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Deutschlands innovativste Mittelständler „So viele Technologie-Weltmarktführer! Und trotzdem machen wir uns klein!“

Innovativer Mittelständler Biontech: Impfstoffproduktion in Marburg Quelle: Biontech

Barbara Siegert, Innovationsexpertin bei der Beratung Munich Strategy, erklärt die Vorteile des Innovationsstandortes Deutschland und sagt, was andere Unternehmen von Biontech lernen können.

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Barbara Siegert ist Expertin für Strategie- und Innovationsmanagement bei der Beratung Munich Strategy, die für die WirtschaftsWoche das Ranking der innovativsten deutschen Mittelständler erstellt hat. Zuvor verantwortete sie die Innovation und digitale Transformation beim niedersächsischen Molkereiunternehmen Deutsche Milchkontor.

WirtschaftsWoche: Frau Siegert, das Mainzer Unternehmen Biontech hat eine der größten Innovationen der vergangenen Jahrzehnte hervorgebracht. Löst Biontech nun in Deutschland einen Innovationsboom aus?
Barbara Siegert: Das zeigt doch - Deutschland kann Innovation! Das Beispiel Biontech wird nicht nur andere Gründerinnen und Gründer ermutigen, mehr in ihre eigenen Fähigkeiten zu vertrauen. Es rechtfertigt auch gezielte Forschungsförderung und Start-up-Entwicklung durch die öffentliche Hand. Das kann neue Maßstäbe für die Zukunft setzen – und Vertrauen in die deutsche Innovationsfähigkeit fördern.

Holt Deutschland jetzt im weltweiten Innovations-Wettbewerb auf?
Es gibt in Deutschland so viele Technologie-Weltmarktführer! Und trotzdem neigen wir dazu, uns klein zu machen! Wir reden hier leider immer nur vom Abwärtstrend. Natürlich erhalten Gründer in den USA und China immer noch leichter mehr Kapital. In Deutschland wird zu sehr in die Breite investiert, dafür zu wenig in Spitzenforschung für Hightech. Das liegt auch daran, wir in Deutschland mit dem Wort ‚Elitenförderung‘ oft ein Problem haben. Hier müssen immer alle gleichermaßen gefördert werden. Wenn Sie aber danach gehen, wo die Unternehmen besonders innovativ sind, dann liegt laut einer Studie des Bundesverbandes der Deutschen Industrie Deutschland auf Platz vier - nach der Schweiz, Singapur und Belgien. Die USA folgen erst auf Rang acht. Was in Deutschland immer besser funktioniert, ist der Austausch zwischen Wissenschaft, Politik und Unternehmen.

Im aktuellen Ranking über Deutschlands innovativste Mittelständler liegt Biontech auf Rang 3 hinter dem Medizintechnik-Hersteller Brainlab und Bizerba, einem Spezialisten für Waagen und Schneidemaschinen. Was machen Brainlab und Bizerba noch besser als Biontech?
Brainlab ist mit seiner Technologie um die Mixed-Reality-Brillen schon sehr weit vorn. Damit können Ärzte etwa komplizierte Operationen besser planen. Während der OP blicken sie dann dreidimensional auf den Kopf eines Patienten und können die verschiedenen Hirnschichten betrachten. Sehr faszinierend. Und  Bizerba hat ein völlig neues Geschäftsmodell entwickelt. Die sind längst nicht mehr nur Spezialisten fürs Wägen und Schneiden. Sondern Software-Spezialisten, die etwa ein intelligentes Brotregal entwickelt haben, das dem Marktleiter oder der Marktleiterin vom Supermarkt anzeigt, wann es Zeit ist, neue Brote in den Ofen zu schieben. Durch die Technologie kommen die Unternehmen auf neue Einnahmequellen. Und die sind in der Regel profitabler als die alten.

Spannend. Aber Biontech hat ja nun den Impfstoff der Zukunft entwickelt. Warum stehen die trotzdem nur auf Rang 3?
Wir betrachten in dem Ranking ja auch immer die wirtschaftliche Seite, also Umsatzwachstum und Ertragsquote. Und im vergangenen Jahr hat Biontech noch einen Verlust geschrieben. Daher liegen sie nicht ganz vorne. Beim Kriterium Technologiestärke hat Biontech allerdings den höchsten Wert erreicht.



Warum taucht eigentlich Curevac in Ihrem Ranking nicht auf? Haben Sie da schon geahnt, dass deren Impfstoff schlechter abschneidet?
Ein Kriterium im Ranking ist die Innovationswahrnehmung, wir sprechen dafür mit zahlreichen Branchenexperten. Diese war bei Biontech noch höher. Was uns bei Biontech besonders beeindruckt hat, war das All-in-Prinzip. Laufende Forschungsprojekte wurden auf Eis gelegt, alles ging in die Entwicklung des Impfstoffs. Innovation ist auch das bewusste Eingehen von Risiken.

Und mal ganz allgemein gefragt: Was sind die häufigsten Fehler, um Unternehmen daran hindern, innovativ zu sein?
Der größte Irrglaube im Mittelstand ist, dass Innovationen immer im Tagesgeschäft stattfinden müssen. Es ist oft besser, einen eigenen Platz für Innovationen zu schaffen, außerhalb des Tagesgeschäfts. Wir nennen das „Pirate Bay“. Hier wird anders gedacht, mit anderen Methoden gearbeitet. Natürlich fehlt es oft auch an der Bereitschaft, das eigene Geschäftsmodell zu hinterfragen, das oft schon so lange gut funktioniert. Auch die Vorteile von Partner-Netzwerken, die gemeinsam entwickeln, haben sich noch nicht überall herumgesprochen – dabei hinken wir in Deutschland tatsächlich noch hinterher. Kooperationen bringt aber meistens Geschwindigkeit und Schlagkraft, das hat man bei Biontech gesehen.

Mehr zum Thema: Ein exklusives Ranking zeigt die innovativsten Mittelständler Deutschlands. Die Sieger überzeugen mit hoch spezialisierten Hightechprodukten, die sie ständig weiter verfeinern. Mit ihren medizinischen Simulationen, Waagen und Kühlboxen sind sie weltweit erfolgreich.

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