WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

20 Prozent Inflation, 60 Prozent Lohnplus? So kommt ein deutsch-türkischer Unternehmer durch die Lira-Krise

Istanbul im Dezember: Die türkische Wirtschaft durchläuft schwerer Zeiten. Quelle: imago images

Die Türkei leidet unter hoher Inflation und den Lira-Kapriolen. Wie wirkt sich das aufs Geschäft aus? 60 Prozent Lohnerhöhung, sagt Unternehmer Ismet Koyun. Verschiebung hin zu Export-Dienstleistungen, sagt der Tüv Süd.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:

Man erwischt Ismet Koyun dieser Tage in Santa Barbara, Kalifornien, wo er geschäftlich unterwegs ist. Weit weg von der Türkei, dem Land, in dem er vor 61 Jahren geboren wurde. Und auch weit weg von Deutschland, wo Koyun Jahrzehnte später studierte und sein IT-Geschäft startete. Und dennoch ist der Unternehmer sehr nah dran an den wirtschaftlichen Problemen, denen die Menschen in der Türkei seit Monaten ausgesetzt sind, wie dem Lira-Werteverfall und der Inflation. Denn Koyun beschäftigt am Bosporus rund 100 Angestellte. „Die Türkei ist im Moment ein sehr schwieriger Markt“, sagt er. „Die Mieten steigen, die Preise gehen nach oben. Alle müssen sparen. Sonst wird man arm.“

Koyun kam 1978 nach Deutschland, studierte Informatik, und gründete 1986 im rheinland-pfälzischen Worms sein IT-Sicherheitsunternehmen Kobil Systems. Der Begriff Kobil setzt sich zusammen aus seinem Nachnamen und dem Wort Bilgisayar, türkisch für Computer. Auch dank der sogenannten Tan-Generatoren, die man früher fürs Onlinebanking benötigte, konnte seine Firma wachsen, auf heute rund 500 Mitarbeiter und knapp 70 Millionen Euro Umsatz. Dazu zählt auch ein Fruchtsaftkonzentrat- und Gewürze-Hersteller namens Meykon in der Nähe von Antalya. Ismet Koyun ist ein offenherziger und selbstbewusster Mensch – und im Grunde auch Optimist. Aber die Situation in seinem Geburtsland kann er nicht ausblenden. Und die ist mehr als betrüblich.

Lira verliert 70 Prozent, Inflation steigt auf 20 Prozent

Seit Jahresbeginn hat die türkische Lira zeitweise über 70 Prozent an Wert verloren gegenüber Euro und Dollar, sich kürzlich dann wieder etwas erholt. Die Inflation stieg zuletzt auf mehr als 20 Prozent. Auch wenn Präsident Erdogan vor zwei Tagen mit einem Maßnahmenpaket gegenzusteuern versuchte und die Landeswährung daraufhin prompt anstieg: Die wirtschaftliche Lage in dem 83-Millionen-Einwohner-Land bleibt kritisch. Erdogan hatte in den vergangenen Monaten unbeirrt an seiner Überzeugung festgehalten, die Zinsen weiterhin zu senken – entgegen gängiger volkswirtschaftlicher Ansichten. Die türkische Zentralbank hatte er dabei im Schwitzkasten seiner Überzeugungskunst: Notenbankmitglieder, die eine andere Sicht vertraten und etwa die Zinsen erhöhen wollten, wurden mitunter von ihm entlassen. („Erdogans monetärer Amoklauf ruiniert die Türkei“: Lesen Sie hier den Kommentar von WiWo-Chefvolkswirt Malte Fischer.)

IT-Unternehmer Ismet Koyun Quelle: Presse

Die Ratingagenturen Fitch sowie Standard & Poor's (S&P) senkten kürzlich ihre Bewertungen der Türkei als Schuldner von „stabil“ auf „negativ“, weil die wirtschaftlichen Aussichten des Landes ungewiss seien. Der monatelange Niedergang der Währung zeigt Spuren: Im August und Oktober etwa lagen die Exporte deutscher Hersteller in die Türkei jeweils um 30 Prozent unter dem Wert des Vorjahreszeitraums, teilte der Außenhandelsverband BGA mit. Die Produkte in Euro-Währung werden schlicht zu teuer für türkische Abnehmer. Betroffen vom Exporteinbruch sind vor allem Maschinen, Autos, Autoteile und chemische Produkte. Bei Software sieht das etwas anders aus – und das ist Koyuns Glück.

„Für Kobil und Meykon läuft es gut“, sagt er vorsichtig, fast entschuldigend. Seine Software werde von überall programmiert und weltweit exportiert. Er beschäftige Leute in Indien, USA, Ukraine, Frankreich, Deutschland, auch in der Türkei. „Das ist der Vorteil von Hightech.“ Und die Saftkonzentrate und Gewürze seiner Firma Meykon werden zwar im Süden der Türkei gewonnen und verarbeitet, sodann aber zu 95 Prozent exportiert. Ein Partnerunternehmen ist etwa das neue Dax-Mitglied Symrise aus Holzminden. Auf den türkischen Markt sei er nicht stark angewiesen, deshalb treffe ihn die wirtschaftliche Krise der Türkei kaum.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    60 Prozent Gehaltserhöhung: „Ich will ja meine Leute behalten“

    Allerdings sorgt Koyun sich um seine Mitarbeiter in der Türkei. In diesem Jahr hat er ihnen bereits das Gehalt um mehr als 20 Prozent erhöht. Aber das reiche nicht mehr aus, die Inflation stieg schneller. „Die Haushalte haben immer weniger Geld zur Verfügung.“ Ab Januar wird er die Gehälter darum erneut anheben, um 50 bis 60 Prozent, schätzt er. „Ich will ja meine Leute behalten.“

    Etwas anders sieht die Sache beim Tüv Süd aus. Das Prüf-Unternehmen aus München (Umsatz: 2,5 Milliarden Euro) beschäftigt in seiner türkischen Landesgesellschaft rund 130 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Zudem hält Tüv Süd eine 33-Prozent-Beteiligung am Gemeinschaftsunternehmen Tüv Türk, das Haupt- und Abgasuntersuchungen an Autos durchführt, aber auch Schaden- und Wertgutachten sowie Fahrerlaubnisprüfungen für Privat- und Geschäftskunden. Durch die anhaltende wirtschaftliche Krise im Land beobachte nun man „eine veränderte Nachfrage bezüglich unserer angebotenen Dienstleistungen“, lässt der Tüv Süd ausrichten.

    Konkret: Da es türkischen Exportunternehmen vergleichsweise gut geht, verzeichnet der Tüv Süd eine „verstärkte Nachfrage“ nach „Dienstleistungen rund um den Export“. Darunter fallen etwa sogenannte Marktzulassungsdienstleistungen. Alle Produkte, die in einem EU-Land auf den Markt kommen und unter eine EU-Richtlinie fallen, benötigen die sogenannte CE-Kennzeichnung („Conformité Européenne“). Sie regelt etwa Anforderungen an Gesundheitsschutz, Sicherheit und Umweltschutz. Bei bestimmten Produkten, die türkische Unternehmen für EU-Märkte produzieren, etwa medizintechnische Produkte, übernimmt Tüv Süd diese CE-Kennzeichnung. Und in diesem Jahr nimmt dieser Bereich mehr und mehr zu. Denn wenn das Heimatland als Abnehmer unattraktiv wird, verstärken die Hersteller, die es können, ihre Aktivitäten auf ausländische Märkte. Man merke, dass es manchen Wirtschaftszweigen im Land derzeit nicht gut geht, heißt es vom Tüv Süd, und dass die Exportbranche einen leichteren Stand hat.

    Ismet Koyuns „Super-App“ für Istanbul

    Davon hat sich Ismet Koyun erst vor wenigen Wochen selbst überzeugt, bei einem Besuch in Istanbul. Denn auch wenn die Türkei als Einzelmarkt für gewöhnlich keine große wirtschaftliche Rolle spielt für sein Unternehmen, ist ausgerechnet Istanbul Schauplatz für sein neues, großes Prestigeprojekt. Mit einer Multifunktions-App will Koyun die Metropole digitalisieren. Offiziell heißt die Anwendung „Istanbul Senin“ (türkisch für: Istanbul gehört Dir). Er nennt sie schlicht und unbescheiden „Super-App“. Die Plattform soll nahezu alle behördlichen Angelegenheiten regeln wie Adresswechsel oder Wasser- und Stromrechnung, und zahlreiche Dokumente ersetzen, etwa Führerschein, Versichertenkarte, Ausweis; zudem kann man mit der App auch bezahlen, Hotels reservieren, Taxis bestellen.

    Das interessiert WiWo-Leser heute besonders


     Was heute noch wichtig ist, lesen Sie hier


    Beim offiziellen Starttermin im November traf Koyun auf den Istanbuler Oberbürgermeister Ekrem İmamoğlu. Ob sie auch über die wirtschaftlichen Sorgen der Menschen in der Türkei und die politischen Lösungsansätze gesprochen haben? Koyun wiegelt ab: „Ich halte mich politisch zurück, bin Technologie-Unternehmer.“ Aber dann seufzt er und schiebt nach: „Die Armen werden ärmer, und die Reichen noch reicher, weil sie Devisen haben. Die Leute haben das Vertrauen verloren an die türkische Lira.“ Was solle ein armer Mensch in der Türkei denn in der aktuellen Situation noch machen, fragt er, und gibt die Antwort gleich selbst: Sparen und arbeiten. Er kenne sein Geburtsland. „Zu viele Leute haben drei oder vier Kreditkarten und schieben Schulden von einer zur anderen Karte“, sagt Koyun. „Das geht nicht lange gut.“

    Für sein Unternehmen jedoch sieht er gute Zeiten anbrechen. An der „Super-App“ haben er und sein Team fast acht Jahre lang gearbeitet. Er nennt sie „meine größte Innovation“. Die Plattform könne man nicht nur für weitere Städte anwenden, sondern auch bei Behörden, Banken, Versicherungen. Für das kommende Jahr plant er eine Umsatzverdoppelung.

    Mehr zum Thema: Kommentar zur EZB: Tut endlich etwas gegen die Inflation!

    © Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%