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„Aus einem anderen Universum“Warum der Em-eukal-Chef Cem Özdemirs Pläne attackiert

Ernährungsminister Cem Özdemir will Werbung für bestimmte Lebensmittel einschränken, um Kinder zu schützen. Die Branche ist in Aufruhr, der Chef der Bonbonmarke Em-eukal fühlt sich gegängelt – und fürchtet sogar um zuckerfreie Produkte.Clara Thier 13.10.2023 - 15:23 Uhr

Mit und ohne Zucker: Die Halsbonbons von Em-Eukal.

Foto: dpa Picture-Alliance

Im Februar ging Cem Özdemir, Minister für Ernährung und Landwirtschaft, mit einem Aufsehen erregenden, ersten Entwurf für einen Gesetzesvorschlag an die Öffentlichkeit: Kinder, so der Plan, sollen künftig weniger Werbung für vermeintlich ungesunde Lebensmittel mit einem hohen Anteil von Zucker, Salz oder Fett sehen, damit sie sich gesünder ernähren, forderte der Grüne. So hatte es sich die Ampel-Regierung in Berlin auch schon in ihrem Koalitionsvertrag vorgenommen.

Bei Süßwarenherstellern sorgt das Vorhaben des Ministers seither für Unruhe und Unsicherheit. Der Produzent des Hustenbonbons Em-eukal fürchtet sogar, wegen des geplanten Werbeverbots seine zuckerfreien Halsbonbons nicht mehr bewerben zu dürfen. „Wir übersetzen das als: ‚Wir wollen diese Warengruppe nicht mehr‘“, sagt Perry Soldan, der Geschäftsführer von Dr. C. Soldan, im WirtschaftsWoche-Podcast „Chefgespräch“.

Wie passt das zusammen? Hängt das eine, Krankheit und Übergewicht von Kindern, mit dem anderen, Werbung für Süßes, zusammen? Wenn man Perry Soldan fragt, lautet die Antwort: Nein. Wenn man die Wissenschaft fragt, lautet die Antwort: Wahrscheinlich schon. Fragt man die Ampel, lautet die Antwort, wie so oft: Es ist kompliziert.

Welche Rolle spielt die Werbung?

Der Grund, warum Cem Özdemir der süßen Versuchung kein Ende, zumindest aber einen harten Einschnitt bereiten will, ist folgender: Immer mehr Kinder sind zu dick oder leiden unter Diabetes. Jedes sechste Kind in Deutschland sei übergewichtig oder adipös, berichtet das Robert-Koch-Institut. Schuld daran sei, so die Problemdiagnose, auch die Werbung: Fünfzehnmal am Tag sieht ein mediennutzendes Kind in Deutschland einen Werbespot für „ungesunde Produkte“ im Fernsehen und Internet, besagt eine Studie der Universität Hamburg.

Podcast – Chefgespräch

„Man bekommt als Mittelständler gar nicht die Chance, sich auf etwas einzustellen“

Em-eukal-Chef Perry Soldan erzählt im Podcast, warum Kinder den Geschmack von Wildkirsche lieben, er Politiker teilweise in einem anderen Universum vermutet – und weshalb er einmal ein Rockfestival gesponsert hat.

von Horst von Buttlar

Ein breites Bündnis von Krankenkassen und Verbänden aus Gesundheit und Medizin forderte deswegen im vergangenen Jahr in einem offenen Brief an die Ampel-Regierung, Werbung für Lebensmittel mit viel Zucker, Salz oder Fett zwischen 6 und 23 Uhr im Fernsehen, im Radio und auf Streamingdiensten zu verbieten. Darüber hinaus verlangte das Bündnis einen Sperr-Radius von 100 Metern rund um Kitas, Schulen oder Spielplätze, in dem keine Werbeplakate hängen sollen. Einen ähnlichen Vorschlag unterbreitete Özdemir im Februar dieses Jahres.

Der Wunsch nach einer Beschränkung der Junkfood-Werbung stammt aber nicht nur aus Politik und Fachkreisen: Laut einer repräsentativen Umfrage unterstützen 66 Prozent der Bevölkerung die Pläne Özdemirs.

Die Industrie ist empört

Bereits im Juni präzisierte der Agrarminister seine Vorschläge: Die Werbeverbote sollen nur werktags von 17 bis 22 Uhr gelten, samstags zusätzlich von 8 bis 11 Uhr und sonntags von 8 bis 22 Uhr. Betroffen seien alle Lebensmittel mit übermäßig viel Zucker, Salz oder Fett. Bei der genauen Definition wolle man sich an den Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation WHO orientieren. Stand heute sind davon auch Abweichungen geplant, zum Beispiel beim Fettgehalt von Milchprodukten oder beim Zuckergehalt von Säften.

Die Süßwarenindustrie verurteilt das Vorhaben dennoch als unverhältnismäßig. Der Lebensmittelverband Deutschland protestierte, es gebe keine Beweise für einen kausalen Zusammenhang zwischen Werbung und Übergewicht bei Kindern. In der WirtschaftsWoche wandten Wissenschaftler ein: Zwar ließen sich aus ethischen Gründen mit Kindern nicht einfach Versuche durchführen, bei denen man einer Gruppe absichtlich viel, der anderen absichtlich wenig Werbung für Ungesundes zeige. Doch viele Gesundheitsexperten, Studien und auch die WHO seien sich einig, dass Werbung einen Einfluss auf das Essverhalten von Kindern habe.

Die Hersteller fürchten dagegen um ihr Geschäft. „Herr Özdemir sagt uns: Ja, dann reformuliert halt, reduziert halt den Zucker“, sagt Bonbonhersteller Perry Soldan. Das habe sein Unternehmen getan: 40 Prozent seines Sortiments seien bereits zuckerfrei. Um dennoch einen süßen Geschmack zu erzeugen, nutzt Soldan den Zuckeralkohol Isomalt. Trotzdem fürchtet der Unternehmer um die Werbung und damit auch den Absatz seiner Produkte.

Der WHO-Vorschlag für Werberichtlinien enthält nämlich auch eine Grenze von null für Zucker in Produkten, die vornehmlich andere Süßungsmittel enthalten. „Die Forderung ist 0,0 Prozent Restzucker und 0,0 Prozent gibt es Stand heute nicht.“, so Soldan im WirtschaftsWoche-Podcast. „Wir haben unter 0,5 Prozent Zuckeranteil“, sagt der Unternehmer über sein zuckerfreies Sortiment. „Also das ist keine ehrliche Diskussion und kein ehrlicher Appell, weil nämlich die Hürden so gigantisch hoch gelegt werden, dass man keinerlei Chance hat, durchzukommen.“

Seit 1923 vertreibt das Unternehmen Soldan die Em-eukal-Hustenbonbons. Die Bonbonverkäufe des Familienunternehmens laufen stets konträr zur allgemeinen Bevölkerungsgesundheit: Gibt es eine Grippewelle, greifen die Menschen zu Em-eukal und anderen Marken. Während der Coronapandemie musste Soldan seine Mitarbeiter zunächst in Kurzarbeit schicken – ohne Grippewelle kein Umsatz. Das änderte sich im zweiten und dritten Corona-Jahr: Die Menschen schnieften und husteten, Bonbons wanderten über die Ladentische von Apotheken, Drogerien und Supermärkten. Da im vergangenen Winter viele klassische Medikamente nicht verfügbar waren, stiegen Käufer stattdessen auf lindernde Produkte wie Bonbons oder Tee um. Weil sie bei Dr. C. Soldan mit der Produktion gar nicht mehr hinterherkamen, investierten sie sogar in eine neue Anlage.

Ampel-Verhandlungen, zäh wie Bonbonmasse

Aus einem „anderen Universum“ seien die Vorschläge von Minister Özdemir, resümiert Perry Soldan. Doch noch ist nicht entschieden, dass sich Soldan wirklich um die Werbung für zuckerfreien Salbei- oder Honig-Bonbons sorgen müsste. Denn während das Thema seit Februar in der öffentlichen Debatte wütet, gibt es immer noch keinen konkreten Gesetzesentwurf aus der Bundesregierung.

Aus dem Ministerium heißt es auf Anfrage der WirtschaftsWoche, dass man zu konkreten Inhalten und dem aktuellen Stand des Entwurfs nichts sagen könne. Der Entwurf befinde sich immer noch in der Ressortabstimmung. Es sei „ein zähes Ding“, diese Verhandlungen, und man hätte sich selbstverständlich ein viel schnelleres Verfahren gewünscht. „Wir würden uns wünschen, dass wir schnell in den parlamentarischen Prozess kommen, damit Kritiker ihre Argumente einbringen können, so wie es das Verfahren vorgibt.“, sagt ein Sprecher des Hauses.

Offenbar ist es die FDP, die sich dem Vorhaben des grün geführten Ministeriums in den Weg stellt. Vor den Landtagswahlen sei eine Einigung ohnehin schwierig gewesen, jetzt könnte es vielleicht vorangehen, heißt es von Beobachtern. Und so ziehen sich die internen Verhandlungen wie zähe Bonbonmasse.

Den Herstellern von Lebensmitteln bleibt bis dahin noch ein Trost: Auch in zahlreichen anderen Ländern gibt es bereits Werbeverbote für Süßigkeiten, andere haben ähnliche oder weiterreichende Pläne als Deutschland. Unter anderem in Portugal, Quebec (Kanada), Irland, Mexiko, Norwegen, Taiwan, Chile und Großbritannien gelten heute schon Einschränkungen, teilweise mit nachweisbaren Erfolgen für die Kindergesundheit. Spanien schmiedet ähnliche Pläne, und die Briten wollten ihre Regelungen dazu längst verschärfen, wenn auch die Regierung die Umsetzung nun auf 2025 verschoben hat. Berichte über einen Abstieg der Süßwarenindustrie finden sich bisher noch in keinem dieser Länder.

Lesen Sie auch: 6 Grafiken zeigen: So hart würde das Süßwaren-Werbeverbot deutsche Sender treffen

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