denkbar wenig mit der Realität zu tun: Saint-Saens kann wie Johannes Brahms klingen, Satie wie ein Ahne von John Cage, Debussy in seiner Farbgebung wie ein Freund von Arnold Schönberg. Französische Musik ist also (auch dies ist ein Klischee:) viel, viel mehr als nur die Vorstellung, die wir uns gemeinhin von ihr machen.

Grund genug, ihr ein bisschen intensiver hinterher zu lauschen - und uns dabei auch mit weiteren, nicht ganz so bekannten Komponisten vertraut zu machen. Mit Vincent d’Indy (1851 – 1931) zum Beispiel, der 1876 zu den Bayreuther Festspielen pilgerte – und den Grünen Hügel als Wagnerianer verließ. Aber was heißt schon Wagnerianer, wenn man zwar – als Schüler Cesar Francks - meisterlich mit Harmonien umzugehen und sich entlang eines ausgeprägt traditionellen Formbewusstseins als Antipode Debussys versteht, aber doch so viele Eindrücke, Landschaften, Gefühle direkt und unvermittelt bannt wie eher ein assoziativ fühlender, kaum logisch denkender Mensch?

Wie das alles zusammen geht, darüber klärt uns Michael Schäfer mit seinen beiden Einspielungen der Klaviermusik d’Indys auf, die noch immer im Schatten seiner sinfonischen Werke steht – sehr zu Unrecht, wie man spätestens nach dem „Poème des Montagnes" (1881) weiß, einer dreiteiligen Suite mit einer herrlich klaren Einleitung, einem unverkennbaren Carl-Maria-von-Weber-Zitat und einem leicht identifizierbaren „idee fixe", die, in summa, beim Hörer allerlei Assoziationen der angenehmsten Art heraufbeschwören – gerade so als werde man mitgenommen auf einen Sommer-Sonnen-Spaziergang durch eine Gebirgslandschaft bei ausgezeichneter Fernsicht. Noch deutlicher treten die kaum sublimierten Naturzitate im „Tableaux de voyage" (1888) hervor, eine musikalisch höchst abwechslungsreichen Reise durch die Alpen.

Ganz anders die dreiviertelstündige Klaviersonate (1907), in der d’Indy höchst ehrgeizig an Beethoven und Schubert anknüpft, den vielschichtigen Kopfsatz wuchtig mit vier Fanfaren einleitet, den ruhig fließenden, am Ende sich dramatisch steigernden Schlussatz mit reichlich Arpeggien verziert - sowie das thematisch streng gearbeitete Thème varié, fugue et chanson (1925) und die Fantaisie sur un vieil air de ronde française (1931), d'Indys letzzte Klavierkomposition und eine in ihren reichen Formzitaten fast schon formlos wirkende Petitesse der delikatesten Art.

Michael Schäfer erweist sich als skrupulöser Anwalt der Klaviermusik d’Indys. Er spielt analytisch klar und scheut doch nicht den energischen Zugriff; er lässt der Musik ihren Lauf, zieht nur gelegentlich die Zügel an – und zwar immer rechtzeitig dann, wenn sie sich ein wenig zu erschöpfen droht. Kurzum: wundervolle Musik, passgenau offeriert. Man hört d’Indy – und wird sein Fan.

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