WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Birkenstock Vom zerstrittenen Familienunternehmen zum Global Player

Unter der Führung der Familie wurde Birkenstock zu einem zerstrittenen Mittelständler. Seit drei Jahren sind externe Manager am Ruder – seitdem entwickelt sich das Unternehmen wie entfesselt.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Birkenstock: Eine Marke profitiert von ihrem Kultstatus. Quelle: imago images

St. Katharinen im Westerwald, ein Industriegebiet auf den Höhen weit oberhalb des Rheintals: Schauplatz eines Dramas, das Birkenstock-Mitarbeiter und auch viele Fans der Marke entsetzte. Gnadenlos bekämpfte Karl Birkenstock gemeinsam mit seinen Söhnen Alex, Christian und Stephan die gerade gewählten Betriebsräte der damals wichtigsten Produktionsstätte.

„Idioten“ schmäht der Seniorchef die Arbeitnehmervertreter und kassierte dafür einen Strafbefehl über 15.000 Mark. In seiner Wut macht der Patriarch den Betrieb in der rheinland-pfälzischen Provinz kurzerhand dicht. Bis zur Schließung nannte er die Firma DeP, was im Unternehmen nicht zufällig „Depp“ ausgesprochen wurde. Der ungeheizte Betrieb, in dem es für die Leute fortan keine sinnvolle Arbeit mehr gibt, hieß die „Deppenhalle“.

Vier Jahre dauerte der Vernichtungskampf, dann gehen die letzten 87 Mitarbeiter, die unter anderem Sonnenschutz vor den Fabrikfenstern und gleichen Lohn für Frauen gefordert hatten. Birkenstock lässt sich die Schlammschlacht 1,8 Millionen Mark an Abfindungen und einen nicht bezifferbaren Rufschaden kosten.

Die 15 innovativsten deutschen Mittelständler
Lamilux Quelle: Presse
Windmöller-Holding Quelle: Presse
Maja-Maschinenfabrik Quelle: PR
Mekra-Lang Quelle: Presse
Brandt-Zwieback Quelle: Presse
Edelmann Quelle: Presse
Insiders-Technologies Quelle: Dominik Butzmann für WirtschaftsWoche

20 Jahre ist das jetzt her – Schattenseiten eines Familienunternehmens mit Kultmarke. Erst seit drei Jahren aber sind bei Birkenstock nun familienfremde Manager am Ruder – und die bringen das Geschäft noch mal kräftig nach vorn. 25 Millionen Paar Schuhe wollen sie nächstes Jahr verkaufen, mehr als doppelt so viel wie 2013. Einen Betriebsrat gibt es inzwischen auch. Betriebsratschefin Michaela Falk-Wagner in St. Katharinen sagt: „Birkenstock hat sich deutlich geändert.“ Der Weg von der „Deppenhalle“ bis zu den heutigen Erfolgen war lang, seine Stationen bieten lebendiges Anschauungsmaterial für manches Familienunternehmen.

Explosive Charaktere

Hatten Vater und Söhne den Kampf gegen die Betriebsräte noch gemeinsam ausgefochten, richtete sich ihre Streitlust bald gegeneinander. Der Senior setzte auf interne Konkurrenz und übergab den Nachfolgern ein Sammelsurium von Einzelunternehmen mit jeweils eigenem Gesellschafterkreis, eigenem Management, eigenem Personalwesen, eigener IT. Auch Vater Birkenstock hatte noch sein eigenes Reich und belieferte alle mit Sandalenschnallen. Das halbe Dutzend Untermarken wie Birkis und Alpro – Claims von Sohn Stephan Birkenstock – war allein dem familiären Machtgefüge geschuldet und schadete der Hauptmarke.

Die Charaktere der drei jungen Männer: teilweise explosiv. Ihre Konsensfähigkeit in strategischen Fragen oder Investitionsentscheidungen: nahe null. Ihr unternehmerischer Erfahrungshorizont: weitgehend auf das väterliche Unternehmen begrenzt.

Denn wie man einen Betrieb führt, hatte ihnen der Papa beigebracht. Sie waren als Teenager oder mit Anfang 20 ins Unternehmen gekommen – Stephan nach einigen Semestern Informatik, Alex als Industriekaufmann und Christian als Technik-Autodidakt. Sie waren, bekannte Alex, „so hineingewachsen in diese Sandalenwelt“.

Die forderte inzwischen aber einen weiteren Horizont und eine klare Strategie. Während die Managementstrukturen provinziell blieben, waren die vermeintlichen Jesuslatschen zum Selbstläufer und Kultprodukt geworden. Karl Birkenstock hatte sie als „Fußeinlage ohne Schuh“ entwickelt, bei denen der Fuß nicht seitlich abrutscht, sondern tief eingebettet ist.

Die innovativsten deutschen Mittelständler

Nun schickten Modestars ihre Models nicht mehr auf Highheels, sondern mit Birkenstocks auf den Laufsteg und trieben die Nachfrage nach den Puschen auf immer neue Höhen. Heidi Klum steuerte ihre eigene Kollektion bei. Das Hamburger Völkerkundemuseum zeigte 2014 Birkenstock-Sandalen in einer Ausstellung typisch deutscher Alltagsgegenstände.

Zählbare Krisenjahre gab es keine, aber Entscheidungsstau, Stagnation und ein Klima der Angst. Anstatt das Potenzial der Marke wirtschaftlich zu heben, blockierten sich die Brüder Birkenstock gegenseitig. Als keine Lösung mehr denkbar schien und der interne Kampf wie bei anderen zerstrittenen Familienclans – etwa Bahlsen oder Herz (Tchibo) – die weitere Entwicklung lähmte, fand sich 2013 doch noch ein Ausweg.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen

Jetzt auf wiwo.de

Sie wollen wissen, was die Wirtschaft bewegt? Hier geht es direkt zu den aktuellsten Beiträgen der WirtschaftsWoche.
Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%