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Deutsche Firmen mitverantwortlich für Tote in Bangladesh

Für einen Unternehmer ist es unwürdig, aus einem armen Entwicklungsland das Maximum herauszupressen, um hier möglichst billig zu verkaufen. Deshalb müssen alle Missstände ans Licht.

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Die mehr als 1.200 Toten in der Textilfabrik in Bangladesh, die vor kurzem wegen schwerer Baumängel zusammenbrach, geht uns alle an - vor allem aber die deutschen Unternehmen. Ein armes Land wie Bangladesh kann gar nicht frei entscheiden, was und wie es produziert. Sie haben kein Geld und keine Arbeitsplätze. Deswegen können sie nur das machen, was ihre Kunden wollen. Natürlich würden sie sicher gerne Qualität zu höheren Preisen und damit auch mit höheren Löhnen und besseren Arbeitsbedingungen produzieren. Wenn die Kunden, sprich die Handelsketten hierzulande oder im Westen, aber maximal billig einkaufen wollen, was bleibt den Unternehmen dort dann anderes, als jeden Cent herauszupressen?

Produktionsbedingungen in der Textilfabrik
Das brennende Gebäude Quelle: dapd
Bangladeschs Hauptstadt Dhaka Quelle: Probal Rashid für WirtschaftsWoche
Slum von Bangladeschs Hauptstadt Dhaka Quelle: Probal Rashid für WirtschaftsWoche
Frauen in Bangladesch Quelle: Probal Rashid für WirtschaftsWoche
Männer verladen Altpapier Quelle: Probal Rashid für WirtschaftsWoche
Näherinnen in einer Fabrik Quelle: Probal Rashid für WirtschaftsWoche
Frauen in einer Fabrik mit vergitterten Fenstern Quelle: Probal Rashid für WirtschaftsWoche

Das Übel liegt allerdings tiefer. Wenn Unternehmen in Deutschland über Jahre hinweg nur nach einem getrachtet haben, nämlich Arbeitsplätze ins Ausland zu verlagern, dann haben sie dadurch den Nährboden für Vorfälle wie in Bangladesh geschaffen. Der Ansatz, immer billiger produzieren zu wollen, ist das Problem. Davon müssen wir wegkommen. Wir müssen zurück zur Verantwortung des Unternehmers für die Löhne und gute Arbeitsbedingungen. Das ist mein Credo.

Dass es erst 1.200 und mehr Tote geben musste, damit sich  deutsche und internationale Händler jetzt einem Abkommen der Organisation Saubere Kleidung für bessere Arbeitsbedingungen und mehr Kontrollen unterwarfen, ist Ausdruck ihrer bisherigen unglaublichen Verantwortungslosigkeit: auf Biegen und Brechen die Produzenten zu Niedrigstpreisen zu pressen. Damit nutzen Sie die Notlage der Leute und eines ganzen Landes aus. Das führt dazu, dass es zu solchen Missständen kommt. Da kann man nur begrüßen, dass es Organisationen und Medien gibt, die das aufdecken. Wir müssen aber aufpassen, dass es am Schluss nicht nur eine Scheinheiligkeit der internationalen Händler ist, die sich mit dieser Zertifikation reinwaschen wollen, ihre eingeschalteten Subunternehmer aber weiterhin agieren wie bisher und die eventuell höheren Einnahmen in die falschen Hände fließt.

Wege zum sauberen Textilimport

Wir Unternehmer müssen uns fragen, ob wir in einem Hochlohnland berechtigt sind, Geld zu verdienen, indem wir Menschen in armen Ländern in solche missliche Situationen bringen. Ich darf doch andere nicht rigoros ausnutzen, weil ich Geld verdienen will. Ich selber schwöre Zeit meines Lebens auf den Grundsatz: Wenn es mir gut gehen soll, muss es auch meinem Umfeld gut gehen.

Lückenlose Transparenz für den Verbraucher

So sauber sind unsere Modelabels
Eine Frau mit einer Zara-Tasche Quelle: REUTERS
Ein Laden von Tommy Hilfiger Quelle: AP
Platz 12: PrimarkEs ist gar nicht einfach, den H&M-Herausforderer aus Irland zu kontaktieren. Primark hat weder in Deutschland noch im Rest der Welt eine Pressestelle, an die Journalisten ihre Anfragen richten können. Erst nach einer knappen Woche melde sich eine externe PR-Agentur und beantwortet einige Fragen zu Recherchen der WirtschaftsWoche: Dass eine Primark-Bestellung bei einem Zulieferer landete, der westlichen Standards nicht entspricht, sei ein Einzelfall gewesen. Ein lizenzierter Lieferant habe die Order ohne Kenntnis und Einverständnis der Iren an diese Fabrik ausgelagert. Was eigentlich gar nicht passieren darf, denn über seine Homepage verpflichtet nagelt sich der irische Discounter auf „ethischen Handel“ und höchste Sozialstandards bei Lieferanten fest. Dies wird allerdings nicht nur durch die Recherchen der WirtschaftsWoche konterkariert – zumal der Hersteller insgesamt bei Details merkwürdig mauert: Primark will weder die Zahl der Lieferanten oder die der internen Auditoren kommunizieren, noch die wichtigsten Lieferländer und den Anteil der Direktimporte nennen. Transparenz -Kontrolle -Verantwortung - Quelle: Screenshot
Ein New Yorker-Store in Braunschweig Quelle: Screenshot
Menschen vor einer Ernsting's Filiale Quelle: Presse
Das Logo der Modekette Tom Tailor Quelle: dapd
Eine Verkäuferin reicht in einem Esprit-Store in Düsseldorf eine gepackte Einkaufstasche über die Kasse Quelle: dpa

Billiganbieter wie Kik, der auch Kleidungsstücke aus der eingestürzten Fabrik in Bangladesh bezog, hätte es während des Wirtschaftswunders in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg nicht gegeben. Dass solche Händler überhaupt eine Chance auf dem deutschen Markt haben, ist die Schuld jener Unternehmen, die durch Jobverlagerungen Millionen von Arbeitslosen geschaffen haben. So ist ein Heer von Menschen entstanden, die sich Textilien im heutigen mittleren Preisniveau nicht mehr leisten können. Auf diese Weise haben die Unternehmen die Basis für Billigläden wie Kik geschaffen. Wenn wir das ändern wollen, müssen wir Unternehmer mehr Arbeitsplätze mit fairer Bezahlung in Deutschland und nicht Jobs zu Dumpinglöhnen schaffen. Dann kämen wir erst gar nicht in die Lage, mit Billigstware Geld verdienen oder Billigstware kaufen zu müssen. Es ist doch interessant, dass MediaMarkt in der gegenwärtigen Phase steigender Einkommen nicht mehr mit "Geiz ist geil" wirbt, was für mich schon immer indiskutabel war.

Dass die Unternehmen, die Waren aus der eingestürzten Fabrik in Bangladesh bezogen, sich um nichts scheren, hat einen weiteren Grund. Sie müssen nicht für den Schaden haften, den sie mit ihren Preisdiktaten anrichten. Das gilt natürlich auch für die Fabrikanten in Bangladesh, die Leute unter solchen verachtungswürdigen Umständen arbeiten lassen. Wer ruinösen Wettbewerb betreibt, sollte unbedingt dafür bezahlen, wenn so etwas wie in Bangladesh passiert.

Wir brauchen lückenlose Transparenz für den Verbraucher, wo und unter welchen Bedingungen ein Bekleidungsstück hergestellt wird. Anders können wir die Unternehmen nicht zur Vernunft bringen. Die Kritik in den Medien kann da gar nicht laut genug sein. Dann können die Verbraucher am Ende ja entscheiden, welche Unternehmen sie mit ihrem Einkauf unterstützen und welche nicht. Nur so kommt die Verantwortung wieder zurück in die Unternehmen. Ich werbe ja auch nicht in gewissen privaten Fernsehsendern, deren Programm ich nicht akzeptiere.

In Arbeit
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Ich hatte vor über 40 Jahren Angst, Kapazitäten in Deutschland aufzubauen, weil ich fürchtete, das T-Shirt könnte nur eine Modeerscheinung sein. Deshalb entschied ich mich damals, 300.000 T-Shirts in Honkong fertigen zu lassen. Ich habe die Fabriken besichtigt. Es wäre für mich indiskutabel gewesen, einen Auftrag zu vergeben, wenn die Menschen wie heute über weite Strecken in Bangladesh gearbeitet hätten.

Das wäre für mich unter meiner Würde als Unternehmer gewesen. Diesen Versuch einer Auslandsproduktion habe ich aber kurzfristig wieder beendet, nachdem ich festgestellt habe, dass ich mit Arbeitsplätzen in Deutschland per Saldo mindestens genauso günstig produzieren kann.

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