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Die Ungeduldige Carla Kriwet zieht in Drägerwerks Vorstand ein

Ehrgeizig ist sie, ohne dabei die Balance zu verlieren: Carla Kriwet, bisher Chefin der Region Zentral- und Nordeuropa in Lindes Healthcare-Sparte, hat ab Januar einen neuen Job. Die 39-jährige Mutter von drei Kindern wechselt als Marketingvorstand zu Drägerwerk, dem Lübecker Spezialisten für Medizin- und Sicherheitstechnik.

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Dräger-Werksfoto einer OP: Bei dem Medizingerätehersteller hat derzeit nur einer das Sagen - Eigentümer Stefan Dräger. Quelle: dpa

DÜSSELDORF/HAMBURG/MÜNCHEN. Die Managerin zieht es nicht nur von Bayern nach Schleswig-Holstein, sondern vom riesigen Dax-Konzern Linde in ein Familienunternehmen, gelistet im kleineren Index TecDax.

Bei Dräger hat derzeit nur einer das Sagen - Eigentümer Stefan Dräger, in fünfter Generation an der Spitze des vor mehr als 120 Jahren gegründeten Familienbetriebs. Erst seit Sommer 2010 notieren Stammaktien der Norddeutschen überhaupt an der Börse. Grund dafür war eine Kapitalerhöhung, die der Refinanzierung eines für Dräger wichtigen Geschäfts mit Siemens diente: Der Münchener Konzern hielt zuvor 25 Prozent an der Medizintechnik-Tochter - diesen Anteil kauften die Lübecker 2009 für je nach Geschäftsverlauf 250 bis maximal 285 Millionen Euro zurück.

Das Tempo bei Dräger ist enorm

Kriwets Aufgabe wird vor allem die Neustrukturierung der Vertriebsarme von Medizin- und Sicherheitstechnik sein, um den Vertrieb schlagkräftiger zu machen. "One Dräger" heißt das Motto des Unternehmens mit rund 11 000 Mitarbeitern weltweit, das beide Teile wieder kostensparend und wachstumsträchtig zusammenfügen will. In vielen Ländern arbeiten die Vertriebsmanager getrennt voneinander.

Das Tempo des Mittelständlers ist enorm, Drägers Geschäft brummt nach einer Rosskur wieder: Nach neun Monaten erzielten die Lübecker 2010 eine Ebit-Marge von 8,9 Prozent. 2010 wird Stefan Dräger zufolge das "beste Geschäftsjahr unserer Unternehmensgeschichte", der Umsatz wird die Grenze von zwei Milliarden Euro klar durchbrechen. Für 2011 erwartet Dräger für den überwiegenden Teil der Produkte ein freundliches Marktumfeld und geht von einem niedrigen einstelligen prozentualen Umsatzwachstum aus. Mittelfristig plant das Unternehmen, eine nachhaltige Ebit-Marge von mindestens zehn Prozent zu erzielen. Eine Herausforderung, die Carla Kriwet reizen dürfte.

Kriwet, die 2009 mit dem Handelsblatt-Preis "Karriere des Jahres" ausgezeichnet wurde, kommt ursprünglich aus Wittlaer bei Düsseldorf. Sie wuchs gemeinsam mit ihren vier Geschwistern auf, besuchte ein katholisches Mädchengymnasium und liebte Pferde. Ihr Vater Heinz war zu dieser Zeit Vorstandschef von Thyssen, später Aufsichtsratschef von Thyssen-Krupp. Seine Tochter ließ er immer selbst entscheiden, was ihre berufliche Zukunft angeht: Nach dem Abitur verließ Kriwet ihre heile, deutsche Welt, um ins afrikanische Burundi zu gehen. Dort half sie einem Arzt bei Aids-Kampagnen. Zurück in Deutschland, begann sie ein BWL-Studium in Würzburg und Sankt Gallen, wo sie später promovierte.

Ihre Karriere startete sie als Beraterin bei Boston Consulting in London. 2003 wechselte sie als Strategieleiterin zu Linde nach Wiesbaden. Zwei Jahre später steigt sie dann im Konzern zur Leiterin Homecare auf, zieht in die Nähe von München. Zuletzt war sie für den Bereich Healthcare in Nord- und Zentraleuropa zuständig.

Parallel zum beruflichen Aufstieg gründet die groß gewachsene, blonde Frau eine eigene Familie. Dabei ist ihr wichtig, dass ihre Kinder ohne Leistungsdruck aufwachsen und ihr Leben selbst gestalten - so wie sie selbst. Martin Koehler, Geschäftsführer der Unternehmensberatung Boston Consulting Group und Kriwets langjähriger Mentor, sagt: "Sie geht gern den unkonventionellen Weg - und nur selten den, der naheliegt. Sie überrascht immer wieder."

Bei Linde galt Kriwet durchaus als großes Talent. In der noch immer von Männern dominierten Branche machen nur wenige junge Frauen so schnell Karriere. Schon das verdeutliche die Zielstrebigkeit Kriwets, sagt ein Unternehmenskenner. In der neu aufgebauten Strategieabteilung, wo sie startete, habe sie einiges bewegt.

Bei Linde gilt Kriwet als schnell und fordernd - zuweilen ungeduldig. Mit dieser Zielstrebigkeit eckte die Managerin mitunter bei den Arbeitnehmervertretern an - vor allem beim Umbau innerhalb des Linde-Bereichs Healthcare. Bei einigen galt sie als Managerin US-amerikanischen Stils mit nicht allzu viel Gespür für die Mitbestimmung. Nicht alle im Arbeitnehmerlager bedauern daher ihren Weggang.

Unumstritten sind dagegen ihr Ehrgeiz und ihre Zielstrebigkeit: Als ein Grund für den Wechsel gilt, dass sie bei Linde wohl länger hätte anstehen müssen, um einen Vorstandsposten zu ergattern. Bei Dräger hat sie ihn nun - im kleineren Unternehmen - bekommen.

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