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Birkenstock Vom zerstrittenen Familienunternehmen zum Global Player

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Erfolg geht maßgeblich auf Reicherts Konto

Stephan Birkenstock, der stets die Linie des Vaters vertreten hatte und Birkenstock vor zu viel Veränderung schützen wollte, verkaufte seine Anteile für einen geheim gehaltenen, vermutlich dreistelligen Millionenbetrag an die beiden Brüder. Alex und Christian Birkenstock zogen sich aus dem Management zurück und verständigten sich darauf, jeweils einen Geschäftsführer ihres Vertrauens zu entsenden. Alex Birkenstock ernannte 2013 das seit mittlerweile 25 Jahren im Unternehmen arbeitende Birkenstock-Urgestein Markus Bensberg zu seinem Statthalter. Christian Birkenstock setzte auf den gerade arbeitslos gewordenen umtriebigen Münchner TV-Manager Oliver Reichert.

Seitdem entwickelt sich das Unternehmen wie entfesselt. 2015 hat der Familienbetrieb nach eigenen Angaben mit 600 bis 700 Millionen Euro doppelt so viel Umsatz gemacht wie 2013. Im unlängst abgelaufenen Geschäftsjahr, das am 30. September endete, gingen nicht mehr wie 2013 rund 12 Millionen, sondern 20,5 Millionen Paar Schuhe vom Band. In ein paar Jahren sollen es 50 Millionen Paar sein.

Der Erfolg geht maßgeblich auf Reicherts Konto. Auf den ersten Blick passt der 45-Jährige nicht so recht zu den biederen Sandalen. Er galt in Führungszirkeln früher schon als „dieser wilde Kerl mit den langen Haaren und mit Birkenstocks an den Füßen“, wie er selbst meint. Bis 2009 leitete der Amateur-Footballer und Nicht-Akademiker das zur Constantin Medien Gruppe gehörende Deutsche Sport-Fernsehen (DSF), wurde aber „trotz eines Rekordjahres 2008 mit 20 Millionen Euro Gewinn“ (Reichert) nach zehn Jahren Knall auf Fall gefeuert. Vergebens versuchte er, der Muttergesellschaft Constantin Medien das DSF abzukaufen.

Birkenstock: Das sind die Erfolgsfaktoren

2010 lernte der plötzlich heimatlose Fernsehmanager bei einem Aufenthalt in Kitzbühel Christian Birkenstock kennen und heuerte bald darauf bei dessen Unternehmen an. Als Reichert immer mehr in die Rolle eines Mediators zwischen den familiären Fronten kam, wurde ihm klar, dass die „Regentschaft der drei Brüder und die Oberherrschaft des dominanten Vaters“ keine Zukunft hatten. Es gab, sagt einer der Beteiligten, „nicht miteinander vereinbare Auffassungen über die Zukunft des Unternehmens“. Reichert motivierte 2013 mithilfe eines juristischen Beraterteams die uneinigen Brüder, im entscheidenden Moment noch ein einziges Mal an einem Strang zu ziehen und das Unternehmen operativ in fremde Hände zu geben – nämlich in seine. Das gelang.

Die Details regelt seitdem ein Beteiligungs- und Gesellschaftervertrag. Reichert und Bensberg leiten Birkenstock gleichberechtigt. Entscheiden können sie nur gemeinsam – und nur, wenn sie beide Gesellschafter überzeugen. Die Siez-Kollegen sind auch mit ihren Gesellschaftern Alex und Christian Birkenstock nicht per Du. Reichert betont sogar, er sei nicht etwa „ein Freund von Christian Birkenstock, sondern sein Angestellter“.

Auf dem Papier ist Geschäftsführungskollege Bensberg so wichtig wie der wuchtige TV-Mann. Doch in einem Zwei-Stunden-Gespräch redet der am Tonfall erkennbare Rheinländer nur zwei Minuten. Reichert hingegen erklärt, lacht und tönt ohne Pause und gibt in dem Tandem eindeutig Takt und Tempo an.

Die deutsche Schuhindustrie in Zahlen

„Wir sind so was wie die klassischen Generaldirektoren“, beschreibt Reichert seine und Bensbergs Stellung gegenüber den Inhabern. Generaldirektoren? Herren mit Weste, Taschenuhr und Einstecktuch? Eher nicht. Bensberg wirkt in Jeans und weißem Hemd wie ein Sparkassendirektor nach Feierabend. Reichert mit seiner Zweimeter-Statur und dem rot-blonden Schopf und Bart erinnert an den Wikinger Leif Eriksson, der 500 Jahre vor Kolumbus in Amerika anlegte – erst recht, wenn Reichert vor der acht Meter breiten und bis zur Decke reichenden leuchtenden Fotowand hinterm Schreibtisch steht, die ihn in ein raumfüllendes Birkenwald-Panorama versetzt.

Mit und auf Birkenstock-Latschen neue Ufer zu erobern, das ist nun Reicherts Mission. „International hat die Marke eine tolle Wahrnehmung. Wir sind ein Global Player“, sagt er. In Deutschland aber „wurden wir gesehen wie ein Tante-Emma-Laden und werden es teilweise noch“. Anlaufschwierigkeiten bestreitet der Manager nicht: „Wir haben alles auf links gedreht und zurück.“ Viele hätten dabei erwartet, „dass was schiefgeht“.

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