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Armaturenhersteller Grohes große Heuschreckenbilanz

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Bescheidene Wünsche

Schmelzofen im Grohe-Werk Hemer im Sauerland Quelle: Robert Poorten für WirtschaftsWoche

Peter Paulokats Arbeitsleben ist Grohe, seit er mit 15 Jahren im Werk in Hemer anfing. Das war 1971, der Betriebsratsvorsitzende hat viel erlebt, ruhig war es selten. Jetzt sitzt er in einem Besprechungsraum vor einer Wand voller Duschköpfe, sein oberster Hemdknopf ist offen.

Paulokat zieht seine eigene Bilanz, „Die Heuschrecken-Diskussion hat uns allen sehr geschadet. Wir wurden bedroht, beschimpft und von Konkurrenten schlecht gemacht“, klagt er. Wirklich gerecht seien die Vorwürfe nicht gewesen, die aktuellen Eigentümer hätten das Unternehmen „nicht ausbluten lassen“.

Entlassene Kollegen als Leiharbeiter

Dennoch will Paulokat nicht alles gutheißen, was die Finanzinvestoren bei Grohe unternommen haben. „Einige Einschnitte halte ich rückblickend immer noch für zu hart, aber grundsätzlich war die Richtung richtig“, sagt Paulokat. Dass deutlich gespart werden musste, stand auch in einem Gutachten, dass der Betriebsrat auf dem Höhepunkt der Heuschrecken-Diskussion 2005 in Auftrag gab.

Aktuell arbeiten jedoch nur noch 2300 der 9000 Beschäftigten in Deutschland, vor 2005 waren es fast doppelt so viele. In der Fabrik in Hemer ist die Zahl etwa gleich geblieben, einige entlassene Kollegen sind wieder da, allerdings als Leiharbeiter. Auch die Verlagerung der Zentrale und einiger Abteilungen ist für Paulokat nicht unproblematisch. Manche Bürokräfte in Düsseldorf hätten das Werk noch nie von innen gesehen. Und selbstverständlich sorge die Verkaufsdebatte für Verunsicherung.

Diese Unternehmen machten nach der IPO dicht
HessKaum vier Monate nach dem Börsengang ist der Leuchtenhersteller Hess pleite. "Die Hess AG ist zahlungsunfähig", stellte der neue Alleinvorstand Till Becker fest und kündigte den Gang zum Insolvenzgericht an. Verhandlungen mit dem Großaktionär, der Familie Hess, über eine Kapitalspritze waren ebenso gescheitert wie Gespräche mit neuen Investoren. Diese fürchten die Risiken von Klagen verärgerter Aktionäre, die seit Oktober fast ihren ganzen Einsatz verloren haben. Vorstandschef Christoph Hess und Finanzvorstand Peter Ziegler waren vor drei Wochen unter dem Verdacht der Bilanzfälschung geschasst worden. Die Staatsanwaltschaft ermittelt bei dem Unternehmen aus Villingen-Schwenningen im Schwarzwald wegen des Verdachts des Kapitalanlagebetrugs durch falsche Angaben im Börsenprospekt. "Aufgrund der Unsicherheiten im Hinblick auf mögliche Anlegerklagen bestehen auch keine hinreichenden Aussichten auf eine kurzfristige Eigen- beziehungsweise Fremdkapitalzufuhr durch Investoren", teilte der Hersteller von Straßenlaternen mit. Mit dem Insolvenzantrag rund vier Monate nach der IPO stellt Hess einen traurigen Rekord auf. So schnell gingen nicht einmal die Unternehmen vom Neuen Markt pleite. Quelle: dpa
GigabellAm 11. August 1999 ging der Internet- und Telefonanbieter Gigabell mit Sitz in Frankfurt an die Börse. Der Emissionspreis der Aktie lag bei 38 Euro, nur wenig später war das Papier - der Dotcom-Euphorie sei Dank - mehr als 130 Euro wert. Dann geriet das Unternehmen ins Trudeln. Am 15. September 2000 meldete Gigabell Insolvenz an. Damit begann das Ende des Nemax und der deutschen Dotcom-Blase. Quelle: dpa
Biodata Information TechnologyAuch das in der IT-Sicherheit tätige Unternehmen Biodata hielt nicht viel länger durch. Der Anbieter von Verschlüsselungssoftware und Netzwerkkomponenten ging im Jahr 2000 an die Börse. Die Aktie, ausgegeben zu 45 Euro, erreichte schon am ersten Tag astronomische Höhen von 300 Euro und mehr. Der Höchstkurs lag bei 439 Euro. Nur hatten diese Summe nichts mit dem tatsächlichen Wert des Unternehmens zu tun, Biodata schrieb laufend Verluste. Im November 2001 meldete das Unternehmen dann Insolvenz an. Quelle: dpa
Kabel New Media1993 gründete Peter Kabel das Unternehmen Kabel New Media, mit dem er 1999 auch an die Börse ging. Das Beratungsunternehmen erlitt ein ganz ähnliches Schicksal wie andere im Nemax gelisteten Firmen und hinkte mit den tatsächlichen Umsätzen den Entwicklungen an der Börse hinterher. Die Folge: Im Juli 2001 stellte das Unternehmen den Insolvenzantrag, am ersten September 2001 wurde das Verfahren eröffnet. Gegen Geschäftsführer Kabel ermittelten Polizei und Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts des Insiderhandels, der Kursmanipulation und Insolvenzverschleppung. Im Juni 2007 stellt das Amtsgericht Hamburg das Verfahren gegen Peter Kabel wegen gegen eine Geldauflage von rund 14.000 Euro ein. Quelle: dpa
Brain InternationalDas Softwareunternehmen Brain International ging im Jahr 2000 im Segment "Neuer Markt" an die Börse. Nur zwei Jahre später, am 30.8.2002 eröffnete das Amtsgericht Freiburg das Insolvenzverfahren für die drei Gesellschaften Brain International AG, Breisach, Brain Automotive Solutions GmbH und Brain Industries Solutions GmbH.
Ceyoniq Die Bielefelder Softwarefirma Ceyoniq hielt nach dem Börsengang noch gut vier Jahre durch: 1998 wagte das Unternehmen den Schritt aufs Parkett, 2001 rutschte es in die Verlustzone. Rund 90 Millionen Euro Miese machten die Bielefelder, wiesen aber sämtliche Pleitegerüchte von sich. Auch die Aktie ging auf Talfahrt - bei Eröffnung des Insolvenzverfahrens im Jahr 2002 hatte das Papier bereits 98 Prozent seines Wertes eingebüßt. Die Vorstände der Ceyoniq AG kamen wegen Betrugsverdachts vorübergehend in Untersuchungshaft.
ComroadAuch Bodo Schnabel, Gründer der Comroad AG, beendete seine Karriere am neuen Markt in einer Zelle. Das Unternehmen, das Navigationsgeräte herstellte, startete am 26. November 1999 erfolgreich am Neuen Markt in Frankfurt und gehörte bald zu den Topwerten im Nemax. Anfang 2002 wurde dann bekannt, dass Comroad im großen Stil Scheingeschäfte getätigt hatte - und das bereits seit 1998. Rund 95 Prozent der Umsätze waren erfunden. Im April 2002 wurde Comroad wegen Bankrotts geschlossen, Vorstandsvorsitzender Schnabel landete in Untersuchungshaft. Quelle: dpa

Wenig zu meckern

Über die Behandlung im Alltag gibt es für Paulokat dagegen wenig zu meckern. Es gibt Sonderzahlungen unter den Finanzinvestoren, der Arbeitsschutz hat sich sogar verbessert, die Qualität der Produkte, auf die die Grohe-Belegschaft immer besonders stolz war, habe nicht gelitten. Und so fällt Paulokats wesentlicher Wunsch an den Arbeitgeber bescheiden aus: „Mal wieder ein Betriebsfest.“

Es ist sechs Uhr morgens in Herzberg. Pendler ruckeln in ihren Autos über das Kopfsteinpflaster des schmucken Städtchens im südlichen Nirgendwo Brandenburgs. Früher fuhren nicht so viele weg, da gab es mehr zu tun am Ort. Das „Früher“ füllt sieben Aktenordner mit Zeitungsartikeln und Korrespondenz, die Bürgermeister Michael Oecknigk und Gabi Lang, Geschäftsführerin der örtlichen Wirtschaftsförderung, auf dem Schreibtisch im Rathaus ausgebreitet haben. Sieben Ordner Wut, Angst und Hoffnung.

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