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Datensicherheit im Mittelstand Die Cybertrainer vom Geheimdienst

Kampf gegen Hacker: Urenco-Sicherheitschef Wennemer (links), Verfassungsschützer Voß Quelle: Dominik Asbach für WirtschaftsWoche

Die Zahl der Hackerangriffe gegen Unternehmen steigt, gerade Mittelständler sind gefährdet. Der Verfassungsschutz schickt jetzt seine besten Leute in die Betriebe, um Mittelständler gegen Cyberkriminelle zu schulen.

Mehr Schutz als in Gronau geht kaum. Das Werksgelände ist von hohem Drahtzaun umgeben, überall sind Kameras postiert. Sicherheitskräfte warten auch am Eingang, kontrollieren jeden Mitarbeiter, Besucher müssen erst mal Anmeldung und Ausweis vorzeigen und ihr Handy wie im Schwimmbad einschließen. Dann passieren sie eine Sicherheitsschleuse wie am Flughafen, Taschen und Jacken werden durchleuchtet.

Der Aufwand ist verständlich. Schließlich produziert das Unternehmen Urenco hier radioaktives Uranhexafluorid. Der farblose, kristalline Feststoff kommt in Brennelementen für Kernkraftwerke zum Einsatz. Urenco macht damit rund 430 Millionen Euro Umsatz im Jahr.

Trotz allen Aufwands will sich Sicherheitschef Thomas Wennemer nicht nur auf eigene Abwehrkräfte verlassen. Einmal im Jahr schaut deshalb Henning Voß im Werk nahe der holländischen Grenze vorbei. Der Wirtschaftsschutzexperte des Verfassungsschutzes Nordrhein-Westfalen kennt sich bestens aus mit Spionage, Cyberattacken und den neuesten Maschen der illegalen Informationsbeschaffung. Beratung von Unternehmen ist für ihn Alltag. Experten wie Voß sollen vor allem Mittelständlern helfen, Cyberkriminalität in den Griff zu bekommen.

Elf Anzeichen, dass Sie gehackt wurden
Software installiert sich selbstständigUngewollte und unerwartete Installationsprozesse, die aus dem Nichts starten, sind ein starkes Anzeichen dafür, dass das System gehackt wurde. In den frühen Tagen der Malware waren die meisten Programme einfache Computerviren, die die "seriösen" Anwendungen veränderten - einfach um sich besser verstecken zu können. Heutzutage kommt Malware meist in Form von Trojanern und Würmern daher, die sich wie jede x-beliebige Software mittels einer Installationsroutine auf dem Rechner platziert. Häufig kommen sie "Huckepack" mit sauberen Programmen - also besser immer fleißig Lizenzvereinbarungen lesen, bevor eine Installation gestartet wird. In den meisten dieser Texte, die niemand liest, wird haarklein aufgeführt, welche Programme wie mitkommen. Quelle: gms
Was zu tun istEs gibt eine Menge kostenlose Programme, die alle installierten Applikationen auflisten und sie verwalten. Ein Windows-Beispiel ist Autoruns, das zudem aufzeigt, welche Software beim Systemstart mit geladen wird. Das ist gerade in Bezug auf Schadprogramme äußerst aussagekräftig - aber auch kompliziert, weil nicht jeder Anwender weiß, welche der Programme notwendig und sinnvoll und welche überflüssig und schädlich sind. Hier hilft eine Suche im Web weiter - oder die Deaktivierung von Software, die sich nicht zuordnen lässt. Wird das Programm doch benötigt, wird Ihnen das System das schon mitteilen… Quelle: AP
Die Maus arbeitet, ohne dass Sie sie benutzenSpringt der Mauszeiger wie wild über den Bildschirm und trifft dabei Auswahlen oder vollführt andere Aktionen, für deren Ausführung im Normalfall geklickt werden müsste, ist der Computer definitiv gehackt worden. Mauszeiger bewegen sich durchaus schon einmal von selbst, wenn es Hardware-Probleme gibt. Klick-Aktionen jedoch sind nur mit menschlichem Handeln zu erklären. Stellen Sie sich das so vor: Der Hacker bricht in einen Computer ein und verhält sich erst einmal ruhig. Nachts dann, wenn der Besitzer mutmaßlich schläft (der Rechner aber noch eingeschaltet ist), wird er aktiv und beginnt, das System auszuspionieren - dabei nutzt er dann auch den Mauszeiger. Quelle: dpa
Was zu tun ist: Wenn Ihr Rechner des Nachts von selbst "zum Leben erwacht", nehmen Sie sich kurz Zeit, um zu schauen, was die Eindringlinge in Ihrem System treiben. Passen Sie nur auf, dass keine wichtigen Daten kopiert oder Überweisungen in Ihrem Namen getätigt werden. Am besten einige Fotos vom Bildschirm machen (mit der Digitalkamera oder dem Smartphone), um das Eindringen zu dokumentieren. Anschließend können Sie den Computer ausschalten - trennen Sie die Netzverbindung (wenn vorhanden, Router deaktivieren) und rufen Sie die Profis. Denn nun brauchen Sie wirklich fremde Hilfe. Anschließend nutzen Sie einen anderen (sauberen!) Rechner, um alle Login-Informationen und Passwörter zu ändern. Prüfen Sie Ihr Bankkonto - investieren Sie am besten in einen Dienst, der Ihr Konto in der folgenden Zeit überwacht und Sie über alle Transaktionen auf dem Laufenden hält. Um das unterwanderte System zu säubern, bleibt als einzige Möglichkeit die komplette Neuinstallation. Ist Ihnen bereits finanzieller Schaden entstanden, sollten IT-Forensiker vorher eine vollständige Kopie aller Festplatten machen. Sie selbst sollten die Strafverfolgungsbehörden einschalten und Anzeige erstatten. Die Festplattenkopien werden Sie benötigen, um den Schaden belegen zu können. Quelle: dpa
Online-Passwörter ändern sich plötzlichWenn eines oder mehrere Ihrer Online-Passwörter sich von einem auf den anderen Moment ändern, ist entweder das gesamte System oder zumindest der betroffene Online-Dienst kompromittiert. Für gewöhnlich hat der Anwender zuvor auf eine authentisch anmutende Phishing-Mail geantwortet, die ihn um die Erneuerung seines Passworts für einen bestimmten Online-Dienst gebeten hat. Dem nachgekommen, wundert sich der Nutzer wenig überraschend, dass sein Passwort nochmals geändert wurde und später, dass in seinem Namen Einkäufe getätigt, beleidigenden Postings abgesetzt, Profile gelöscht oder Verträge abgeschlossen werden. Quelle: dpa
Was zu tun ist: Sobald die Gefahr besteht, dass mit Ihren Daten handfest Schindluder getrieben wird, informieren Sie unverzüglich alle Kontakte über den kompromittierten Account. Danach kontaktieren Sie den betroffenen Online-Dienst und melden die Kompromittierung. Die meisten Services kennen derartige Vorfälle zu Genüge und helfen Ihnen mit einem neuen Passwort, das Konto schnell wieder unter die eigene Kontrolle zu bekommen. Einige Dienste haben diesen Vorgang bereits automatisiert. Wenige bieten sogar einen klickbaren Button "Mein Freund wurde gehackt!" an, über den Dritte diesen Prozess für Sie anstoßen können. Das ist insofern hilfreich, als Ihre Kontakte oft von der Unterwanderung Ihres Kontos wissen, bevor Sie selbst etwas davon mitbekommen. Werden die gestohlenen Anmeldedaten auch auf anderen Plattformen genutzt, sollten sie dort natürlich schnellstmöglich geändert werden. Und seien Sie beim nächsten Mal vorsichtiger! Es gibt kaum Fälle, in denen Web-Dienste E-Mails versenden, in denen die Login-Informationen abgefragt werden. Grundsätzlich ist es immer besser, ausschließlich Online-Dienste zu nutzen, die eine Zwei-Faktor-Authentifizierung verlangen - das macht es schwieriger, Daten zu entwenden. Quelle: dapd
Gefälschte Antivirus-MeldungenFake-Warnmeldungen des Virenscanners gehören zu den sichersten Anzeichen dafür, dass das System kompromittiert wurde. Vielen Anwendern ist nicht bewusst, dass in dem Moment, wo eine derartige Meldung aufkommt, das Unheil bereits geschehen ist. Ein Klick auf "Nein" oder "Abbrechen", um den Fake-Virusscan aufzuhalten, genügt natürlich nicht - die Schadsoftware hat sich bestehende Sicherheitslücken bereits zunutze gemacht und ist ins System eingedrungen. Bleibt die Frage: Warum löst die Malware diese "Viruswarnung" überhaupt aus? Ganz einfach: Der vorgebliche Prüfvorgang, der immer Unmengen an "Viren" auftut, wird als Lockmittel für den Kauf eines Produkts eingesetzt. Wer auf den dargestellten Link klickt, gelangt auf eine professionell anmutende Website, die mit positiven Kundenbewertungen und Empfehlungen zugepflastert ist. Dort werden Kreditkartennummer und andere Rechnungsdaten abgefragt - und immer noch viel zu viele Nutzer fallen auf diese Masche herein und geben ihre Identität freiwillig an die Kriminellen ab, ohne etwas davon zu merken. Quelle: dpa/dpaweb

Der Bedarf für solche Abwehrtrainings ist gigantisch. Gerade erst haben offenbar russische Hacker staatliche und privatwirtschaftliche Infrastrukturen angegriffen. Bei 53 Prozent aller deutschen Unternehmen kam es laut einer Studie des Digitalverbandes Bitkom innerhalb von zwei Jahren zu Fällen von Spionage, Datenklau oder Sabotage, mindestens 55 Milliarden Euro Schaden sind so entstanden. Da die Betroffenen Attacken aus Angst vor Reputationsschäden oft gar nicht melden, liegen die tatsächlichen Zahlen vermutlich deutlich höher.

Unbefugte Eindringlinge

In allen Bundesländern bieten Verfassungsschützer Unternehmen daher Beratung an – und zwar kostenlos. 2017 hat allein der Verfassungsschutz in NRW mehr als 3000 Manager, Mitarbeiter und Wissenschaftler geschult und beraten – Tendenz steigend.

Die Cyberattacken treffen zunehmend den Mittelstand: Durch die als Industrie 4.0 bekannte Vernetzung von Maschinen über das Internet entstehen neue Angriffspunkte, über die sich Wissen absaugen oder der Betrieb sabotieren lässt. Schon bei mittelgroßen Unternehmen sind heute viele Tausend Geräte und Maschinen miteinander verbunden. Jedes einzelne kann Zutritt zum Netzwerk verschaffen und ist damit ein potenzielles Ziel für Eindringlinge.

IT- und Informationssicherheit in deutschen Unternehmen

Trotzdem sind viele Unternehmen nicht ausreichend vorbereitet. „Unsere Experten erleben in der Beratung regelmäßig, dass sich nicht alle Firmen der realen Gefahr bewusst sind und leichtsinnig mit Daten umgehen“, sagt Herbert Reul, als Innenminister in Nordrhein-Westfalen für den Verfassungsschutz verantwortlich. „IT-Sicherheit muss Chefsache sein“, meint Reul.

Die Technologie von Urenco in Gronau ist ein Musterbeispiel für sensibles geistiges Eigentum – und damit ein typisches Ziel für Wirtschaftsspione. Nach der Begrüßung machen sich Verfassungsschützer Voß und Sicherheitschef Wennemer durch Gänge voller Verbotsschilder auf den Weg. Voß erklärt schon mal, dass „Kronjuwelen generell mit weit mehr als IT-Updates und Spamfiltern geschützt werden müssen“. Er wundere sich immer wieder, wie viele Unternehmen das zwar theoretisch wüssten, aber nicht entsprechend handelten. Auch glaubten viele, dass sich Angreifer nur für neueste Informationen interessieren. Dabei seien auch ältere Patente eine begehrte Beute.

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