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Die innovativsten Mittelständler Wie ein Algorithmus den besten Strompreis berechnet

Next Kraftwerke handelt über die hauseigene Handelsabteilung Strom aus Erneuerbaren Energien an verschiedenen europäischen Strombörsen und Regelleistungsmärkten. Quelle: Presse

Bis zu 96 Mal am Tag ändert sich der Strompreis. Ein Unternehmen aus Köln hilft den Erzeugern von alternativen Energien, davon zu profitieren.

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Sechs große Bildschirme hängen an den Bürowänden von Next Kraftwerke im hippen Kölner Stadtteil Ehrenfeld. Sie zeigen Börsenpreise, Wetterkarten, Luftströme, bunte Kurven, steile Graphen und viele Zahlen. „Wir kaufen einige Daten ein, beispielsweise Wetterdaten, generieren aber auch viele selbst“, sagt Jochen Schwill, einer der beiden Geschäftsführer von Next Kraftwerke. „Die Prognosen daraus erstellen wir dann im 15-Minuten-Takt.“ Diese Daten sind unabdingbar für den Erfolg des rund elf Jahre alten Unternehmens, da sich daraus ein Algorithmus entwickeln lässt. So entstehen exakte Prognosen für die Kraftwerkebetreiber, die virtuell miteinander verbunden sind. Sie benötigen diese Daten, um ihre Anlagen optimal auszulasten. 

Das Prinzip dahinter: Ein virtuelles Kraftwerk vernetzt dezentrale Erzeuger, Verbraucher und Speicher, um die natürlichen Schwankungen von Erneuerbaren Energien besser vorherzusehen und auszugleichen. Scheint die Sonne weniger oder weht der Wind schwächer, können andere Energien das potentielle Defizit ausbalancieren. Biomasse und Wasserkraft sind beispielsweise wetterunabhängiger als Solar- und Windenergie. Das hat vor allem zwei positive Folgen: Einerseits wird das Stromnetz dadurch stabiler, andererseits müssen sich die einzelnen Anlagenbetreiber nicht selbst darum kümmern, ihren Strom dem Markt bereitzustellen und können damit auch höhere Erlöse erzielen.

Preisdifferenzen nutzen

Denn Strom ist nicht immer gleich viel wert. Der Preis kann sich an der Börse „bis zu 96mal ändern am Tag“, so Schwill. Über das virtuelle Kraftwerk gebündelt können die Kunden die Preisdifferenzen für sich nutzen: Sie produzieren oder verbrauchen den Strom mithilfe des Algorithmus genau dann, wenn es sich für sie am meisten lohnt. Im Jahr 2018 hat die Firma mit diesem Konzept rund 627 Millionen Euro Umsatz gemacht.

Auf die Idee kamen die beiden Gründer Jochen Schwill und Hendrik Sämisch bei der gemeinsamen Promotion an der Uni Köln. Die Freunde haben sich gefragt: Wie sieht der Strommarkt in 20, 30 Jahren aus? Schnell war klar, „dass erneuerbare auch dezentrale Energie heißt und wir es irgendwie schaffen müssen, diese zusammenzuschalten und zu steuern“. Früher teilten sich die „großen Vier“ - E.ON, RWE, EnBW und Vattenfall – noch alleine den Markt auf. Die sogenannten „integrierten Versorgungsunternehmen“ besaßen eigene Netze und betrieben eigene Kraftwerke, alles kam aus einer Hand. Erst durch die Liberalisierung wurde der Strommarkt entflochten und Netze von Kraftwerken getrennt. Ein richtiger Wettbewerbsmarkt entstand, der den Weg frei machte für die Etablierung von Erneuerbaren Energien. „In der Liberalisierung lag unsere große Chance“, sagt Schwill. „Es ist zwar alles ein wenig vielfältiger als früher, aber es führt zu mehr Effizienz und Innovationen.“

Seit der Gründung 2009 konnte das Unternehmen mit mittlerweile 178 Mitarbeitern seine Stellung auf dem Strommarkt stetig ausbauen. 2013 bereits der Breakeven, 2019 waren sie der größte Photovoltaik-Direktvermarkter. Im zweiten Quartal 2020 sind mehr als 9500 vernetzte Anlagen in zehn verschiedenen Ländern am Netz, die rund 8000 Megawatt Leistung erbringen.


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„Es ist überfällig, den Markt so zu konzipieren, dass wir von den fossilen Kapazitäten wegkommen und ihn mit Blick auf ein überwiegend dezentrales System neu ausrichten“, sagt auch Simone Peter, Präsidentin des Bundesverbands Erneuerbare Energie (BEE). „Der Ökostromanteil beträgt schon heute mehr als 50 Prozent. Das zeigt, Erneuerbare Energien sind konkurrenzfähig zu fossilen Energieträgern.“ Sie ist sich sicher: Kleinere Unternehmen, die verstärkt auf digitale Lösungen setzen, können gegenüber größeren Konzernen mitunter sogar bessere Chancen haben, sich an neue Rahmenbedingungen wie Dezentralisierung oder CO2-Bepreisung anzupassen.

Genau das hat Jochen Schwill vor: „Wir sollen weiterwachsen, unsere digitale Expertise auch anderen zur Verfügung stellen und erneuerbare Energien global vernetzen.“

Mehr zum Thema: Ein exklusives Ranking zeigt, welche Mittelständler für die Zukunft gerüstet sind.

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