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Angriff mit GOA-Schweinen Wie antibiotika-freie Wurst den Fleischmarkt in Rage bringt

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Viele in der Branche ärgern sich

Kaum hatte Reinert sein Antibiotika-freies Projekt zum Jahresbeginn auf der Grünen Woche in Berlin der Öffentlichkeit vorgestellt, wurde ihm von den deutschen Schweinezüchtern vorgeworfen, damit Fleisch aus der Aufzucht mit Antibiotikaeinsatz zu diskriminieren. Die Kritiker attestiertem dem Projekt es sei nur ein Marketing-Gag, ein riesiger Etikettenschwindel. Denn wenn Reinert seine Marke mit dem Zusatz „ohne Antibiotika“ bewirbt, bedeutet das im Umkehrschluss, dass die Aufzucht der Tiere bei den Wettbewerbern mit den unerwünschten Medikamenten erfolgt sind.

Daher ärgern sich viele in der Branche über das Vorpreschen des Familienunternehmens. Reinert kontert: „Grundsätzlich gilt, dass alle Wurstprodukte keine Antibiotikarückstände enthalten. Das ist Gesetzeslage in Deutschland. Wir loben dies für Herzenssache auch nicht aus, sondern die Tatsache, dass die Tiere aus dem Programm garantiert nie mit Antibiotika behandelt worden sind.“ Das habe nichts mit heiler Welt zu tun, sondern mit Aufzucht und Mastbedingungen. „Naturgemäß haben wir mit unserem Vorgehen und der Partnerschaft mit einem dänischen Unternehmen nicht unbedingt die Sympathie der deutschen Mastbetriebe auf unserer Seite gehabt, aber der Handel sieht das Potenzial.“

Reinert sucht das Gespräch, stellt sich den Kritikern – so wie in einem Gespräch beim Haller Kreisblatt mit Versmolder Schweinemästern. Dort machte Reinert noch einmal deutlich, dass das Fleisch, das er verarbeite, noch nie Antibiotika gesehen habe. Bei anderem Fleisch, selbst bei Bio-Fleisch, „ist das nicht ausgeschlossen. Je nach Biolabel darf man zwischen ein und drei Mal – bei wenigen auch gar nicht – Antibiotika pro Schwein geben und dann die Wartefristen beachten. Und dann ist es immer noch Bio.“ 

Es sei wichtig zwischen der Aufzucht und dem Produkt zu unterscheiden, das bei den Kunden im Kühlschrank lande. „Fleisch, was heute verkehrsüblich ist, ist antibiotikafrei, weil die Wartefristen bis zur Schlachtung gehalten werden.“ Das Entscheidende seien die Multiresistenzen, die gebildet werden können. Je mehr Nutztiere mit Antibiotika versorgt würden, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass sich multiresistente Keime bilden, die auch auf Menschen übertragbar seien, bei denen nachher Antibiotika nicht mehr anschlage.

Auf die Frage, warum Reinert denn nicht mit deutschen Schweinzüchtern zusammenarbeite, sagte der Firmenchef, das er das selbstverständlich versucht hätte, „aber das war sowas von schwierig. Einzelne wollen das. Aber ein Programm aufzuziehen wie in Dänemark, mit einem ganzen Kollektiv von Landwirten, die nach unseren Kriterien produzieren, das hat bislang nicht funktioniert.“ Der Versmolder Landwirt Hans-Joachim Klack räumt denn auch ein, dass bei ihm und den deutschen Kollegen dafür die Unterstützung fehle. Außerdem sei Dänemark ein absolut isoliertes Land. „Die bauen jetzt an der deutsch-dänischen Grenze noch einen Zaun gegen Wildschweine zur Verhütung der afrikanischen Schweinepest. Die wollen ihren Schweinebestand sauber halten, was bei uns fast nicht möglich ist. Wir sind ein Transitland. Hier fährt alles kreuz und quer durch. Da ist isolierte Schweinehaltung, ohne Infektionen hereinzubekommen, nicht möglich.“ Reinert würde es begrüßen, wenn deutsche Landwirte künftig für das antibiotikafreie Konzept produzieren würden.

Die Resonanz im Lebensmittelhandel bezeichnet Reinert als „außerordentlich gut“, das zeige sich auch in einer breiten nationalen Listung. Mittlerweile liegt die Ware bei Edeka, Lidl, Rewe, Kaufland, Real Famila, Combi und Netto in den Kühlregalen und Bedientheken. Vorbehalte habe es nur grundsätzlicher Natur gegeben, also leichte Zweifel, ob es schnell gelingen könne, eine gänzlich neue Marke beim Verbraucher zu etablieren. Die Absatzzahlen „entwickeln sich sehr gut und auch die Verkäufe pro Laden sind positiv, insbesondere seit wir national mit unserer Werbung präsent sind“, sagt Reinert. Seit wenigen Tagen läuft nun auch eine TV-Werbung.

Und die Wettbewerber, allen voran der größte deutsche Fleischkonzern, die Tönnies-Gruppe? Der Wettbewerb habe zuerst abwartend reagiert und versucht, das Problem klein zu reden, sagt Reinert. „Wir haben in den vergangenen Monaten mit vielen Bauern und Verbandsleuten geredet. Angesichts des Erfolgs im Handel scheint ein Umdenken einzusetzen und an ähnlichen Projekten gearbeitet zu werden.“

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