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Milliardenangebot für Arriva Bahn will in Europa expandieren

Die Deutsche Bahn steht Medienberichten zufolge vor dem Kauf des britischen Konkurrenten Arriva. Der Deal soll noch von Hartmut Mehdorn eingefädelt worden soll. Arriva konnte kein konkretes Angebot bestätigen, sprach allerdings von entsprechenden Anzeichen.

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Warten künftig auch britische Pendler auf die Deutsche Bahn? Medienberichten zufolge ist das Unternehmen am Konkurrenten von der Insel interessiert. Quelle: ap

DÜSSELDORF/BERLIN. Nur eine Woche vor der Bilanzpressekonferenz am nächsten Donnerstag vollzieht die Deutsche Bahn einen Strategiewechsel: Konzernchef Rüdiger Grube verkündete heute, die Übernahme des britischen Nahverkehrskonzerns Arriva zu sondieren, und verabschiedet sich damit von seinem bisherigen Konsolidierungskurs. Stattdessen verfolgt der seit Mai 2009 amtierende Manager eine milliardenschwere Expansion und verschiebt damit den bisher als vordringlich dargestellten Schuldenabbau. Nach Branchenschätzungen müsste Grube für den Zukauf mindestens zwei Mrd. Euro in die Hand nehmen.

Mit der Übernahme Arrivas will die Bahn ihre in den vergangenen Jahren aufgebaute Vormachtstellung im europäischen Nahverkehr ausbauen. Grube kann sich dabei der Unterstützung von Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) sicher sein, wie es in Branchenkreisen heißt. Das Bundesverkehrsministerium wollte sich dazu auf Anfrage nicht äußern. Die Konzerntochter DB Regio ist bereits im Nahverkehr in Großbritannien und Schweden in bescheidenem Umfang bei Ausschreibungen erfolgreich. Doch der Erwerb von Arriva könnte die Spitzenposition im Wettbewerb auf Jahre zementieren.

Arriva ist in Deutschland sehr aktiv

Auslöser für das plötzliche Interesse an den Briten war, dass diese in den vergangenen Wochen Übernahmeverhandlungen mit der französischen Staatsbahn SNCF geführt hatten. Diese Verhandlungen waren nach Angaben aus Londoner Finanzkreisen vor zwei Wochen ergebnislos abgebrochen worden. Daraufhin seien die Deutschen ins Rennen gegangen. Ihnen sei offenbar endlich aufgegangen, dass die Franzosen dabei gewesen seien, ihnen die Spitzenposition abzunehmen, sagte ein Unternehmensberater.

Französische Bahngesellschaften wie Véolia und die SNCF-Beteiligung Keolis sind bereits neben Arriva wichtige Anbieter im deutschen Nahverkehrsmarkt. So gehören der deutschen Arriva bereits die Regentalbahn, die Vogtlandbahn und die Osthannoverschen Eisenbahnen zu hundert Prozent. Zudem taucht der britische Konzern in Ostdeutschland als Partner der Hamburger-Hochbahn-Tochter Benex auf.

Noch ist allerdings völlig unklar, ob die Deutsche Bahn bei Arriva zum Zuge kommt. Man habe sich wegen eines Übernahmeangebots an die Briten gewandt, teilte die Bahn mit. Offen sei noch, ob es tatsächlich zu einem Gebot komme. In der gegenwärtigen Situation, so ein Banker, könne es geschehen, dass die Verhandlungen nach drei, vier Tagen konkreter würden. Genauso sei aber denkbar, dass die Bahn und Arriva dann wieder auseinander gingen. Fachleute weisen außerdem darauf hin, dass das Kartellamt zumindest in Deutschland Probleme wegen der starken Präsenz von Arriva sehen könnte.

Der börsennotierte britische Konzern erwirtschaftete 2008 mit 44 000 Mitarbeitern rund 3,8 Mrd. Euro Umsatz und erzielte ein Ergebnis (Ebita) von knapp 136 Mio. Euro. Arriva fing mit öffentlichen Busdiensten an und betreibt bereits seit 1999 auch Schienennahverkehr in diversen europäischen Ländern.

Vor allem der Heimatmarkt Großbritannien gilt aus der Sicht potenzieller Erwerber als lukrativ: Die im europäischen Vergleich hohen Fahrpreise sorgen dafür, dass "man im Vereinigten Königreich sehr interessante Renditen im Nahverkehr erzielen kann", sagt Maria Leenen, Bahn-Expertin und Geschäftsführerin der Unternehmensberatung SCI Verkehr.

Im Nah- und im Stadtverkehr auf Schienen erwartet SCI Verkehr in einer neuen Studie "Markt- und Unternehmensanalyse des öffentlichen Personenverkehrs" eine jetzt erst beginnende, mindestens das Jahrzehnt dauernde Konsolidierung des Marktes. Das habe mit dem Zusammenschluss der französischen Unternehmen Véolia und Transdev begonnen und bekomme nun durch die Sondierungsgespräche um Arriva eine völlig neue Dimension, sagte Leenen.

Die Deutsche Bahn betreibt in Großbritannien bereits die Chiltern Railways, ein Nahverkehrsunternehmen, das Pendlerverkehre zwischen London und Birmingham betreibt. Sie bietet zudem Zugverbindungen zwischen London und Wales sowie S-Bahn-ähnliche Angebote im Norden der britischen Metropole an. Ab 1. April übernehmen die Deutschen zudem in Newcastle für sieben Jahre den Nahverkehr mit Metrozügen. Auch im Güterverkehr ist der bundeseigene Konzern als Betreiber der größten britischen Güterbahn präsent.

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